In dieser Ausgabe:
>> Artcouture
>> Comics für Louis Vuitton
>> Issey Miyakes Laufstegkunst
>> Die Muse der Mode: Claudia Skoda
>> Der Labelpirat Olaf Nicolai

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Franz Erhard Walther: Roter Wechselgesang, 1983 mit Jörg Immendorf rechts

Mitunter läuft dieser Streit auf Missverständnisse hinaus. Ein Künstler wie Franz Erhard Walther stellt für seine Werksätze zwar seit den späten sechziger Jahren Hosen, Jacken und Mäntel her, die er in Stoffassemblagen und monochrom in gelb, rot oder blau gehaltene Farbräume integriert. Doch im Interview auf seine Vorliebe für Kleidung angesprochen, erklärte er 1994 einigermaßen besorgt:


Franz Erhard Walther: Feld entwickelt Sprache I, o. J.,
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bildkunst Bonn 2004

"Wenn man den Mantel sieht, denkt man ja vielleicht an ein Kleidungsstück. Doch dieser Begriff zerstört die Idee: Es ist eine Ummantelung. Ich bin für die Begriffe, mit denen das umschrieben wird, verantwortlich. Mit der Bezeichnung ‚Kleidungsstück' verbleibt es im Allgemeinen, es fällt aus dem Kunstzusammenhang heraus. Den aber brauche ich."

Anders als bei dem gegenwärtigen Trend, Mode und Kunst im Siegeszug des Designs zusammen zu denken, beharrt der 1939 geborene Walther auf künstlerischer Differenz, die in der Beschäftigung mit dem Material liegt, und die bei ihm in dem Satz mündet: "Ich bin die Skulptur". Die Verwendung von Stoff soll dessen haptische Qualitäten betonen, nicht aber als Symbol für eine modebewußte Garderobe gelesen werden. Zugleich versucht Walther, bei seinen Arbeiten den Betrachter aktiv mit einzubeziehen: Die selbst gefertigen Hosen, Mäntel und Jacken zeugen von der Möglichkeit, sie als Kleidung in Besitz zu nehmen.

Damit geht die Vorstellung einher, dass sich der Betrachter den Raum zumindest imaginär aneignen und somit selbst zum Teil des Settings werden kann. Das meint Walther mit "Ummantelung" - der Mensch entwickelt in der Wahrnehmung von Kunst ein Eigenleben, er wird zum Körper, der die Hohlform, oder besser gesagt: die vorgegebene Hülle der Kunst füllt.

Franz Erhard Walther: Die Körper sprechen,
1968/70, Sammlung Deutsche Bank

Trotzdem spielen auch für Walther praktische Überlegungen bei der Auswahl des Materials eine Rolle, von der Dehnbarkeit bis hin zur flexibleren Bearbeitung im Vergleich etwa zu traditionellen Bildträgern wie Marmor, Holz oder Stahl. Wenn Walther seine Skulpturen und kleiderähnlichen Objekte aus Stoff herstellt, dann folgt er also auch Kriterien, die ein Couturier anlegt.

Joseph Beuys:
Der Eurasier 1, 1971 Sammlung Deutsche Bank, © VG Bildkunst Bonn 2004
Andy Warhol: Joseph Beuys in Memoriam, aus "Für Joseph Beuys", 1986, Sammlung Deutsche Bank

Dagegen war sich Joseph Beuys von Beginn an darüber im Klaren, dass sich die äußere Erscheinungsform aus dem visuellen Profil seiner Aktionen ergeben musste. Während er sich die ersten zehn Jahre seiner Karriere als damals noch malender Künstler nach Art früher Bürger-Boheme im schwarzen Anzug mit Krawatte präsentierte, wechselte er 1960 sein Image und trat nur mehr in Jeans, Arbeitsweste und mit Stetson auf. Der markante Look ließ sich als Mischung aus Arbeits-Kleidung und Western-Style interpretieren, schließlich war Beuys ein Mann der Tat, stets bereit zur Revolution. Dann aber finden sich von ihm doch wieder überraschende Aussprüche, die das Selbstbild des titanischen Schöpfers und Outlaws parodieren, wenn er über seinen notorisch gewordenen Hut erzählt: "Als ich diese ersten Aktionen gemacht habe, da hatte ich einen Hut und ich hatte den Eindruck, ich muss so bleiben, wie ich bin. Ich wollte mich eigentlich in ein Naturwesen verwandeln. Ich wollte also immer dasselbe haben - so wie ein Hase Ohren hat, so wollte ich einen Hut haben! Ein Hase ist kein Hase mehr, wenn er keine Ohren hat - da habe ich gedacht: der Beuys ist kein Beuys mehr, wenn er keinen Hut hat". Wieder war es Warhol, der Beuys in seiner Identifizierung mit dem Hut ernst nahm: Auf seinen Beuys -Siebdrucken füllt der Stetson die Hälfte der Bildfläche aus. Warhol wusste eben, wie man mit Ikonen umgeht, auch das hatte er mit seinem deutschen Gegenüber gemeinsam. Immerhin ist der 1970 hergestellte graue Filz-Anzug von Beuys zu einem schwer aufgeladenen Symbol der bundesrepublikanischen Vergangenheitsbewältigung geworden.

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