In dieser Ausgabe:
>> Richard Artschwager in der Stiftung Wörlen
>> Robert und Sonia Delaunay im Centre Pompidou
>> "El Regreso de los Gigantes" in Buenos Aires

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Robert und Sonia Delaunay

Das Künstlerpaar Robert und Sonia Delaunay verkörperte auf einzigartige Weise jene Moderne, die formale Konsequenz der Kunst und mit der Anwendung im Leben zu verbinden sucht. Unter dem Titel Pariser Visionen zeigte das Deutsche Guggenheim 1997 zu seiner Eröffnung Robert Delaunays Serien. Jetzt gibt eine Ausstellung im Pariser Centre Pompidou einen umfassenden Einblick in das Schaffen der beiden Künstler.

"Du rouge au vert tout le jaune se meurt / Paris Vancouver Hyeres Maintenon New York et les Antilles / La fenetre s'ouvre comme une orange / Le beau fruit de la lumiere." Calligramme, Guillaume Apollinaire, 1918

"Geheimnisvoll" (franz. orphique) fand der französische Dichter und Kunstkritiker Guillaume Apollinaire 1912 die Bilder Robert Delaunays und prägte so den Begriff des "Orphismus": Ebenso wenig wie die Musik des Lyraspielers Orpheus aus der griechischen Mythologie lasse sich die Kunst Robert Delaunays mit Worten beschreiben.


Robert Delaunay:
Ville de Paris. La femme et la tour, 1925
Sammlung Deutsche Bank
Die zwischen 1909 und 1914 entstandenen Serien Saint-Severin, Eiffelturm, Stadtansichten und Fenster bilden die wohl wichtigste Phase im Werk Robert Delaunays. Inspiriert von den Bewegungen, dem neuen elektrischen Licht und den neuen Verkehrsmitteln wie Ballon, Zeppelin, Automobil, Flugzeug, entwickelte er mit seiner intensiven Farbmalerei eine Synthese aus Impressionismus und Kubismus. Bild für Bild begründete er die Abstraktion aus der Farbe und dem Licht der modernen Großstadt.

Auf große Begeisterung trafen die Werke Delaunays auch in Deutschland (mehr dazu hier). Stark beeinflusst haben sie vor allem die zur Gruppe des Blauen Reiter zählenden deutschen Expressionisten wie Kandinsky, Franz Marc und August Macke. So wurden in der ersten und wichtigsten Ausstellung des Blauen Reiter im Jahre 1911 in München auch Werke Delaunays gezeigt. Die erste, ausschließlich dem Werk Delaunays gewidmete Ausstellung, fand 1913 in der Berliner Galerie Der Sturm statt.

Auch das Deutsche Guggenheim erwies dieser engen Verbindung Delaunays zu Deutschland seine Reverenz: Als die neue Kunsthalle in Berlin, gemeinschaftlich von der Solomon R. Guggenheim-Foundation und der Deutschen Bank gegründet, 1997 ihre erste Ausstellung präsentierte, zeigte sie mit Pariser Visionen: Robert Delaunays Serien erstmals überhaupt die großen Gemäldeserien des Malers in einer eigenen Schau.



Mit diesen Gemälden leistete Robert Delaunay einen der wichtigsten Beiträge zur Entwicklung des neuen Kunstverständnisses in Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Seine Frau, die Malerin Sonia Delaunay, verbreitete die neue Ästhetik künstlerisch und unternehmerisch auch in den Alltag hinein: sie entwarf Inneneinrichtungen, Kleider und Kostüme. Beide Künstler verkörpern auf einzigartige Weise jene Moderne, die formale Konsequenz der Kunst und mit der Anwendung im Leben zu verbinden sucht.



Robert Delaunay: Rythme, joie de vivre, 1931
Sammlung Deutsche Bank


Einen ausgezeichneten Einblick in das Schaffen Robert und Sonia Delaunays bietet zur Zeit eine Ausstellung im Pariser Centre Pompidou, die das schöpferische und ideenreiche Wechselspiel des Paares in ihrem kreativen Schaffensprozess vom Beginn des Jahrhunderts bis in die sechziger Jahre hinein nachzeichnet und zudem ihre Rolle für die Malerei der Moderne unterstreicht, die sie mit ihren Farb-, Licht- und Bewegungsabstraktionen nachhaltig geprägt haben.


Robert Delaunay: Autoportrait, 1905-1906
Centre Pompidou Collection, Musée national d'art moderne
Sonia Delaunay and Charles Delaunay Donation, 1964
©L & M Services B.V Amsterdam
Photo: CNAC-MNAM Dist. RMN, Jacqueline Hyde


Beide lernten sich 1909 über den Galeristen Wilhelm Uhde kennen. Ein Jahr später heirateten sie. Robert Delaunay, 1885 in Paris geboren, hatte seine künstlerische Laufbahn als Dekorationsmaler 1902 in Belleville begonnen und setzte sie, beeinflusst durch Monet und Gauguin, autodidaktisch an der Küste der Bretagne fort. Als letztes Ölgemälde dieser Periode zeigt das Centre Pompidou das Autoportrait von 1905-1906. Sonia Delaunay, im November 1885 als Sarah Stern in der Ukraine geboren, war im Alter von fünf Jahren von ihrem Petersburger Onkel Henri Terk adoptiert worden. 1905 begann sie mit dem Studium der Kunst an der Academie de la Palette in Paris, deutlich inspiriert von den Fauves.

Beide waren stark beeinflusst von den Theorien des französischen Chemikers Eugene Chevreul, der 1839 in seinem Buch De la loi du contraste simultane die gleichzeitige Wahrnehmung divergierender Farben zu erklären versuchte. Sonia Delaunay entwickelte bereits 1910 den Simultankontrast heller Regenbogenfarben als bevorzugtes Stilmittel, den Simultaneisme. 1912 schuf sie mit Contrastes simultanes, eines der abstrakten Bilder, in dem die Farbe Form und Sujet zugleich ist.

In rasantem Tempo vermochte sie in den darauffolgenden Jahren ihre leuchtendbunte Kunst mit großem Erfolg in allen Bereichen des täglichen Lebens zu etablieren: angefangen bei Werbeplakaten, Buchumschlägen und -illustrationen, Mode, Dekorationen bis hin zu Theaterkostümen. So gab sie in den zwanziger Jahren insbesondere dem Textildesign wichtige Impulse. Für Robert Delaunay leitete das Buch Chevreuls seine "konstruktive Phase" ein, in der er kontrastierende und Komplementärfarben zu einer synthetischen und harmonischen Komposition neben- und übereinander setzte.




Sonia Delaunay: Les Montres Zénith, 1914
Centre Pompidou Collection, Musée national d'art moderne
Sonia Delaunay and Charles Delaunay Donation, 1964
©L & M Services B.V Amsterdam
Photo: CNAC-MNAM Dist. RMN


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