In dieser Ausgabe:
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>> Kunst auf allen Etagen
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Zwischen Traum und Utopie

Die Lobby Gallery der Deutschen Bank in New York zeigt die Ausstellung Dreamspaces / Entresuenos. Ein Interview mit der Gastkuratorin Holly Block.


Dreamspaces / Entresuenos, die aktuelle Ausstellung in der Lobby Gallery der Deutschen Bank New York vereint mehr als zwanzig Arbeiten lateinamerikanischer Künstler, die in den USA, Mexiko und Südamerika arbeiten. Die Erfahrung, sich zwischen Traum und Tagtraum zu bewegen, dient den Künstlern als Grundlage für ihre Reflexionen über kulturelle Identität, Kindheit, urbane Architektur und utopische Gesellschaftsformen. Im Gespräch erklärt Holly Block die Zusammenhänge zwischen kubanischer Kunst und Calvinos "Unsichtbaren Städten".


Wie entstand die Idee zu dieser Ausstellung?


Holly Block: Ich wurde von Liz Christensen, die das Programm der Lobby Gallery der Deutschen Bank New York kuratiert, gebeten eine Ausstellung über lateinamerikanische Künstler zu organisieren, weil sie wusste, das ich mich für kubanische Kunst engagiere. Da die Deutsche Bank Art in General großzügig unterstützt, willigte ich gerne ein. Für mich war es eine großartige Möglichkeit, ein anderes Publikum zu erreichen und diese Künstler an einem anderen Ausstellungsort zu präsentieren.


Dreamspaces/Entresuenos in der Lobby Gallery
Deutsche Bank New York

Mir gefällt ihr sehr poetischer Titel Dreamspaces/Entresuenos. Dennoch sind der englische und der spanische Begriff nicht ganz identisch. Müsste die Übersetzung auf Spanisch nicht "zwischen den Träumen" oder "inmitten von Träumen" lauten?

Ich betrachte Entresuenos als einen Bereich zwischen Realität und Fiktion, als einen metaphysischen Raum, der Vorstellungen von Transformation und Bauen beinhaltet – als eine Art Gebäude mit zugleich inneren und äußeren Dimensionen. Alle Künstler der Ausstellung beschäftigen sich mit diesen Themen in der einen oder anderen Form.


Jose Bedia, Lungoa, 1999, Courtesy of George Adams Gallery, New York

Jose Bedia beispielsweise erschafft einen spirituellen Raum, indem er seine Malerei auf die religiöse afro-kubanische Ikonographie bezieht, die in seiner kubanischen Herkunft wurzelt. Janaina Tschäpe aus Brasilien zeichnet Selbstporträt-Serien, in denen sich das menschliche Gesicht zum tierischen Antlitz wandelt. Das Storyboard-Format und der filmische Charakter dieser Zeichnungen spiegeln ihre Arbeit als Filmemacherin, Fotografin und Performance-Künstlerin wieder.


Janina Tschape, Raven, 2002, Courtesy of Galerie Catherine Bastide, Brüssel

Andere Künstler leiten ihre Kunst von Kindheitserinnerungen ab. Der in Venezuela geborene Künstler Javier Tellez, der ortspezifisch arbeitet, passte ein bereits existierendendes Werk eigens auf die Ausstellungssituation an. Seine Arbeit ist auf zwei Fensterbrettern installiert und sieht aus wie eine Stadt, die ein sehr begabtes und phantasievolles Kind gebaut hat. Er benutzte Fundstücke und ungewöhnliche Materialien wie Seife, Schwämme, bunte Bälle oder leere Tabletten-Schachteln, an denen er Räder befestigt hat. Mit seinem spezifischen Bezug zu Jean-Luc Godards Film Alphaville und zu utopischer Architektur übt Tellez spielerisch Kritik, indem er Analogien zwischen Institutionen und Gesellschaft aufzeigt.


Ausstellungsansicht: Javier Tellez, Alpha 60 (4Milles)
©Javier Tellez, New York

Deutsche Bank New York, 2003

Ernesto Pujol, ein weiterer Künstler aus Kuba, benutzt das Motiv aufgereihter Schuhe. Er verweist damit auf seine Kindheitserinnerungen an die Flucht und zeigt auf, was es bedeutet, sein Zuhause und alle Habseligkeiten zu verlieren. Als seine Familie aus Kuba fortging, war es ihr lediglich erlaubt, einen einzigen Koffer zu packen, in dem hastig alles verstaut werden musste, was man nur mitnehmen konnte. Die Themen des Venezuelaners Arturo Herrera sind Zeichentrickfilme und Märchen. In seinen Collagen und Papier-Scherenschnitten verschmelzen Bilder von Walt Disney mit Ikonen der Moderne, wie zum Beispiel Malewitsch. In ihrer Geometrie beziehen sich die Zeichnungen in der Ausstellung gleichermaßen auf moderne Architektur.


Ausstellungsansicht: Los Carpinteros , Escalera (Oven step), 2001
Courtesy Grant Selwyn Fine Art, NY

Carlos Garaicoa, Los Carpinteros und Maria Elena Gonzalez, die ursprünglich aus Kuba stammen, nehmen - mal ironisch, mal nostalgisch - ebenfalls Bezug auf die Architektur. Franco Mondini-Ruiz aus San Antonio setzt Nahrungsmittel und Speisen als Metapher ein. Er stapelt gefüllte Eiskrembecher, Cocktailgläser, Wiener Porzellanfigurinen, Tacos, Süßigkeiten und vieles mehr zu Gebilden auf, bis sie schließlich fantastischen architektonischen Bauten gleichen. Esterio Seguras Selbstbildnis, auf dem er einen Krokodilkopf trägt, empfand ich als ein außerordentlich zentrales Bild. Ich habe es auf die Einladungskarte gesetzt, weil die Umrisse des Krokodils der Insel Kuba ähneln. Man könnte es so deuten, dass Esterio das Gewicht Kubas auf den Schultern trägt, er hat Kuba im Sinn, er verkörpert Kuba.


Franco Mondini Ruiz, Baby Taco, 2002
Courtesy of Frederike Taylor Gallery, New York



Franco Mondini Ruiz, The Blue Room, 2002
Courtesy of Frederike Taylor Gallery, New York

Wann kamen Sie das erste Mal mit kubanischen Künstlern in Berührung?

Ich hatte bereits mit kubanischen Künstlern in New York gearbeitet, und nun wollte ich Kuba selbst kennen lernen. 1994 reiste ich zum ersten Mal dorthin, als ich zur Teilnahme an der Havanna Biennale, einer internationalen Ausstellung und Konferenz im Centro Wifredo Lam, eingeladen wurde. Einhundert Amerikaner besuchten damals die Eröffnung der Havanna Biennale, und davon brachte allein ich 23 mit. Inzwischen hat sich einiges verändert. Nur soviel zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es bereits 3000 amerikanische Besucher. Auf meinen Reisen traf ich viele ungeheuer interessante kubanische Künstler, und allmählich entwickelte sich die Idee, ein Buch über sie zusammenzustellen. Die Generation von Künstlern aus den Neunzigern war noch nie dokumentiert worden und außerhalb Kubas völlig unbekannt. Ein Buch wäre für die Künstler eine wichtige Referenz und würde ihnen eine größere Aufmerksamkeit verschaffen. Also legte ich eine Pause ein bei Art in General und verbrachte neun Monate auf Kuba, um an diesem Projekt zu arbeiten. Das Ergebnis war Art Cuba – The New Generation , das im Juni 2001 herauskam.


Ernesto Segura, Espacio Ocupado por un Sueno (Space Occupied by a Dream)
2000 Collection Martin Weinstein and Teresa Liszka, NY

Dann haben Sie im Grunde genommen diese Generation kubanischer Künstler entdeckt?

Ich habe dazu beigetragen, viele von ihnen hierher zu bringen, und hatte die Möglichkeit, sie in New York und anderswo vorzustellen. Inzwischen sind mehrere von ihnen in New York vertreten. Das war auch bei der Zusammenstellung dieser Schau sehr hilfreich, weil es für mich viel einfacher war, die Arbeiten von hiesigen Galerien zu beziehen als direkt aus Kuba.

Könnten Sie mir als Beispiel für diese Schwierigkeiten die Geschichte von Carlos Garacoias Faden-Zeichnungen erzählen?

Carlos konnte aufgrund von Visa-Problemen nicht herkommen. Auch seine Arbeiten konnten nicht in die Staaten verschifft werden. Das Problem wurde gelöst, indem die Arbeit zur ARCO-Kunstmesse nach Madrid gesandt wurde, und wir sie von dort mitbrachten. Hier wurde sie dann nach seinen Anweisungen installiert. Natürlich hätten wir uns gewünscht, er wäre dabei gewesen.


Ausstellungsansicht: Lobby Gallery, Deutsche Bank New York

Die kubanische Kunst ist eines Ihrer Fachgebiete. Könnten Sie das Charakteristische daran beschreiben?

Ich möchte nichts verallgemeinern. Man sollte bei der Betrachtung kubanischer Kunst über nationale Identitäten hinausgehen. Dennoch werden Themen immer wieder aufgegriffen: So zum Beispiel Havanna Stadt, was es bedeutet auf einer Insel zu leben, das schwierige Verhältnis zu den USA, die Politik, das Gefühl des Verlustes, Kubas Kolonialgeschichte. Dreamspaces/Entresuenos ist eine lateinamerikanische Ausstellung. Es erschien mir sinnvoll, alle diese Künstler aus Brasilien, Kuba, Venezuela, Miami, San Antonio und New York zusammenzubringen, um ihre Arbeit in einen anderen Kontext zu stellen. Ich halte es für sehr wichtig, dass wir mehr über Künstler erfahren, die außerhalb dieses Landes und Europas arbeiten.


Ausstellungsansicht: Franco Mondini Ruiz, Pink Lady, 2002
Courtesy of Ferederike Taylor Gallery, New York


Ausstellungsansicht: Franco Mondini Ruiz, I love New York, 2002
Courtesy of Frederike Taylor Gallery, New York

In welcher Beziehung steht Art in General zu diesem internationalen Ansatz?

Im Laufe der Jahre habe ich mich an vielen internationalen Projekten beteiligt. Zur Zeit arbeite ich als Co-Kuratorin für Paul Pfeiffer an der Kairo-Biennale. Beim Besuch solcher Projekte komme ich mit vielen Künstlern in Kontakt, deren Arbeiten normalerweise nicht in New York gezeigt werden. Ich versuche sie bei Art in General zu präsentieren. Zu unseren Aufgaben gehört es auch, den Kulturaustausch durch unsere Atelierstipendien und andere Programme zu fördern. Die Hälfte der Dreamspaces/Entresuenos Künstler wurden bereits bei Art in General ausgestellt.

Als Sie von der Ausstellung sprachen, erwähnten Sie Italo Calvinos Roman Die unsichtbaren Städte. Dachten Sie dabei an eine ganz bestimmte Stadt aus seinem Roman?

Nein, ich hatte einen Spaziergang durch die Straßen von Havanna im Sinn. Dort kam ich auf die Verbindung zu Calvinos "unsichtbaren Städten". Es waren koloniale Städte wie Havanna, die Calvino zu seinem Roman inspirierten. Das architektonische Erscheinungsbild dieser Städte ist von Träumen geprägt, und mit ihnen entstand ein Traumort, der sowohl das 15. Jahrhundert als auch die Gegenwart mit einschließt. Dieses Sinnbild war das grundlegende Motiv bei der Entstehung der Ausstellung.

Holly Block ist Gastkuratorin der Ausstellung Dreamspaces/Entresuenos. Sie ist Direktorin der nicht kommerziellen Ausstellungsräume Art in General sowie Herausgeberin und Autorin der jüngst erschienenen Publikation Art Cuba - The New Generation, eine Publikation zur zeitgenössischen kubanischen Kunst, verlegt von Harry N. Abrams.

Das Interview führte Lilly Wei. Sie ist unabhängige Kuratorin und freie Kunstkritikerin und schreibt unter anderem für Art in America , ARTnews und Art Asia Pacific.