In dieser Ausgabe:
>> Ein Interview mit Hanns Egon Wörlen
>> Chronist der Pose: Peter Holl
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"Man muss immer wieder pochen, pochen, pochen"
Ein Gespräch mit Hanns Egon Wörlen


Seit 22. November 2003 (bis 1.2.04) zeigt die Deutsche Bank in der Stiftung Wörlen - Museum Moderner Kunst in Passau Richard Artschwager: Auf und Nieder / Kreuz und Quer. Mit 45 Zeichnungen, Objekten, Bildern und Multiples (1965 –2003) präsentiert die Ausstellung eine konzentrierte Werkauswahl aus der Sammlung Deutsche Bank sowie privater Sammlungen. Dr. Ariane Grigoteit traf den Architekten und Gründer der Stiftung Wörlen - Museum Moderner Kunst Hanns Egon Wörlen (88) anlässlich der Ausstellungseröffnung exklusiv für db-art.info.


Hanns Egon Wörlen am 17.05.2002 vor seinem Museum Moderner Kunst

Dr. Ariane Grigoteit: Wie kam es zur ersten Begegnung mit Kunst?

Egon Wörlen: Ich hatte das Glück, in einem Künstlerhaushalt aufzuwachsen. Mein Vater Georg Philipp Wörlen war ein bedeutender Künstler. Die Albertina Wien besitzt etwa fünfzig Arbeiten von ihm. In der Ausstellung Die Meisterwerke aus der Sammlung Leopold Wien waren zwei große Arbeiten meines Vaters zu sehen. Geboren bin ich in Marnheim in der Rheinpfalz. Mit fünf Jahren kam ich dann nach Passau. Das war für meinen Vater, für mich und auch für die Stadt Passau äußerst gut.

Grigoteit: Waren Sie eine große Familie?

Wörlen: Nein. Ich bin der einzige Sohn. Ich habe meinen Vater erst mit vier Jahren kennengelernt. Er war im Krieg bei einem bayerischen Regiment stationiert und kam erst Anfang 1920 zurück. Das Vater-Sohn-Verhältnis war jedoch das ganze Leben lang ein hervorragendes. Mein Vater war Kosmopolit. Ein Eigendenker, ein Sonderfall als Künstler. Ich habe im Atelier geholfen. Sogar während des Krieges habe ich Rahmen gesägt, Passpartous geschnitten und Farben nachbestellt. Ich war in das Schaffen meines Vaters integriert.


Mein Vater hat einige sehr interessante Bücher auf Anraten des berühmten Wiener Kunst-Schriftstellers Arthur Rössler gemacht, worauf ich besonders stolz bin. Wir waren mit Rössler befreundet und haben seine Wiener Wohnung während der Urlaubszeit sechs Wochen lang hüten dürfen, was für uns eine hohe Auszeichnung bedeutete. Arthur Rössler, der bereits Egon Schiele entdeckt hatte, sagte damals zu meinem Vater: Schiele habe ich bekannt gemacht, jetzt bist Du dran. Als das Dritte Reich und der Krieg kam, war es jedoch vorbei. Nach dem zweiten Weltkrieg stießen die jungen Künstler nach vorne - als Aufbruch gegen die nationalsozialistische Ära.

Heute bin ich ein großer Vertreter der Gegenwartskunst. Mein Haus ist hier mit der Prämisse errichtet worden, dass es an dem kulturträchtigen Standort Passau ein Institut geben sollte, das Gegenwartskunst von Ost nach West vermittelt.

Grigoteit: Hat Ihr Vater diese Anfänge beziehungsweise Entwicklung noch miterlebt?

Wörlen: Die Anfänge nicht, meine Entwicklung ja. Ich habe damals ein wenig gezeichnet. Mein Vater sagte daraufhin zu mir: Wenn Du Maler werden möchtest, dann musst Du besser werden als ich. Da habe ich die Segel gestrichen und bin Architekt geworden, was auch gut war, da es sich auch hier um einen künstlerischen Beruf handelt, und ich Künstler einbinden konnte. Im Hause meines Vaters trafen sich Maler, Bildhauer und Schriftsteller aus ganz Deutschland und Österreich. Ich bin damals in die Gespräche miteinbezogen worden und so in die Kunstszene hineingewachsen. Mein Ziel war es, an meinem Lebensende sagen zu können: Hier hast Du etwas geschaffen. Du hast nicht umsonst gelebt.

Ich investiere zwangsweise alljährlich einen sechsstelligen Euro-Betrag in das Museum und stehe daher immer wieder vor der problematischen Entscheidung: Schließe ich das Haus und sammle privat Kunst oder veranstalte ich Wechselausstellungen und führe die Menschen an die Kunst heran. Ich halte es für meine Aufgabe, die Menschen an die Kunst heranzuführen. Ein großer Salzburger Museumsleiter hat einmal zu mir gesagt: Wenn Sie Kataloge produzieren, dann denken Sie daran, dass nur jeder fünfzigste einen solchen kauft. Und nur 1,5 Prozent der Menschen um Sie herum, haben Zugang zur Kunst.

Die Hemmschwelle, in ein Museum zu gehen, ist sehr groß. Ich habe sehr gute Verbindungen zur hiesigen Universität, die internationale "Kulturwirte" ausbildet. So haben wir auf der Basis einer Abschlussarbeit mit dem Thema Das Museum, der Mäzen, der Stifter eine Publikation für das Museum erstellt.

Ich plane eine Dependance zu eröffnen, wo ich Stiftungen, die mir angeboten werden, aufnehmen, betreuen und ausstellen könnte. Es müsste sich ein Großsponsor finden, der das Vorhaben unterstützt. Dann bleiben die Namen der Künstler im Bewusstsein und gehen nicht verloren. Man muss immer wieder pochen, pochen, pochen!


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