In dieser Ausgabe:
>> Mythos MoMA: Die großen Ausstellungen I
>> Malen als Endspiel: Nigel Cooke

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Auf der Suche nach Vollendung: "Das MoMa in Berlin" und die fortschrittlichen Visionen der Moderne


Wie ein Torpedo, das durch die Zeit jagt, stellte sich Alfred H. Barr Jr., der Gründungsdirektor des MoMA, das Modell für die Entwicklungen der modernen Kunst vor. Im MoMA in Berlin markieren über 200 Gemälde und Skulpturen den Weg durch das 20. Jahrhundert. Doch führt dieser Weg tatsächlich geradeaus? Oliver Koerner von Gustorf über die Begegnung mit Meisterwerken und die unorthodoxen Ansätze, mit denen die Museumsmacher das MoMA zum Mythos machten.



Ausstellungsansicht Das MoMA in Berlin, ( Moderne Anfänge), Neue Nationalgalerie
Foto: Jens Liebchen

Der Traum des Zöllners
Der Weg zur Moderne beginnt in der Berliner Neuen Nationalgalerie mit einer hypnotischen Vision. Hingestreckt auf einem leuchtend roten Sofa lauscht eine nackte, im Halbschlaf versunkene Frau dem Flötenspiel eines Schlangenbeschwörers; umgeben ist sie von schillernden Lilien, Dschungelpflanzen und wilden Vögeln. Ihre Hand weist auf ein im Gebüsch lauerndes Löwenpaar. Henri Rousseaus 1910 entstandenes Gemälde Der Traum schwankt zwischen in sich ruhender Schönheit und drohender Gefahr, zwischen Unschuld und Abgründigkeit. Wie passend erscheint dieses Bild als Ouvertüre zu einer Jahrhundertausstellung: Das MoMA ist in Berlin angekommen. Bereits in der ersten Woche strömten mehr als 25.000 Besucher in die transatlantische Kunstschau, die mit über 200 Meisterwerken aus der Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art Höhepunkte der Kunst des 20. Jahrhunderts präsentiert und zugleich auf die gesellschaftlichen Entwicklungen einer durch Weltkriege und den Terror des Nationalsozialismus gezeichneten Epoche zurückblickt.



Henri Rosseau: Der Traum I, 1910, The Museum of Modern Art, New York, Schenkung Nelson A. Rockefeller

Einen " Homer der Portiersloge" nannte der Maler Max Beckmann seinen Freund Rousseau, dessen Urwaldträume ihn "manchmal den Göttern nähergebracht hätten". Picasso, Delaunay, Kandinsky, Marc, Léger, Schlemmer, Ernst oder eben Beckmann: Eine ganze Generation von Künstlern suchte zu Beginn des letzten Jahrhunderts den Kontakt zu dem malenden Autodidakten, bei dem sie jene Formen und Archaismen entdeckten, mit denen sie selbst gerade experimentierten. Die visuelle Erzählung, die sich in Das MoMA in Berlin in zeitlich chronologischer Folge in den Hallen des Mies-van-der-Rohe-Baus entfaltet, fängt genau betrachtet mit einem Abschied an. Als Anfangspunkt der Schau scheint Der Traum einen für immer verlorenen Zustand festzuhalten - eine vermeintlich überschaubare, kindliche Welt, die wie ein botanischer Garten Eden anmutet. Das Traumbild des ehemaligen Zöllners ist von fast magischer Statik, von Stillstand und Kontemplation gekennzeichnet. Zugleich trügt diese primitive Idylle. In der auf einfache Formen reduzierten Dschungellandschaft löst sich die Zentralperspektive auf. An Stelle von fliehenden Linien treten klare, sich überlagernde Flächen, die zu einem unwirklich flachen Raum komponiert werden, der die surrealistische und fantastische Kunst der kommenden Jahrzehnte vorweg zu nehmen scheint.


Constantin Brancusi: Madmoiselle Pogany, Version I , 1913
Museum of Modern Art, New York
Erworben aus den Mitteln des Vermächtnisses von Lillie P. Bliss


Der Traum entstand im Todesjahr Rousseaus, der am 4. September 1910 in einem Pariser Krankenhaus an einer Blutvergiftung starb. Drei Jahre später übertrug Constantin Brancusi die von Guillaume Apollinaire verfasste Inschrift auf den Grabstein, die mit den Worten endet:

"Wir bringen Dir Pinsel, Farben und Leinwand
Damit du malst in der geheiligten Muße
Des wahren Lichts
Wie einst mein Bildnis
Im Angesicht der Sterne"



Robert Delaunay: Formes circulaires, soleil lune (soleil et lune, simultané nr.2)
Museum of Modern Art, New York Mrs. Simon Guggenheim Fund


Es scheint programmatisch, dass ausgerechnet ein Grenzgänger zur Moderne wie Henri Rousseau den Auftakt zu Das MoMA in Berlin bestreitet. Die Tour de Force durch das 20. Jahrhundert, in die der Besucher beim weiteren Gang durch die Ausstellung eintaucht, ist von formalen und künstlerischen Grenzüberschreitungen bestimmt, die sämtliche Lebensbereiche betreffen: persönliche Biographien, kulturelle, politische, technologische und soziale Veränderungen, Zukunftsvisionen und Reflexionen der Vergangenheit. Auch wenn der Direktor des MoMA, Glenn Lowry, bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der Ausstellung betonte, nicht die Institution des Museum of Modern Art sei der Star, sondern die Meisterwerke selbst spielten hier die Hauptrolle, so vermittelt sich in der Neuen Nationalgalerie zugleich ein Eindruck davon, wie unmittelbar die Geschichte des MoMA mit der Entwicklung der Kunst des vergangenen Jahrhunderts verbunden ist.


Ausstellungsbesucher im MoMA in Berlin, Neue Nationalgalerie
Foto: Jens Liebchen

Barrs Torpedo: Eine Geschichte mit offenem Ende
"Dieses Museum ist ein Torpedo, der sich durch die Zeit bewegt, seine Spitze die beständig voranschreitende Gegenwart, sein Schweif die sich beständig entfernende Vergangenheit der letzten fünfzig bis hundert Jahre". Alfred H. Barr Jr.(1902 -1982) hätte bei einem Interview in den sechziger Jahren wohl kaum treffendere Worte finden können, um rückblickend sein Lebenswerk zu beschreiben. Von 1929 bis 1943 als Gründungsdirektor und von 1947 bis 1967 als Leiter der Museumssammlung tätig, hat er wie kein anderer die Geschicke des MoMA bestimmt und zugleich die Sicht auf die Kunst seiner Zeit radikal verändert. (Lesen Sie hierzu den Artikel Alfred H. Barr Jr. und der Aufbruch der Moderne in Amerika in der letzten Ausgabe von db-art.info) Das Bild des Projektils, dass gradlinig durch die Zeit schießt, impliziert als klares Ziel den beständigen Fortschritt.

Für Barr, dessen Denken durch die klassische kunsthistorische Ausbildung in Princeton und Harvard, aber auch durch die Ideen des deutschen Bauhauses und die Auseinandersetzung mit industrieller Produktion geprägt war, erschien die Moderne als chronologisch verlaufende Geschichte mit offenem Ende - ein Kanon, in dem eine Kunstströmung die nächste einleitet und sich in dieser fortsetzt. Seine Kataloge und Publikationen, die noch heute als Lehrmittel verwendet werden, verdeutlichen diesen positivistischen Ansatz und die akademische Präzision, mit der er versuchte, die Strömungen der modernen Kunst zu analysieren und zu strukturieren. Das in den dreißiger Jahren noch revolutionäre MoMA-Konzept eines interdisziplinären multimedialen Museums, das in verschiedenen Abteilungen neben bildender Kunst auch Design, Fotografie, Architektur und Film mit einschloss, diente auch dazu, die gemeinsame fortschrittliche Entwicklung all dieser Bereiche für jedermann anschaulich zu machen.



Alfred Barr's Diagramme, die den Idealzustand der Sammlung des MoMA als
"Torpedo, das sich durch die Zeit bewegt" definieren, 1941
The Museum of Modern Art Archives, New York: Alfred H. Barr Jr., Papers 9a.15.


Wie stark Barrs Denken immer noch in der Geschichte des Museums präsent ist, zeigt auch der Ausstellungsaufbau des MoMA in Berlin in der Neuen Nationalgalerie. "Während der letzten neun Jahre hat sich das Torpedo ein wenig weiterbewegt, und das Komitee (des MoMA) würde es heute in folgender Form skizzieren...", schrieb er zu einem 1941 entstandenen Entwurf des Geschosses, das vertikal von den gestrichelten Linien in jene Zeitzonen eingeteilt wird, die es gerade passiert. Auf seiner Skizze finden sich Gauguin, van Gogh, Seurat und Rousseau zwischen 1875 und 1900 im Heck des Torpedos. Zwischen 1900 und 1925 bilden die Pariser Schule und die europäische Avantgarde den Rumpf, bis schließlich zwischen 1925 und 1950 nordamerikanische und mexikanische Kunst zunehmend Platz einnehmen und die Nase bilden, die in die Zukunft ragt. Im Vergleich zu diesem aufs Papier gebrachten Schema wirkt es in der Neuen Nationalgalerie geradezu, als könne sich der Besucher leibhaftig durch das Innere dieses imaginären Torpedos bewegen.

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