In dieser Ausgabe:
>> Die Pierogi Flatfiles
>> Kunst auf allen Etagen
>> Der Stoff, aus dem Träume sind
>> Fotografie im Umbruch

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Mitten in der Peripherie:
Die legendären Flatfiles in den Schränken der Williamsburger Galerie Pierogi

Junge Künstler, die auch in der New Yorker Sammlung vertreten sind, finden in der Williamsburger Galerie Pierogi eine Ausstellungsmöglichkeit, die von Künstlern, Kuratoren und Sammlern gleichermaßen geschätzt wird: Harald Fricke über die lebendige Kunstszene des New Yorker Stadtteils Williamsburg und die legendären Zeichenschränke von Pierogi, in denen Arbeiten auf Papier von beinahe 700 Künstlern gesammelt sind.

Erst war Kunst ein Fenster zur Welt, dann sollte sie sich mehr der Wirklichkeit öffnen und schließlich gleich ganz mit dem Leben übereinstimmen. Das ist ein immer noch gerne und oft formulierter Idealzustand. Dem steht allerdings ein anderes Idealbild entgegen - das des Malers, der zurückgezogen von der Welt, in der Stille des Ateliers vor seinem Modell sitzt, um ein originäres Kunstwerk auf die Leinwand zu bannen. Für den Künstler selbst aber ergibt sich daraus ein schwer lösbares Problem: Weil sich sein Leben bei der Arbeit angeblich weitgehend im Atelier abspielt, kann er über die Wirklichkeit der Welt außerhalb seiner vier Wände nur wenig aussagen.


Don Doe, Easel Piles, 1998, Sammlung Deutsche Bank



Don Doe, Treaty, 1998, Sammlung Deutsche Bank

Der Maler Don Doe kam zu einer verblüffend einfachen Lösung für dieses Problem: Seine Aquarelle, von denen sich einige in der New Yorker Sammlung der Deutschen Bank befinden, handeln von nichts anderem als der Kunstproduktion. Immer wieder zeigt der New Yorker den ironisch idealisierten Alltag des Künstlerdaseins: So spielt er etwa mit seiner Arbeit Treaty (1998) auf konkrete Situationen zwischen Maler und Modell an, in Double Decaff (1998) thematisiert er das Hadern mit der Inspiration oder in Easel Piles (1998) die stumme Klage der leeren Leinwand.

Diese Bilder sind allesamt Allegorien auf die eigene Weltsicht, in der Kunst ein Fenster zur Kunst ist. Natürlich weiß Doe um die Absurdität dieses Unterfangens, deshalb wirken die beengten Bildräume, in denen seine home stories angesiedelt sind, wie ein ironischer Verweis auf das konzeptuell strenge Gerüst, das den Arbeiten zugrunde liegt. Seine aktuelle Ausstellung Echo and Narcissus in der jungen New Yorker Galerie Apartment 5BE outet sich Doe eindeutig auch als Fan von Pin-Up Motiven und trivialer Erotik. Zugleich beruft er sich bewusst und durchaus ernsthaft auf kunstspezifische Vorbilder, auf die angespannten Physiognomien der Figuren eines Edward Hopper oder die kühl distanzierten Bildperspektiven des Film-Noir-Realismus, selbst der raue Comicstrich von Raymond Pettibon findet sich auf manchen Blättern wieder. Doe ist um eine Balance bemüht, in der sich humorvoller Kommentar und künstlerische Selbstreferenzialität, Narzissmus und Melancholie nicht gegenseitig überbieten, sondern in der Schwebe bleiben. Nur so wird er der Annäherung an einen Zustand gerecht, in dem die Trennung von Kunst und Leben zwar nicht aufgehoben, für den Moment aber zumindest verwischt ist.



  Don Doe, Echo and Narcissus, 2003, Courtesy of Apartment 5BE, New York Don Doe, Double Decaff, 1998, Sammlung Deutsche Bank

Does Anliegen bleibt eigensinnig und doch um Offenheit gegenüber dem Betrachter bemüht: Ein Patchwork, dass sich aus den privaten Erfahrungen speist, aber die Konflikte zwischen Kunst und Gesellschaft nicht außer Acht lässt. Diese Strategie teilt Doe mit einer Reihe anderer Künstler, die in der Sammlung der Deutschen Bank New York vertreten sind: Nina Bovasso, Tom Burckhardt, Ken Butler, Marc Dean Veca, Tim Maul oder Charles Spurrier. Viele Künstler der jüngeren Generation versuchen, eine Position an der Peripherie zu beziehen und dennoch auf das Zentrum zurückzuwirken - das ist die feine Linie, die seit den sechziger Jahren in der New Yorker Kunstszene Pop-Appeal vom Mainstream trennt. Mittlerweile hat sich diese Art der Distinktion in die Stadt selbst verlagert, auch die Kunstszene hat sich in den neunziger Jahren aus den schicken Lofts von SoHo in die Lagerhallen nach Chelsea verabschiedet, was damals der Entwicklung zu groß angelegten Rauminstallationen entsprach. Seit Jahren vollzieht sich erneut ein Wechsel, diesmal ist es Williamsburg, Brooklyn, auf der anderen Seite des East Rivers, mit seiner Architektur aus kleinen zweistöckigen Häusern, die vor gut hundert Jahren noch von Hafenarbeitern bewohnt waren.


Joe Amrhein mit Hund Berry vor Pierogi.

Bob & Roberta Smith, The Art Amnesty, (Installations-Ansicht), Courtesy of Pierogi, New York

Der Aufstieg von Williamsburg zum Szene- und Künstlerviertel unterscheidet sich bemerkenswert von den Hochzeiten des East Village und von Alphabet City. Und doch ist Williamsburg wie auch die anderen beiden Stadtteile vom Zuzug der weißen Mittelschicht geprägt. Zur neuen, fast kleinstädtischen Atmosphäre passt auch die Rückkehr zur Intimität von Zeichnungen und überhaupt zur Beschränkung der künstlerischen Mittel. Nicht die große Geste ist gefragt, sondern präzise und klarsichtige Beschreibungen der Gegenwart. Es ist wohl kein Zufall, dass man sich in Williamsburg an das Lebensgefühl der Beat-Generation erinnert. Nur die Sounds haben sich verändert: Statt Bob Dylans Subterranean Homesick Blues gibt es knisternde Elektronik, sperrige Ambientklänge ersetzen die alten Protestsongs.


Die Pierogi-Flatfiles

Die Galerie, in der all diese Entwürfe zusammentreffen, wird von Joe Amrhein betrieben und heißt Pierogi. Der Name der beliebten Teigrolle ist eine Hommage an die frühere Gemeinde polnischer Emigranten vor Ort. Heute bemüht sich Amrhein um den Fortbestand der Community, diesmal sind es die vielen Künstler, die in Williamsburg leben, "von denen die Galerien in Manhattan aber keine Kenntnis nehmen", wie er sagt. Aus diesem Grund wurde 1994 die Galerie Pierogi 2000 eröffnet (die Zahl 2000 wurde mit dem Eintritt ins neue Millennium aus dem Namen gestrichen). Ein Jahr später bereits entstand mit den Flatfiles eine außergewöhnliche Form der Präsentation: In metallenen Zeichenschränken werden seither bei Pierogi hauptsächlich Papierarbeiten und Fotos archiviert und ausgestellt, mittlerweile umfasst die Sammlung fast 700 Künstler.



Mark Dean Veca,
Ohne Titel, 1996,
Sammlung Deutsche Bank
Mark Dean Veca,
Ohne Titel, 1996,
Sammlung Deutsche Bank

Neben den aktuellen Ausstellungen im hinteren Raum der Galerie bietet Pierogi dem Besucher ein beständig wachsendes Arsenal junger Gegenwartskunst. Wer mag, kann selbst in den nach einzelnen Künstlern geordneten Schubladen Mappen aufschlagen, gezielt recherchieren oder sich ganz einfach auf persönliche Entdeckungsreisen begeben.

Das Zauberwort für diese Strategie lautet – "Access for all ", oder wie Amrhein im Gespräch erklärt: "Wir haben uns von Anfang an darum bemüht, ein Abbild der Community zu sein. Das ist immer auch ein organischer Prozess, bei dem die Künstler durchaus wechseln können. Im Zentrum steht allerdings das einzelne Werk, dessen Verfügbarkeit überhaupt erst durch die Flatfiles haptisch erfahrbar gemacht wird".

Ansonsten wäre die Initiative vermutlich bloßer Service geblieben, eine Linkliste für das Internet. Doch gerade wegen der auch physisch extrem kompakten Zugänglichkeit der Zeichenschränke wurde Pierogi weit über Williamsburg hinaus berühmt. Erst gab es begeisterte Rezensionen in der New Yorker Presse, ein Kritiker sprach gar von dem konzeptuellen Künstlerverzeichnis als "Kunstwerk" des Jahres - dann begann die Ausstellung zu wandern. Selbst in London und Wien waren die Flatfiles bereits zu sehen. Zuletzt hatte die Galerie auf der Berliner Kunstmesse art forum einen Stand mit einer Auswahl der Pierogi-Mappen.

Doch für Amrhein ist mit dem Ausmaß, das die Sammlung inzwischen angenommen hat, auch die Grenze seiner Kapazität erreicht. Als Non-Profit-Galerie kann er keine Assistenz einstellen, die die unglaubliche Menge an Ordnern mit Material täglich aktualisiert und sich auch um die konservatorische Pflege etwa der Zeichenblätter bemüht. "Es ist ein typisches New Yorker Problem", so Amrhein, "in der Stadt wird viel für Museen getan, und auch mit Sammlungen sind wir gut ausgestattet. Nur für die Künstler, die in der Stadt leben, gibt es keine Förderung. Dabei sind sie es, die den Boden für den Ruf New Yorks als Kunstmetropole bereiten. Auch wenn wir als Galerie keine Unterstützung erhalten, werden wir deshalb natürlich weitermachen. Aber ich werde mir noch einmal überlegen, ob ein neues Konzept her muss. Zunächst werden die Files nach dem Rotationsprinzip fortgeführt, das heißt, für neue Künstler muss ich ältere Arbeiten herausnehmen. Das war zwar nicht die Absicht, als wir damit begonnen haben, aber mittlerweile melden sich selbst Künstler aus dem Ausland, die in unser Verzeichnis aufgenommen werden wollen, da muss ich entsprechend handeln und selektieren."

Charles Spurrier,
Ohne Titel, 1997,
Sammlung Deutsche Bank
Charles Spurrier,
Ohne Titel, 1997,
Sammlung Deutsche Bank

Nicht einmal auf einen größeren ökonomischen Gewinn, der die Organisationsarbeit erleichtern könnte, kann Pierogi trotz der ungeheuren Expansion bauen. Das verhindert schon die erste Verkaufsregel der Flatfiles: Kein Kunstwerk kostet mehr als zweitausend Dollar, die meisten liegen sogar unter zweihundert Dollar, weil Amrhein möchte, "dass sich auch Leute, die sonst nicht in kommerzielle Galerien gehen, für Kunst interessieren können, ohne gleich unter dem Druck einer Verkaufssituation zu stehen, wie es sonst in Chelsea oder SoHo üblich ist".

Aus diesem Grund interessiert sich auch Liz Christensen als Kunst-Kuratorin der Deutschen-Bank in New York für die Künstler von Pierogi: "Wir bemühen uns darum, unsere Sammlung möglichst auf dem aktuellen Stand zu halten. Gerade in letzter Zeit hat sich die Kunstproduktion in eine Richtung verändert, in der Künstler wieder intimer und auf kleinen Formaten arbeiten. Dafür braucht man entsprechend mehr Ruhe, um sich mit solchen Positionen zu beschäftigen. Das ist der eine Vorteil, den Pierogi hat. Zum zweiten sind die niedrigen Preise ein Anreiz, die Sammlung mit Arbeiten zu erweitern, ohne gleich ein enormes finanzielles Risiko eingehen zu müssen. Es ist erstaunlich, aber bei Pierogi gibt es Unikate, die für weniger Geld zu haben sind als irgendwelche edel aufgemachten Poster."


Tom Burckhardt
Ohne Titel, 1997
Sammlung Deutsche Bank
Tom Burckhardt
Ohne Titel, 1997
Sammlung Deutsche Bank

Einer der Künstler, die Christensen bei Pierogi entdeckt hat, ist Tom Burckhardt. Interessiert haben Christensen vor allem seine Serien von übermalten Buchseiten: "In den Zeichnungen von Burckhardt spiegelt sich eine Begeisterung für indianische Miniaturmalerei wieder, aber auch die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen. Einige der von ihm verwendeten Formen erinnern mich an älteres Stoffdesign aus der Ukraine." Neben solchen Einflüssen kann man die diagrammartigen Zeichnungen auch in Beziehung zu Tim Rollins setzen, der im New York der achtziger Jahre mit der in der Bronx ansässigen Gruppe K.O.S. - Kids Of Survival an kollektiven Graffiti-Bildern arbeitete.

Rollins und K.O.S. ging es damals um eine Übertragung von Kafka-Texten in HipHop-Kontexte, um high- und low-Kultur in ein Spannungsverhältnis zu bringen. Bei Tom Burckhardt überlagern sich zwanzig Jahre danach gleich mehrere weit auseinanderdriftende Stränge von Kulturen, das ist der State of art in globalen Zusammenhängen. Der Künstler Ken Butler wiederum nimmt sich Musikinstrumente vor, die er aus diversen Alltagsgegenständen konstruiert. Seine Zeichnungen haben den Charakter einer Bauanleitung, verbinden aber auch konkretes Design mit utopischen Vorstellungen einer "bastardisierten Kultur", die in der aktuellen Musik quer zu allen ethnisch vorgegebenen Identitätsmodellen per Sampling, Loop und Zitat bereits eingelöst wird. So wie sich im Pop arabische Folklore mit elektronischen Beats mischen kann, so sind auch Butlers Entwürfe ein Spiel mit der Technik und deren Weiterentwicklung, bei der die Frage nach dem Original keine Rolle spielt.


Nina Bovasso, Ohne Titel, 1996
©Clementine Gallery, New York

Sammlung Deutsche Bank

Ähnlich in die Irre führen die Skizzen, die Charles Spurrier für seine Malerei ausarbeitet. Die Texturen, die sich in seinen Papierarbeiten immer weiter verzweigen, gehen auf Abdrücke seines Daumens zurück, die er mit immer neuen Pattern collagiert. Und auch bei Nina Bovasso liegt der Reiz für Christensen im "sophisticated doodling" ("geistreichen Gekritzel"), dass sich wie ein Ornament über das Papier ausdehnt. Da ist auch das Bild der Welt plötzlich wieder ganz nahe - als unentwegtes Chaos.

Hier schließt sich der Kreis, denn schon in den Sechzigern gab es eine Bewegung, in der sich die ständige Veränderung - egal ob im Leben, in der Kunst oder auf der Straße - spiegelte: Vielleicht ist New York mit dem Blick zurück auf den "Fluxus" von einst wieder vorn angekommen.

Harald Fricke ist Redakteur und Kunstkritiker der TAZ und freier Mitarbeiter von "artforum"