In dieser Ausgabe:
>> Exklusiv: Richard Artschwager
>> Genialer Kosmopolit: Robert Wilson
>> Kunst auf allen Etagen
>> "Waterworks" in der Lobby Gallery

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Sie entwickeln gegensätzliche Zustände, als ob gleichzeitig Dokumentarisches und Antidokumentarisches entstehen würde.

Meinen Sie mit dem Dokumentarischen eine Erzählung oder ein einzelnes Standbild aus einer Erzählung?

Ein Standbild, das seine Informationen oder Desinformationen aus dem realen Leben bezieht, wie das bei Edward Hopper der Fall ist, wenn er das Braten von Eiern zeigt oder die Tragödien, die sich in jeder der kabinenartigen Räume in seinen Gemälden abspielen, während in Ihrem Werk diese Bezüge eher im Dunkeln liegen oder zurückgenommen sind, obwohl das Resultat letztlich verstörender wirkt.

Ja. Ich hatte einmal eine dieser Veranstaltungen, bei denen man mit Hochschulabsolventen diskutiert, Kritik anbietet und irgendetwas zusammen macht. Wir versammelten uns an einer bestimmten Straßenecke, ich wählte ein Fenster dieses Gebäudes und konzentrierte die Aufmerksamkeit eines jeden auf die Dinge, die dort passierten. Ich stieß dabei auf so manche unbeschwerte Fantasievorstellung.


blp on power plant, New York

Bei den Arbeiten von Gursky ist das dokumentarische Versprechen von Distanz gekennzeichnet.

Ich würde sagen, dass Gesellschaftskritik keine Rolle spielen sollte.

Würden Sie mir das bitte erläutern?

Alles hat seine Bedeutung. Das war eine regelrechte Erleuchtung mit Neununddreißig, kurz bevor ich Vierzig werden sollte, was kann man da machen? Bloß keine Zeit verschwenden. Ich bin in diesem Laden, stelle Möbel her - ich hatte ein paar Typen, die dort für mich arbeiteten. Ich konnte ihre Sprache, Spanisch, und kam ihnen dadurch näher. Das geschah nicht zufällig, es war sehr bewusst. Die einzige Möglichkeit, wie ich zusätzliche Zeit gewinnen kann, ist anwesend zu sein, bei allem, was geschieht - anwesend sein.

Ist die Distanz bei Lefrak City oder Apartment House oder Office Scene -

Wissen Sie, ich finde sie gar nicht so distanziert.

Sie wirken wie in der Schwebe und beunruhigend -

Da kommen wir auf etwas zurück, worüber wir vorher schon gesprochen haben. Wenn man alles auf einmal sieht, bilden sich Kategorien. Ja/Nein waren eine bedeutende Erfindung. Wir haben das erfunden. Ja/Nein impliziert ein Gefühl für Mengenlehre, das Entstehen von Kommunikation, Zeitgewinn. Sprache ist eine Verkürzung von allem, was geschieht, aber es wäre fürchterlich, auf sie verzichten zu müssen. Wie erklären Sie sich den Wandel von den früheren Zeichnungen zu denen von heute? Die neuesten Arbeiten besitzen eine geradezu majestätische Qualität.

Oh, vielen Dank. Ich habe gerade eine Reihe von ihnen fertiggestellt. Eine Zeitlang war alles ziemlich unergiebig - das passiert ab und an. Ich habe sie in den letzten Tagen nebeneinander hängen gehabt, sie sind wirklich ziemlich gut. Eine größere Anzahl von ihnen ist kleinformatig. Mindestens ein halbes Dutzend sind bloß in irgendeiner Form Wiederholungen. Es gibt da eine Konturzeichnung einer Schulter: des Vorderarms, der Ellbogen wirkt wie abgeschnitten. Nur das.

Wie in den Zeichnungen von Ingres, wo er die Hände besonders betont?

Ja, so ähnlich. Eine allgemeingültige Geste. Als ob ein Einschnitt vorgenommen worden ist.

Das ist ungewöhnlich bei Ihren Zeichnungen. Das erinnert mich eher an Skulptur.

Es gab Zeiten, da war ich regelrecht unfähig, mich überhaupt mit Skulptur zu beschäftigen - Alle Arbeiten, die ich in der letzten Woche produziert habe, besitzen eine gewisse Substanz, wenn es sich dabei vielleicht auch um etwas wie Pizzateig in einem Ball, der vor- und zurückgeworfen wird, handeln mag - ein bestimmtes Maß an Integrität, was nicht sehr viel ist. Einige scheinen eher fließend zu sein, andere wirken eher statisch. Zwangsläufig existiert dort Schwerkraft, ich will nicht sagen, sie sind abstrakt, sondern bloß Monaden mit irgendetwas dazwischen.



Untitled (Vista Landscape), 1981
Sammlung Deutsche Bank ©VG Bild-Kunst, Bonn 2003


Querschnitte?

Seitenansichten! Renoir fertigte in seinen späteren Jahren lineare Zeichnungen an, eine Art Reinigungsprozess von seinen früheren Ausschweifungen - in ihnen wird sichtbar, dass man mit Verfremdungen arbeiten muss. Eine Kontur sollte andeuten, dass die Dinge vorhersehbar sind. Ich sehe Dinge, die Sie sehen, und Sie Dinge, die ich sehe. Kunst ist ein sozialer Vorgang. Sie ist eine Form der Kommunikation. Man lernt viel von Zeichnungen, das gilt selbstverständlich auch für die Zeichnungen von da Vinci.

Haben Sie die da Vinci-Ausstellung im Metropolitan Museum gesehen?

Im Winkel von 45 Grad, man kam einfach nicht näher heran. Aber in der Reproduktion sehen sie wirklich großartig aus. Vor Jahren habe ich von ihnen viel lernen können. Aber ich habe auch viel von meiner Mutter gelernt, sie war wirklich in Ordnung.

Nach ihrem Studium an der Corcoran School of Art in Washington war sie Künstlerin. Haben Sie die Zeichnungen von da Vinci für die Schlacht von Anghieri gesehen -

Die Pferde?

Ja.

Das ist die größte Zeichnung aller Zeiten. Überaus beeindruckend! Ich glaube, es handelt sich um dieses Blatt, aber es gibt auch noch eine kleinere Version oder Variante. Der Anblick hat mich regelrecht in Verzweiflung gestürzt.

Die Zeichnung ist erstaunlich. Das ganze Sterben, all diese Menschen, die töten. Erschöpfung und Beschleunigung schlagen gleichzeitig aufeinander ein. Eine stetige Vor- und Rückwärtsbewegung, die mich durchaus an Ihre Arbeit erinnert. Die Sensibilität von da Vinci ist der Ihren ähnlich, auch wenn das auf die Art zu zeichnen nicht zutreffen mag. In welcher Form wird in Ihren jüngsten Zeichnungen und Gemälden Information angestoßen und vorangetrieben?

Das geschieht von ganz allein. Man nimmt automatisch Dinge auf, wenn man sich selbst etwas beibringt, aber man sollte auch ein wenig suchen, diesen Anspruch muss man haben: man realisiert nicht bloß ein Standbild. Von diesem Standbild geht man anfangs aus, aber ein Bild bewegt sich nicht.

Bei dem Schlachtenbild da Vincis befindet sich der Betrachter in der Mitte des Kampfgetümmels.

Oh, ja. Weil er einen ganz nahe heranholt - und wem ist etwas ähnliches gelungen? Braque.

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