In dieser Ausgabe:
>> Die Pierogi Flatfiles
>> Kunst auf allen Etagen
>> Der Stoff, aus dem Träume sind
>> Fotografie im Umbruch

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Kunst auf allen Etagen

Nicht nur ein vitales Miteinander, sondern auch Widersprüche und experimentelle Umdeutungen: In der Deutschen Bank New York treten europäische und amerikanische Nachkriegs- und Gegenwartskunst auf 29 Etagen in einen kreativen Dialog. Thomas Girst hat die Unternehmenssammlung in Midtown Manhattan besucht.


Flur in der Deutschen Bank New York

Genau wie beim Kino spricht man auch in der Kunstwelt von "Blockbustern", in diesem Fall von Ausstellungen mit enorm hohen Besucherzahlen. Das New Yorker Museum of Modern Art etwa oder das Metropolitan Museum verbuchen bei großen Werkschauen oft mehrere hunderttausend Gäste – wie zu Beginn dieses Jahres beim Ansturm des Publikums auf die Zeichnungen Leonardo da Vincis oder auf die gemeinsame Präsentation von Bildern der Malermeister Matisse und Picasso.


James Rosenquist, Mirage With Bedsheet Escape Ladder, 1975
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Sammlung Deutsche Bank

Die Deutsche Bank Lobby Gallery in Midtown Manhattan zeigt ihrerseits die Ausstellung Dreamspaces / Entresuenos (mehr hier). Zwischen fünfter und sechster Avenue gelegen, ist das knapp dreißigstöckige Hochhaus der Deutschen Bank von der 52. und 53. Straße zugänglich. Der Durchgang wird von vielen Passanten als willkommene Abkürzung genutzt, als Passage, geschützt vom Lärm der Straßen. Hinzu kommen die rund 3.500 Angestellten, die mit dem Rattern der Drehkreuze im Eingangsbereich täglich Arbeitsbeginn, Pause und Feierabend signalisieren. Angesichts dieser Betriebsamkeit ließe sich durchaus behaupten, dass die Lobby Gallery - an einer derart exponierten Stelle gelegen - sicherlich mehr Besucher als die großen Museen New Yorks verbuchen kann. Schließlich kann man davon ausgehen, dass jeder Angestellte, dass jeder Passant, Gast und Kunde ebenso wie die zahlreichen Kunstinteressierten in der Lobby der Deutschen Bank einen Blick auf die ausgestellten Werke werfen. Und bei Dreamspaces/Entresuenos lohnt sich das genauere Hinsehen allemal. Gastkuratorin Holly Block zeigt über zwanzig Arbeiten von zwölf lateinamerikanischen Künstlern, die in den Vereinigten Staaten leben und arbeiten. Dreamspaces, das sind Blaupausen imaginierter Architektur, Visionen innerer und äußerer Räume, surreale Landschaften der Imagination.


Liz Christensen vor
James Rosenquists Mirage With Bedsheet Escape Ladder



Mr. Robert Cotter, Global Corporate Finance Cohead and
Global Head of Mergers and Acquisition

Liz Christensen, die seit 1994 für die Kunst in der Deutschen Bank New York betreut, hat Dreamspaces initiiert. Für die jährlich insgesamt sechs Ausstellungen der Lobby Gallery arbeitet sie vorzugsweise mit Galerien, Museen und kulturumtriebigen non-profit Institutionen wie Art in General direkt zusammen. Zwei der sechs Ausstellungen werden von Künstlern aus der weltweiten Sammlung der Deutschen Bank bestritten: "Die Lobby Gallery ist eine besondere Einrichtung in der Deutschen Bank im Vergleich zu anderen Unternehmen. Sie bietet eine hervorragende Möglichkeit, sich mit der hiesigen Kunstszene auszutauschen.

Außerdem öffnet sie den Blick für unterschiedliche Künstler und Positionen in der zeitgenössischen Kunst. Wir laden Gast-Kuratoren ein, die andere Sichtweisen aufzeigen, und schaffen so die Möglichkeit zur Meinungsvielfalt. Dadurch versuchen wir einfach, die zeitgenössische Kunst auf andere Weise zu vermitteln", erklärt Christensen im Gespräch.

Andy Warhol, Franz Kafka
aus "Ten Portraits of Jews of the Twentieth Century", 1980
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Sammlung Deutsche Bank
Andy Warhol, Sarah Bernhardt
aus "Ten Portraits of Jews of the Twentieth Century", 1980
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Sammlung Deutsche Bank


Bei der Deutschen Bank beschränkt sich die Kunstwelt keineswegs auf den Eingangsbereich. Im ganzen Haus finden sich Werke bedeutender internationaler Künstler der Gegenwart als unmittelbarer Blickfang bei der alltäglichen Arbeit: neben Aufzugschächten und Wasserspendern, an den Wänden von Großraumbüros, in Aufenthalts- und Konferenzräumen. Eine unerreichte Wunschvorstellung eines jeden Museums, wenn wie hier und in anderen Niederlassungen auf der ganzen Welt knapp 95 Prozent der Sammlung Deutsche Bank ständig ausgestellt werden können. Dass es sich dabei meist um Arbeiten auf Papier handelt, hat auch pragmatische Gründe, so Christensen: "Sie lassen sich gut rahmen, was sie in einem Firmenumfeld besser schützt. Zudem ist Kunst auf Papier - vor allem wenn sie von bekannten Künstlern stammt - im Vergleich zum Ankauf von Gemälden und Skulpturen häufig viel preisgünstiger. Außerdem arbeiten Künstler ihre ursprünglichen Ideen meist direkt auf dem Papier aus, da passiert oft mehr. Was wiederum die Philosophie eines Unternehmens wie die Deutsche Bank ideal repräsentiert: Wir sind innovativ, finden kreative Lösungen und bleiben vorne dran."

Zeichnungen, Editionen und Fotografien finden sich innerhalb der Sammlung der Deutsche Bank etwa zu gleichen Anteilen. Mit dem Einzug in die Geschäftsräume der Deutschen Bank in der 9 West 57th Street ergab sich 1978 die Chance, den wechselseitigen Dialog nordamerikanischer und deutscher Gegenwartskunst im ungewöhnlichen Rahmen eines Bürohauses vorzustellen. Nach dem in den 1984 bezogenen Frankfurter Zwillingstürmen initiierten Konzept der "Kunst am Arbeitsplatz" sah die Ausstattung der New Yorker Niederlassung die künstlerische Begegnung zwischen Werken des Gastlandes mit jenen aus dem deutschsprachigen Raum vor. Schon erste Erwerbungen sollten zeigen, dass diese Gegenüberstellung nicht nur ein vitales Miteinander, sondern auch Widersprüche und experimentelle Umdeutungen tradierter Ideale und Ideen entfaltete.


Doug & Mike Starn, Watson's Hand, 1988
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Sammlung Deutsche Bank

Analog dazu wurden für die künstlerische Ausstattung jeder Etage unterschiedliche Themen entwickelt, die unter verschiedenen Blickpunkten und Perspektiven die Entwicklungen auf beiden Seiten des Atlantiks beleuchten sollen: Auf einem Stockwerk gibt es nur Fotografien zu sehen, ein anderes zeigt Team Work, also Künstler, die zusammenarbeiten wie Christo und Jeanne Claude, Bernd und Hilla Becher, Doug and Mike Starn. In Scale/ Out of Scale zeigt fotografische Modelle und Miniaturwelten, Drawing by Sculptors die Zeichnungen von Bildhauern. Dabei wird stets versucht, im breiträumigen Aufzugbereich ein definierendes Moment zu schaffen. Im 13. Stock etwa, wo das Thema The Human Figure lautet, wird noch vor den in die Büros führenden Glastüren ein großer Screenprint der amerikanischen, 1954 in Nürnberg geborenen Künstlerin Kiki Smith einer großformatigen Kohlezeichnung der jungen Niederländerin Juul Kraijer gegenübergestellt. Erst im Zusammenspiel beider Werke erschließt sich dem Betrachter die Vielfalt der Darstellungsmöglichkeiten des weiblichen Körpers.

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