In dieser Ausgabe:
>> Revolte oder Restauration? Junge Malerei in Deutschland
>> Das Phänomen Kippenberger
   >> Martin Kippenberger und die Familie Grässlin
   >> "Er war eben ein schneller Brüter..."

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Martin Kippenberger und die Familiensammlung Grässlin



Martin Kippenberger, Familie Hunger, 1985, Sammlung Grässlin, St. Georgen

In diesem Jahr wäre Martin Kippenberger fünfzig Jahre alt geworden. Zur Zeit erfahren sein Werk und der Mythos um seine Person in zahlreichen Ausstellungen beim jungen Publikum große Resonanz. War der Titel der internationalen Malerei-Ausstellung in der Frankfurter Schirn "Lieber Maler, male mir..." – Radikaler Realismus nach Picabia einer Werkgruppe Kippenbergers entliehen, ist sein Einfluss auf nachfolgende Künstlergenerationen auch bei aktuellen Schauen wie deutschemalereizweitausenddrei im Frankfurter Kunstverein ( mehr Bilder) oder Painting Pictures im Kunstmuseum Wolfsburg deutlich spürbar. Anlässlich seines Geburtstags wird Kippenberger im Karlsruher Museum für Neue Kunst mit Das 2. Sein – der ersten großen Werkschau nach seinem Tod – geehrt, und der Kunstverein Braunschweig bietet nun erstmals einen Gesamtüberblick der Multiples. Ab dem 16. April wird sein zeichnerisches Werk in der Kunsthalle Tübingen vorgestellt, die auch eine Vielzahl von Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank präsentieren wird.

Mit wichtigen Leihgaben ist bei allen genannten Ausstellungen außerdem eine Privatsammlung präsent, deren Geschichte nicht nur von dem Einsatz für Kippenbergers Werk, sondern auch von den persönlichen Beziehungen zum Künstler geprägt ist: Wie kaum eine andere deutsche Sammlung von Gegenwartskunst zeichnet sich die Familiensammlung Grässlin durch ihre besondere Bindung an die von ihr gesammelten Künstler, ihre Ideen und Visionen aus.

Während der 1976 verstorbene Unternehmer Dieter Grässlin und seine Frau Anna seit Ende der sechziger Jahre im badischen St. Georgen mit bedeutenden Werken der "Informellen Malerei" und des süddeutschen Konstruktivismus den Grundstein der Sammlung legten, begannen die Kinder Thomas, Sabine, Bärbel und Karola

gemeinsam mit der Mutter Anfang der achtziger Jahre diese um einen neuen Teil zu erweitern: Unter dem Titel Vom Eindruck zum Ausdruck war 1999 eine umfassende Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen diesem jüngeren Abschnitt der Sammlungsgeschichte gewidmet.



Stadthof, Unterkirchnach 1993, Gruppenfoto anlässlich des 40. Geburtstags von Martin Kippenberger
Foto: Thomas Berger, St. Georgen


Der dem 1981 entstandenen Gemälde von Martin Kippenberger entlehnte Titel der Hamburger Schau markiert auch jenen Zeitraum, in dem das gezielte Engagement der Familie Grässlin für die junge Kunst der achtziger Jahre einsetzte: Neben Künstlern wie Isa Genzken, Reinhard Mucha oder Günther Förg waren es etwas später auch Albert Oehlen und Markus Oehlen, Werner Büttner und Martin Kippenberger, die in die Kollektion aufgenommen wurden – mit Malerei und Installationen, deren konzeptioneller Ansatz sich in ihrer Sprödigkeit und Ironie vermittelte.

Mit durchaus unterschiedlichen Positionen sind die einzelnen Familienmitglieder bis heute ihrer Strategie treu geblieben, eine Sammlung unangepasster Kunst aufzubauen, die soziale und politische Kontexte reflektiert. Durch Karola Grässlin, die den Braunschweiger Kunstverein leitet, fanden schon früh Künstler Einlass in die Sammlung, die heute zu prominenten deutschen Vertretern der jüngeren Generation gehören: Kai Althoff, Cosima von Bonin, Michael Krebber, Heimo Zobernig.

Bis zu seinem Tod 1997 blieb Martin Kippenberger der Familie eng verbunden. So auch Bärbel Grässlin, die seine Arbeit in ihrer Frankfurter Galerie seit Mitte der achtziger Jahre in zahlreichen Einzelausstellungen präsentiert hat. Erst jüngst waren dort seine Weissen Bilder von 1991 zu sehen. Lesen Sie ein Interview mit Bärbel Grässlin über die aktuellen Ausstellungen und das "Phänomen Kippenberger".

Zur Ausstellung Das 2.Sein im Museum für Neue Kunst in Karlsruhe ist im Dumont-Verlag ein Katalog erschienen:

Götz Adriani (Hrsg.), Martin Kippenberger - Das 2.Sein, DuMont, Köln 2003.

KvG.