In dieser Ausgabe:
>> Revolte oder Restauration? Junge Malerei in Deutschland
>> Das Phänomen Kippenberger
   >> Martin Kippenberger und die Familie Grässlin
   >> "Er war eben ein schneller Brüter..."

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Revolte oder Restauration?
Junge Malerei in Deutschland

In diesem Frühjahr sind gleich drei gewichtige Ausstellungen in Deutschland der Bestandsaufnahme zeitgenössischer Malerei gewidmet. Zahlreiche Künstler dieser Schauen sind mit Arbeiten auf Papier ebenfalls in der Sammlung Deutsche Bank vertreten. Oliver Koerner von Gustorf über die umstrittene Wiedergeburt eines Genres und die Schwierigkeiten, "definitiv von heute" zu sein.

Jedem sind bestimmte Körperhaltungen vertraut, die zum Betrachten von Kunst gehören: Der konzentriert auf die Wand gerichtete Blick, die in Hosen- und Manteltaschen vergrabenen Hände, unter den Arm geklemmte Kataloge, das nachdenkliche Verharren im Raum. All diese Gesten sind in Museen und Galerien ebenso häufig zu beobachten, wie der lässig-urbane Dresscode, der dem jungen Kunstpublikum auf der ganzen Welt zu eigen ist.


Tim Eitel
Krümmung, 2002
Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

Die Eindrücke, die man in einem Ausstellungsraum vor Tim Eitels Bildern sammeln kann, doppeln sich in den Situationen, die er auf der Leinwand in Öl und Acryl festhält: Seine Gemälde zeigen Betrachter von Malerei, umgeben vom Ambiente kühl anmutender Büroetagen und lichtdurchfluteter Ausstellungshallen. Moderne Kunsträume und ihre Besucher erscheinen hier als Teil einer stilisierten Zivilisationslandschaft, in der Menschen, Kunst, Mode und Architektur zu einem vielschichtigen ästhetischen Konstrukt verschmelzen. Raffiniert treibt der 1971 geborene Maler mit seinen klar gegliederten Bildkompositionen die Schärfe des fotografischen Realismus bis an die Grenze der Abstraktion. Gelassen richten sich seine Museumsbesucher in einer vielschichtigen Kunstwelt ein, in der sich präzise aufgetragene Farbflächen mit Zitaten industriellen Designs wie auch der Malereigeschichte überlagern.


Tim Eitel
Frankfurt, 2002
Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin


Die jugendlichen Gestalten, die seine Gemälde bevölkern, sind "so definitiv von heute, dass es eine Sensation ist", befand die taz angesichts von Eitels diesjähriger Einzelausstellung in der Berliner Liga Galerie und bemerkte, bislang habe man in der zur Zeit beobachteten Renaissance figürlicher Malkunst keine "so intellektuelle, unheroische Malerei gesehen, die gleichzeitig um den Heroismus der Moderne wisse".

Mit deutschemalereizweitausenddrei im Frankfurter Kunstverein, Lieber Maler, male mir in der Frankfurter Schirn und Painting Pictures im Kunstmuseum Wolfsburg konzentrieren sich in diesem Frühjahr gleich drei gewichtige Ausstellungen in Deutschland auf die Bestandsaufnahme zeitgenössischer Malerei. Neben Tim Eitel sind zahlreiche Künstler dieser Schauen mit Arbeiten auf Papier in der Sammlung Deutsche Bank vertreten. Eberhard Havekost, Bernhard Martin, Daniela Wolfer oder Franz Ackermann sind nur einige Namen. Sie stehen für eine Generation, deren Umgang mit den Mitteln der Malerei vom Kulturbetrieb mit dem Anspruch belegt wird, "definitiv von heute zu sein".

Eberhard Havekost
37 ° C, 2001
©Galerie Gebr. Lehmann, Dresden

Sammlung Deutsche Bank
Eberhard Havekost
Ohne Titel, aus "Sympathie", 1999
©Galerie Gebr. Lehmann, Dresden

Sammlung Deutsche Bank

War es im Bereich der bildenden Kunst über Jahre vor allem Video, Performance, Installation und Konzept vorbehalten, Gegenwart und Zeitgeist zu reflektieren, geht der Trend schon seit geraumer Zeit zur Leinwand zurück. Eine neue Lust an der malerischen Bildfindung ist ausgebrochen, die sich vor allem aus den Paradigmen der Warenwelt und der populären Kultur speist und eng mit Diskursen um mediale Vorbilder und Abbilder verbunden ist. Öffentliche Themen, die noch während der neunziger Jahre in Deutschland heftig diskutiert wurden, wie die fortbestehende Last der deutschen Geschichte in der Berliner Republik, werden von den meisten einheimischen Künstlern dieser Generation gemieden oder mit Distanz und Witz angegangen.

Besonders die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein, die ihre Auswahl auf deutsche Künstler begrenzte, hat in den Feuilletons für heftige Auseinandersetzungen gesorgt. Während Florian Illies im Spiegel euphorisch eine "neue Frankfurter Schule des Sehens" ausrief, den Kunstverein zur nationalen Bildungsanstalt erklärte und der Ausstellung gar historisches Potenzial zubilligte, reagierten andere Kritiker mit Unmut und verhaltenem Spott. So war etwa zu vernehmen, dass die zwischen 1965 und 1975 geborenen Erben von Polke, Richter und Kippenberger zwar virtuose Handwerker und Meister in der Herstellung ästhetisch ausgefeilter Bildoberflächen seien, das Ergebnis der Pinselei jedoch parteilos und inhaltsleer. Die Images der Massenkultur, die sich in Arbeiten von Künstlern wie Johannes Wohnseifer, Wawrzyniec Tokarski (mehr hier) oder Johannes Spehr mit Ironie und gesellschaftspolitischen Zitaten paaren, und die adoleszenten Mädchenwelten von Katharina Wulff werden hierbei ebenso als Zeichen einer verfrüht herbeigeredeten Auferstehung deutscher Malerei gewertet.


Bernhard Martin
Public Holiday IV, 1998
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Sammlung Deutsche Bank

Ist das neugeweckte Interesse an figurativer Malerei nun tatsächlich mit restaurativen Tendenzen in krisengeschüttelten Zeiten zu begründen? Verbindet sich die vermeintliche Rückkehr zu Öl, Acryl und Leinwand mit einer Sehnsucht nach sicheren Wertanlagen, nach Kunst, die sich in Anbetracht leerer Kassen gleichermaßen in Museen wie auch über der Couch von Privatsammlern präsentieren lässt? Reagieren die massenhaften Ausstellungen zur Malerei auf die spätestens von der documenta X verordnete Theorielastigkeit? Oder rebellieren hier neue Generationen mit frischen Bildern gegen ideologische Vereinnahmung und veraltete Vorstellungen von Malerei?


Wawrzyniec Tokarski
MANGA, 2000
©Wawrzyniec Tokarski, Berlin

Sammlung Deutsche Bank



Johannes Spehr
Ohne Titel, 1995
©Thomas Rehbein Galerie, Köln

Sammlung Deutsche Bank

Ein Blick auf die Arbeiten der in der Sammlung Deutsche Bank vertretenen Künstler, die seit Mitte der neunziger Jahre gesammelt wurden, genügt, um festzustellen, dass die meisten "neuen" Maler "alte Hasen" sind, die sich seit Jahren unter ganz unterschiedlichen Vorzeichen mit dem Genre beschäftigen. Maler wie Eberhard Havekost, Katharina Grosse oder auch Franz Ackermann, dessen Arbeiten nun im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen sind, wurden bereits vor Jahren hoch gehandelt.

Während Magazine wie die deutsche Elle im Schnelldurchlauf Künstler wie Frank Bauer oder Johannes Kahrs unter dem vereinheitlichenden Motto "Ganz schön realistisch" einem breiten Publikum bekannt machen, wird vernachlässigt, dass diese bereits seit langer Zeit einen Kunstdiskurs mitbestimmen, der verschiedene Genres einschließt und durchaus auch akademisch geführt wird. In ihrem Bemühen, Zeitgeist zu reflektieren, erinnern die medienwirksamen Debatten um neue realistische Mallust, Pop, Marketing und Politik allerdings an ein anderes nationales Phänomen, das bereits Mitte des vergangenen Jahrzehnts für Aufregung und Umsatz sorgte – und zwar nicht auf dem Kunst-, sondern auf dem Buchmarkt.

Die Befreiung von gesellschaftspolitischer Befindlichkeitsprosa, die von unterschiedlichen deutschen "Popliteraten" wie Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad Barre, Sven Lager oder Elke Naters mit Veröffentlichungen wie Tristesse Royal (mehr hier) oder dem Internetprojekt pool vorangetrieben wurde, geschah damals unter ganz ähnlichen Vorzeichen wie die aktuelle Hinwendung zur Malerei. Vor Pinsel und Leinwand wurde bereits der Entwicklungsroman rehabilitiert: Twens, die ihre Freizeit bislang vorwiegend vor dem Computer, in Clubs oder über Lifestyle-Zeitschriften verbracht hatten, stürmten in den Neunzigern die Buchläden, um Krachts Deutschland-Odyssee Faserland (1995) oder Stuckrad Barres Liebeskummer-Buch Soloalbum (1998) zu erstehen.

Die autobiografische Rückschau auf das (zumeist noch recht junge) eigene Leben und die Verortung des desorientierten Selbst über Stilfragen, das Hören von Pop-Musik und das affirmative Einrichten in einer von Labels und Konsum bestimmten Gesellschaft wurden in den Medien als generationsbildendes Ereignis inszeniert. Mit der Entscheidung gegen die pathetische Tiefe und den tödlichen Ernst, der den Konfliktthemen der deutschen Altlinken anhing, ging für viele Autoren auch die Untersuchung von lange verpönten oberflächlichen Sensationen einher. Nur wer in die Oberfläche zurücksinkt und sich den Wundern des Trivialen überlässt, so die gewitzten Theoretiker der Popliteratur, entschärft kulturelle Konflikte, die stets im Namen bedeutungsschwerer Symbole und Zeichen geführt wurden.


Frank Bauer
Ohne Titel, 1999
©Galerie Voss, Düsseldorf

Sammlung Deutsche Bank


Bei der Kategorisierung aktueller deutscher Malerei wird gerne auf den Fundus dieser einst für "Popliteratur" genannten Merkmale zurückgegriffen, die scheinbar noch immer als Synonym kollektiver Coolness tauglich sind. Seine Motive finde der 39-jährige Gerhard Richter-Schüler in der Düsseldorfer Szene, jubelt die Elle über Frank Bauer: "Er zeigt sie beim Schminken, in Clubs, müde bei der Afterhour." Der Künstler selbst verrät den Leserinnen, dass es sich mit der Malerei ein bisschen wie mit Popmusik verhält: "Ein gutes Bild ist wie ein guter Song. Plötzlich ist es da, als könnte es gar nicht anders sein." Im Spiegel attestiert Florian Illies verbindende Gemeinsamkeiten, die sich im modischen Geschmack konstituieren: Ein Zeitgenosse auf den Bildern Kai Althoffs (mehr hier) trage "dieselbe modische Herrenstrickjacke wie die jungen Assistenten im Frankfurter Kunstverein - und wie die anderen Vertreter der Generation Golf, die sich darin ab Dienstag wie im Spiegel erkennen können".

Es ist vielleicht kein Zufall, dass gerade Illies die ästhetische Neubewertung des Genres mit viel Razzle-Dazzle - und auch ihre erfolgreiche Vermarktung - zur deutschen Chefsache erklärt hat. Als bundesrepublikanische Entsprechung zu Douglas Couplands Generation X inspizierte er mit Generation Golf die Jugend der Achtziger, die in einer alles überbordenden Konsumkultur mit Nutella, Playmobil und Pacman sozialisiert wurde. Sein 2000 erschienener Bestseller etablierte endlich das lang vermisste Schlagwort für die Generation der zwischen 1965 und 1975 geborenen, mit dem junge Autoren - ebenso wie nun auch die Teilnehmer von aktuellen Malereiausstellungen - "gebrandet" wurden. "Mit dem Spagat zwischen einer immer warenförmigeren Kulturlandschaft und der Rückbesinnung auf den konservativen Wertekonsens hat Florian Illies keine Probleme," schrieb der Literaturkritiker und Autor Kolja Mensing 2002 nach dem Ende der von Illies geleiteten Berliner Seiten, die der renommierten FAZ eine Frischzellenkur verpassen sollten.

Auch die Kuratoren des Frankfurter Kunstvereins haben offenbar keine Mühe mit dieser Grätsche: Wer inzwischen das Wort "Popliteratur" nicht mehr aussprechen mag, ohne zu erröten, zieht es heute vielleicht vor, sich unter ähnlichen Vorzeichen über Malerei zu unterhalten. Dazu gehört ebenso wie bei den vorangegangenen Kontroversen um junge deutsche Literatur das Wechselbad zwischen der Wiederbelebung einer "klassischen" Gattung und der Grabrede auf jene, die es reanimieren.

Bereits wenige Wochen nach der Eröffnung geht der Ausstellungskatalog zu deutschemalereizweitausenddrei in die zweite Auflage – und eignet sich hervorragend als Coffeetable-Book oder als alphabetisch geordneter Einkaufskatalog für kommende Messen. Während in der Schirn, nur einen Steinwurf vom Kunstverein entfernt, die Arbeiten von internationalen Maler-Schwergewichten wie Peter Doig, Alex Katz , Elizabeth Peyton (mehr hier) oder Neo Rauch (mehr hier) in einem umfangreichen Katalog ganz "traditionell" mit Essays und Interviews dokumentiert sind, kommt die Publikation des Kunstvereins bis auf ein bündiges Vorwort des Kurators Nikolaus Schaffhausen ohne didaktische Hilfestellungen aus.

Statt dessen wird der Band von einem Stück Literatur zusammengehalten - der kryptischen Erzählung Klammer, die der Berliner Autor Ingo Niermann verfasst hat. Das Interesse der Künstler an der Malerei resultiere in vielen Fällen aus dem Wunsch nach dem Original, der Behauptung von Subjektivität, betont Schaffhausen in seinem Text. In einer Gesellschaft, die nach objektiven Maßstäben strebe, sei gerade diese Haltung sympathisch, denn sie mache angreifbar und kommentiere genau das, was vielen der Ausstellungsteilnehmer vorgeworfen werde – Restauration. Es scheint als würde hier sehr geschickt ein Fehdehandschuh hin und hergeworfen. Ganz gleich ob Produzent oder Rezipient - jeder, der ihn aufhebt, hat bereits irgendwie verloren. Es verhält sich mit der Beantwortung der Frage nach der Rolle der Malerei im Zeitalter digitaler Medien ein bisschen so wie mit der Anekdote, die von einer der berühmtesten Vertreterinnen der literarischen Moderne erzählt wird: Auf dem Totenbett wurde Gertrude Stein gefragt, "Gertrude, wie lautet die Antwort?" Mit ihrem letzten Atemzug entgegnete Stein: "Wie lautet die Frage?"


Tim Eitel
Blau und Gelb, 2002
Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

Die Begegnung mit Kunst, die Fragen stellt, ohne sie zu beantworten, wird auf Tim Eitels Gemälden in einen offenen Raum verlagert, der erst durch die Kunst selbst geschaffen wird. So erscheinen auf seinem Gemälde Blau und Gelb (2002) Mondrians Farbfelder und Geometrien als Projektionsflächen der Moderne. Der junge Mann, den Eitel in der Manier romantischer Malerei mit dem Rücken zum Bildbetrachter positioniert hat, ist vom Betrachter abgewendet in Zwiesprache mit dem Kunstwerk versunken. Das Gitter, das seine Silhouette überlagert, könnte sowohl Bestandteil zeitgenössischer Architektur als auch ein Element malerischer Abstraktion sein. Die zwischen Versperrung und Offenheit schwankende Konstruktion des Bildraumes reflektiert nicht nur die Möglichkeiten und Grenzen der Abbildung in der Malerei, sondern auch der Diskurse, die über sie geführt werden. Das rätselhaft stille Gefängnis, das Tim Eitel gleichermaßen für seine Bildfigur wie für den Betrachter dieses Gemäldes gebaut hat, erscheint so reizvoll, weil es unser gelassenes Einverständnis voraussetzt. Es ist gerade deshalb so "sensationell" und "definitiv von heute", weil nur jene es bewohnen können, die für einen Moment vergessen haben, "von heute" zu sein.