In dieser Ausgabe:
>> Basel hat jetzt einen Strand:
die Art Basel logiert nun auch Miami
>> "Weg mit den Alpen,
freie Sicht aufs Mittelmeer"


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Ein tropischer Garten der Kunst

Die Art Basel wollte nie nur europäisch sein. In Miami öffnet sie sich endgültig einer globalisierten Kunstwelt. Von Hans-Joachim Müller .


Miami Beach. Courtesy Art Basel Miami Beach

Basel hat jetzt einen Strand. Er liegt in Miami, und hier tummeln sich die mächtigsten Sammler, die allerbesten Galerien und, wie sich in diesem Jahr noch deutlicher zeigte als im letzten: die Creme der lateinamerikanischen Kunstszene. Am 7. Dezember hat die zweite Art Basel in Miami Beach geschlossen und sorgte vom Miami Herald über die Süddeutsche Zeitung, die Neue Zürcher und die New York Times für eine aufgeregte Presse. Der Kunstmarkt hat wieder angezogen. Ein "bezaubernder de Kooning", so die Neue Zürcher, ging hier einfach mal für 4 Millionen Dollar an einen Sammler. Die Galeristen sind verzückt und möchten praktisch allesamt im nächsten Jahr zurückkehren - wenn Sie dürfen: Schon in diesem Jahr bewarben sich 500 Galerien um eine Teilnahme an der neuen Kunstmesse, und nur 175 wurden zugelassen, "was bedeutet, dass man auswählen und damit die Qualität des Messeprofils anheben konnte", wie die Neue Zürcher kommentiert.


Besucher auf der Art Basel Miami Beach. Courtesy Art Basel Miami Beach

Eine lange Reportage in der New York Times hob ein wenig hochnäsig an: "In Kunstkreisen war ja schon länger wohlbekannt, dass einige der aggressivsten zeitgenössischen Kunstsammler innerhalb der Zehnmeilen-Zone um den Südstrand mit seinen Silikonparaden und Steroidmonstren leben." Aber auch die führende Tageszeitung aus der wichtigsten Kunstmetropole konnte kaum verhehlen, dass sich die Art Basel Miami schon im zweiten Jahr ihrer Existenz zur wohl wichtigsten Kunstmesse in den Vereinigten Staaten gemausert hat. Ihre Konkurrentin, die New Yorker Armory Fair "wird sehr hart arbeiten müssen, um den Anschluss zu halten", zitiert ein triumphierender Miami Herald eine große New Yorker Galeristin. Die Kunstwelt blickt nach Süden, und die Art Basel hat künftig wohl zwei Flügel, einen in ihrer Heimatstadt und einen im Art Deco-Viertel von Miami.

Wie ist der unwiderstehliche Erfolg der Art Basel zu erklären?

In Basel ist es im Sommer die vierunddreißigste Kunstmesse gewesen, und noch immer scheint alles so, wie es immer war. Noch immer blüht er verlässlich auf, der tropische Garten Eden voller Kunstgewächse: ein unverbrauchbares Spektakel, so hat es den Anschein, eine fünfte Jahreszeit, in der die Kunst und ihre Entourage über die Stadt herfallen.



Besucher der Art 34 Basel / Courtesy Art Basel

Gewiss, die Erregung, die sich einmal von den Zumutungen und Provokationen der zeitgenössischen Kunst nährte, von diesen befremdlichen Formen und Zeichen, scheinbar ohne Bedeutung, irritierend und faszinierend zugleich, ist im Lauf der Jahre spürbar abgeklungen. Das ist Art -Geschichte, ein bisschen mythisch inzwischen, als raunten die Ahnen von wilden Zeiten. Heute ist die Art Alltag, herausgehobener Alltag, mehr nicht. Und längst hat der Kunstmessenbesucher mit und ohne Expertenzertifikat gelernt, grundsätzlich mit allem zu rechnen. Wenn also eine hoffnungsvolle Künstlerin kunsthalber eine Stunde mit zirpenden Grillen im Plastikgehäuse zu verweilen verspricht, dann ergibt das bestimmt ein schönes Bild für die Eintracht der Schöpfung, aber auf der Messe ringsum wird kaum eine erhöhte Pulsfrequenz nachzuweisen sein.


Pedro Reyes: Chemical Architecture XVI, 2003, Process photo.
Courtesy Galeria Enrique Guerrero, Mexico / Art Basel Miami Beach

Damals – im fernen Jahr 1970 – standen wir, das schwarzrote Katalogbuch unterm Arm, noch etwas hilflos unter all den Leuten und vor all den Bildern. Kunst auf dem Markt? Kunst als Handelsgegenstand einer Messe? Verlöre sie nicht ihr Geheimnis, ihren Zauber, wenn sie so direkt auf ihren Warencharakter reduziert würde? Durfte das sein? Wie vertrüge sich der gesellschaftskritische Anspruch der Zeitkunst mit den zahllosen Preisschildern und der Bazarstimmung und all den größeren und kleineren Beträgen, die über Gelingen oder Misslingen dieser Veranstaltung entscheiden würden?

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