In dieser Ausgabe:
>> Die Pierogi Flatfiles
>> Kunst auf allen Etagen
>> Der Stoff, aus dem Träume sind
>> Fotografie im Umbruch

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Der Geist der Metropolen

Fotografie in der Sammlung Deutsche Bank New York

Eine Etage des Hauptsitzes der Deutschen Bank New York ist ausschließlich der Fotografie gewidmet. Von den frühen Arbeiten Berenice Abbotts bis zu den aktuellen Positionen deutscher Fotografen wie Andreas Gursky oder Thomas Ruff dokumentiert dieser Teil der New Yorker Sammlung nicht nur das sich wandelnde Stadtbild der amerikanischen Metropole, sondern zeichnet auch die unterschiedlichen Wege nach, mit denen sich die Gattung auf beiden Seiten des Atlantiks als eigenständige Kunstform emanzipierte.


Berenice Abbott, Fish Markets, South Street, 1936
©Commerce Graphic Limited, New York

Sammlung Deutsche Bank

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"New York zu fotografieren heißt, mit der sensiblen und empfindlichen Fotoemulsion zu versuchen, den Geist der Metropole einzufangen, während man ehrlich gegenüber ihrer wichtigsten Tatsache bleibt, ihrem eilenden Tempo, ihren überfüllten Straßen, wo die Vergangenheit die Gegenwart anrempelt. Das Tempo der Metropole ist keines von Ewigkeit, nicht einmal Zeit, sondern eines des verschwindenden Augenblicks." In diesen Worten, mit denen die Fotografin Berenice Abbott 1935 ihr Projekt Changing New York erläuterte, kommt ein Lebensgefühl zum Ausdruck, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts Fotografen und Künstler gleichermaßen zu völlig neuen Bildern der modernen Großstadt anregte.


Berenice Abbott, Floating Oyster House, ca. 1931
©Commerce Graphic Limited, New York
Sammlung Deutsche Bank

Schon früh erhoben amerikanische Fotografen die technischen Neuerungen des industriell gestalteten Lebensraums zum Thema und entwickelten - inspiriert von der europäischen klassischen Moderne - einen ganz eigen Stil: Wolkenkratzer, Wassertanks und Kraftwerke erschienen neben Getreidesilos, Schornsteine, Fabriken und Hafenanlagen als charakteristische Merkmale der amerikanischen Landschaft. Diese neue Fotografie vermied durch Distanz und ausgesuchte Perspektiven jegliche Form von Individualität und erreichte in ihrer Schilderung des Alltags geradezu klassische Qualitäten.

So zeigt Andreas Feiningers um 1940 entstandene Aufnahme der Brooklyn Bridge nicht nur eines der beliebtesten Motive New Yorks - durch die Darstellung der hölzernen Promenade über den East River vor dem Hintergrund der modernen Architektur bringt sie den damaligen Zeitgeist so auf den Punkt, dass sie auch heute noch Ausstrahlungskraft und Aktualität besitzt. Im strengen Aufbau gleichen die Fotografien Feiningers den klaren Bildkompositionen seines Vaters Lyonel Feininger, dessen berühmter Holzschnitt Kathedrale von 1919 wie das stilistische Vorbild zur Brooklyn Bridge-Aufnahme des Sohnes wirkt.

Andreas Feininger, Brooklyn Bridge
ca. 1940
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Sammlung Deutsche Bank
Lyonel Feininger, Kathedrale
1919, Holzschnitt

©VG Bild-Kunst, Bonn 2002


Den Gegensatz von Geschichte und Gegenwart, von Tradition und Zeitgeist, machte auch die 1978 begründete Kunstsammlung der Deutschen Bank New York in den Geschäftsräumen der 9 West 57th Street zur Grundlage ihres Präsentationskonzeptes. Auf den Fluren, in den Büros und Konferenzräumen werden Werke zeitgenössischer nordamerikanischer und deutscher Kunst einander gegenübergestellt. Eine Etage ist dabei allein der Fotografie gewidmet, die nicht nur das sich wandelnde Stadtbild New Yorks seit den dreißiger Jahren dokumentiert, sondern auch die Emanzipation dieser Gattung zur autonomen Kunstform nachzeichnet. Den starken Einfluss, den die amerikanischen Fotografen auf die Entwicklung der Fotografie in Deutschland ausübten, macht die Gegenüberstellung mit deutschen Arbeiten seit den späten siebziger Jahren deutlich.


Irving Penn, Hell's Angels, San Francisco, 1978
Sammlung Deutsche Bank

Irving Penn, der über viele Jahre das ästhetische Profil des Modemagazins Vogue prägte, inszenierte seine Stadtporträts nach klassischen Vorbildern der Malerei. Seine im Atelier gefertigten Schwarzweiß-Aufnahmen sind von kühler, luxuriöser Eleganz, die ein Stilleben ebenso stilvoll zur Geltung bringen, wie die von ihm 1967 fotografierte Gruppe der Hells Angels . Diese Hochstilisierung des Motivs diente Thomas Ruff zwanzig Jahre später als Vorbild für seine nüchtern und selbstbewusst den Zeitgeist dokumentierenden Farbfoto-Porträts junger Menschen. Überdimensionalen Passbildern gleich werden die Dargestellten dem Betrachter in völliger Isolierung gegenübergestellt.


Thomas Ruff, Porträt, 1988
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Sammlung Deutsche Bank


Das lange Zeit geltende Diktat der Schwarzweiß-Fotografie wurde in Deutschland erst mit der Schülergeneration, zu der auch Ruff zählte, von Bernd und Hilla Becher in Düsseldorf gebrochen. Bereits in den fünfziger Jahren hatten die Bechers - auch in Rückbesinnung auf die Anfänge der amerikanischen Fotografie - in ihren seriellen Dokumentationen von Industrie- und Siedlungsgebäuden Objektivität, Distanz und Zeitlosigkeit als Kriterien ihrer Fotoarbeiten formuliert. Ihre Aufnahmen folgen den immer gleichen Bedingungen: Frontalansicht, unverzerrte Perspektive, Schwarzweißtechnik, wolkenloser Himmel, diffuses Licht ohne Schattenwurf, Abwesenheit von Menschen. Dieses Ausblenden jeglicher Expressivität und fotografischer Selbstdarstellung forderte das deutliche Bekenntnis zur subjektiven Fotografie der nachfolgenden Fotografengeneration geradezu heraus.

v.l.n.r.:
Bernd und Hilla Becher, Wohnhaus Siegen/Westfalen (E1), 1987
©Bernd und Hilla Becher, Düsseldorf
Sammlung Deutsche Bank

Bernd und Hilla Becher, Wohnhaus Kirchen/Sieg (E2), 1987
©Bernd und Hilla Becher, Düsseldorf
Sammlung Deutsche Bank

Bernd und Hilla Becher, Wohnhaus Bad Godesberg (E3), 1987
©Bernd und Hilla Becher, Düsseldorf
Sammlung Deutsche Bank


So orientiert sich Bernhard Prinz - in absoluter Abkehr vom Kanon der Objektivität - in seinen allegorischen Arbeiten bewusst an kunsthistorischen Vorbildern der Renaissance und des 19. Jahrhunderts. Seine eleganten Motive sind in geheimnisvoll anmutendes Licht getaucht und weisen in ihrer sorgfältigen Inszenierung Parallelen zu den Fotoarbeiten Cindy Shermans auf, die indes gänzlich auf allegorische Anspielungen verzichtet. Statt dessen konzentriert sie sich in ihren aufwändig vorbereiteten Bildern, in denen sie ausschließlich selbst als ihr eigenes Modell auftritt, auf Fragen der Identität, Geschlechterrollen und der Geschichte.


Cindy Sherman, Untitled, 1986
©Metro Pictures, New York

Sammlung Deutsche Bank

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Einen anderen Schwerpunkt in der Auseinandersetzung mit dem Begriff der Identität setzt Lothar Baumgarten mit seinem auf die globale Geschichte gerichteten Blick. Seit den siebziger Jahren beschäftigt er sich in seinen Fotoarbeiten mit dem Phänomen der kulturellen Unterdrückung beispielsweise süd- und nordamerikanischer Stammeskulturen durch europäische Völker. Fast schon zum Kennzeichen seiner Arbeiten gerät dabei der Einsatz von Sprache und Schrift, wie in Vom Aroma der Namen von 1985.


Lothar Baumgarten, Vom Aroma der Namen, 1985
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Sammlung Deutsche Bank


Zeitgleich mit der von Bernd und Hilla Becher in Deutschland formulierten Position entwickelte Neal Slavin in den USA seine Gruppenkompositionen in Farbe. Das fotografische Werk Feiningers, Abbotts und Penns, aber auch das Werk Charles Sheelers und Joseph Stellas vor Augen, hat auch Slavin nach neuen ästhetischen Ausdrucksmöglichkeiten gesucht. Den Objektstudien und Dokumentationen der Bechers nicht unähnlich, zeichnet er minutiös die Entstehungsgeschichte und Charakteristika seiner Aufnahmen von Gesangsvereinen oder Feuerwehrbällen auf, wobei er wie in der 1974 entstandenen Arbeit Staten Island Ferry von der Anzahl der Bediensteten über die der Passagiere bis zur Fahrtroute und den Kosten keine Information auslässt.


Neal Slavin, Staten Island Ferry, 1974
Sammlung Deutsche Bank

Eine Veränderung der Wahrnehmungsqualität setzte mit der zunehmenden medialen Bilderflut der achtziger Jahre ein und wirkte sich ebenso auf den Umgang mit der Fotografie aus. Bereits in den siebziger Jahren hatte sich die Rolle der Fotografie innerhalb der Kunst gewandelt. Neben ihre autonome Funktion als eigenständige Kunstgattung war ihre Nutzung als begleitendes Hilfsmittel auf neuen Feldern der Kunst hinzugetreten: Mixed Media Events wurden von Aktionskünstlern ebenso mit der Kamera konserviert wie die Arbeiten der Land Art-Künstler, für die das Foto häufig das einzige ihnen zur Verfügung stehende Mittel zur Verbreitung ihres Werks war. Auf diese Neubewertung der Fotografie und die durch die Medien immer häufiger verbreiteten manipulierten Bilder reagierte auch John Schlesinger, dessen Arbeiten eine subversive Demontage des Mediums vornehmen. Seine aus Filmstreifen herausgelösten Bilder, die er in neuen Kontexten zusammenstellt, unterlaufen bewusst die traditionelle Abbildungsfunktion der Fotografie. Aus der Resignation gegenüber den Bildern entwickelt Schlesinger abstrakte und psychologisch aufgeladene Aufnahmen, die dem Betrachter überraschend neue Wahrnehmungsbereiche eröffnen.


John Schlesinger, Untitled, 1989
©John Schlesinger, Philadelphia

Sammlung Deutsche Bank

Das eigene Wahrnehmungsvermögen zu schulen, hilft uns zu unterscheiden, ob bestimmte Motive nur für uns selbst eine Bedeutung haben, oder ob sie allgemeine Gültigkeit besitzen. Ein Foto zeigt immer eine bestimmte Weise der Wahrnehmung: die des Fotografen. Die Welt mit den Augen eines anderen zu sehen, kann eine Bereicherung sein, wenn sie den Betrachter nicht seiner eigenen Sichtweise beraubt. Das Motto des Katalogs zur New Yorker Kunstsammlung, Zwischen Tradition und Zeitgeist , erinnert uns deshalb daran, unseren Blickwinkel den Zeitläufen anzupassen.

Maria Morais