In dieser Ausgabe:
>> Artcouture
>> Comics für Louis Vuitton
>> Issey Miyakes Laufstegkunst
>> Die Muse der Mode: Claudia Skoda
>> Der Labelpirat Olaf Nicolai

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"Jetzt wird nicht mehr gequatscht, sondern gezwitschert": Ein Interview mit der Berliner Designerin Claudia Skoda



Kunst und Papier auf dem Laufsteg: Als im Frühjahr 1998 anlässlich von James Rosenquists Ausstellung The Swimmer in the Econo-mist eine außergewöhnliche Modenschau mit tragbaren Künstlerunikaten in der Ausstellungshalle des Deutsche Guggenheim über den Laufsteg ging, war sie die künstlerische Leiterin: Claudia Skoda ist Schlüsselfigur der Berliner Couture und Ikone der Undergroundszene der siebziger und achtziger Jahre. Mit ihrem aufwändigen und experimentellen Herangehen an Materialien, Muster, Farben und Schnitte, enthob sie den Strick restlos und radikal seines bisherigen biederen Rufs und entwickelte ihn zu einem ganz eigenständigen Stil.

Martin Kippenberger: Spielkarte mit Dame Claudia Skoda, 1978 Claudia Skoda: Kollektion Frühjahr/ Sommer 2004


Starke Farben, neue Garne und Designs, die Skoda nahtlos auf den Körper brachte, machen ihre Arbeiten bis heute sofort erkennbar. Legendär sind ihre Modenschauen, die in einer einzigartigen Mischung aus Mode, Performance, Kunst und Musik für internationales Aufsehen sorgten.


Claudia Skoda - Porträt

Ganz gleich ob Claudia Skoda die heftigen Maler Salomé und Luciano Castelli über die Köpfe der Zuschauer auf Hochseiltrapezen hinwegfliegen ließ, mit Musikern von Kraftwerk Platten aufnahm, in den Filmen von Ulrike Ottinger auftrat oder sich von der Freundschaft zu Martin Kippenberger, Iggy Pop und David Bowie inspirieren ließ, ihr Hang zum Gesamtkunstwerk ist unübersehbar. Auch wenn die Kosmopolitin ihren ersten Store in New York eröffnete, von wo aus sie zwischen Deutschland und SoHo hin und her pendelte, ist sie ihrer Geburtsstadt Berlin treu geblieben. Im letzten Jahr eröffnete sie ihr neues Geschäft in der Alten Schönhauser Straße in Berlin Mitte. Hier befindet sich auch die Manufaktur, in der ihre Mode von Hand gefertigt wird. Maria Morais und Oliver Koerner von Gustorf haben Claudia Skoda an ihrem Arbeitsplatz besucht und sich mit ihr über Kunst und Papier auf dem Laufsteg, zwitschernde Models, und den kreativen Nährboden für Kunst und Mode unterhalten.


James Rosenquist bei der Ausstellungseröffnung von "The Swimmer in the Econo-mist" im Deutsche Guggenheim.

Es ist ja bereits ein paar Jahre her, seitdem Sie die künstlerische Leitung für "Kunst und Papier auf dem Laufsteg" im Deutsche Guggenheim übernommen haben. Wie war die Stimmung damals?

1998 bestand das Museum ja erst ein Jahr und war noch ganz neu für Berlin. Irgendwie herrschte auch ein experimenteller Geist vor. So spielten auch die Pförtner des Deutschen Guggenheim bei der Inszenierung der Modenschau eine besondere Rolle: Sie trugen speziell entworfene Unterwäsche von Tobias Rehberger, die man unter ihren Uniformen natürlich nicht sehen konnte. Später liefen die mit Rehbergers Unterwäsche ausgestatten Wachleute über den Laufsteg und es war schon etwas schwierig, dem Publikum zu vermitteln, was dabei eigentlich gezeigt wurde. Auch die Entwürfe von John Bock stellten für die Beteiligten eine Herausforderung dar, da er die Modelle vor der Show über und über mit Rasierschaum überzogen hatte. Einige Arbeiten trafen erst kurz vor der Show ein, darunter auch die von John Bock, der durch mich in die Modenschau aufgenommen wurde, ebenso wie die Arbeiten von Rainer Fetting oder Luciano Castelli. Anfänglich bestand die Auswahl des Deutsche Guggenheim für die Modenschau nur aus sechs oder sieben Leuten. Alle anderen zusätzlichen Künstler wurden von mir ins Spiel gebracht. Es waren damals wirklich ein paar sehr, sehr nette Sachen dabei.


Kunst und Papier auf dem Laufsteg (John Bock), 1998

Diese Meinung haben die Profi-Models anscheinend nicht immer geteilt....

Das hatte mit der Kunst von Alba D'Urbano zu tun und war eigentlich ganz heikel. Sie hatte Trikots entworfen, auf die nackte Frauenkörper gedruckt waren. Einige Models haben sich geweigert, diese Trikots anzuziehen.

Weil sie sich nackt fühlten? Eher weil sie die Kleidung nicht als besonders ästhetisch empfanden. Besonders nicht die hängenden Brüste, die auf den Kleidern dargestellt waren. Es waren aber wirklich ganz tolle Arbeiten von D'Urbano. Es war zu dem Zeitpunkt ja auch noch nicht so lange her, dass der Film von Robert Altman Pret-a-Porter in den Kinos gelaufen war, in dem Models am Ende nackt über den Laufsteg gehen...


Kunst und Papier auf dem Laufsteg (John Bock), 1998 Alba D'Urbano, "Il Sarto Immortale: Coture", 1997-2000


Sie haben die Schau entscheidend mitgestaltet. Wie würden Sie das künstlerische Konzept für "Kunst und Papier auf dem Laufsteg" beschreiben?

Für die Modenschau im Deutsche Guggenheim habe ich die Vorzeichen von Kunst und Mode umgedreht. Wenn Künstler eine Kollektion entwerfen, stellt sich natürlich auch die Frage, wie diese Mode oder wie diese Kunst zu tragen ist. Unser Konzept bestand in einer Art Umkehrung: Wir haben uns künstlerischer Mittel bedient und meine Mode in einer Performance inszeniert, so als wäre sie Kunst.. Im Gegensatz dazu wurden die eigentlichen Kunstwerke, also die von Künstlern gestalteten Arbeiten, in der Form eines ganz klassischen Defilee präsentiert. Die Idee war, die Künstlerarbeiten wie bei den Schauen in Paris, als aktuelle Kollektion vorzuführen. Es ging mir darum, die Kunstobjekte durch die Art der Präsentation zur Mode zu erklären.


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