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Punkt, Linie und Fläche: Die Maler am Bauhaus

Wie keine andere Kunst- und Werkschule stand das Bauhaus, 1919 von dem Architekten Walter Gropius in Weimar gegründet, für den Anspruch der Künste auf gesellschaftliche Relevanz. Zur Zeit beweisen zwei Ausstellungen, dass die Ausstrahlung dieser Schule bis heute nicht nachgelassen hat: Klee and Kandinsky: The Bauhaus Years im Guggenheim Museum in New York und Paul Klee: Lehrer am Bauhaus in der Kunsthalle Bremen. Auch die Sammlung der Deutschen Bank spiegelt die Bedeutung der Bauhauskünstler wider. Katrin Bettina Müller zeichnet die Geschichte des Bauhauses nach und stellt Werke aus der Sammlung Deutsche Bank vor.

Der Seiltänzer: In einer Farb-Lithografie von Paul Klee von 1923 steht er mit seiner Balancierstange hoch oben auf dem rosa Blatt. Seitlich flattert eine Strickleiter, unter ihm bündeln sich schräge Linien wie die Saiten eines Instrumentes. Schwarze Punkte und Flecken wuseln dazwischen und verstärken die klangliche Anmutung von Noten, die herumtanzen. Man glaubt, dem Seiltänzer auf Augenhöhe zu begegnen und von unten zu ihm hochzublicken, so spielerisch bricht Klee das traditionelle Gefüge perspektivischer Lösungen auf. So ist der Seiltänzer, Chiffre der Balance und der Verunsicherung, in ein vibrierendes und transparentes Geflecht gesetzt: Doch was so leichthändig und traumwandlerisch sicher wirkt, beruht auf einer genauen Analyse des Sehens und der darstellenden Mittel, einer ständigen Reflektion der Verbindungen zwischen Auge und zeichnender Hand.



Paul Klee - Seiltänzer,1923, 138
Sammlung Deutsche Bank. (c) VG Bild Kunst, Bonn 2003


Als die Lithographie, die heute zur Sammlung Deutsche Bank gehört, entstand, war Paul Klee (1879 - 1940) seit zwei Jahren Lehrer am Bauhaus. Mit dieser Zeit beschäftigen sich zur Zeit zwei Ausstellungen: Das Guggenheim Museum in New York zeigt Klee and Kandinsky: The Bauhaus Years und die Kunsthalle Bremen stellt Paul Klee im ersten Kapitel einer dreiteiligen Reihe über den Künstler als Lehrer am Bauhaus vor. Tatsächlich ist die Geschichte des Bauhauses bis heute so anziehend, weil dort einige der bekanntesten Maler der Zeit - Paul Klee, Wassily Kandinsky, Josef Albers, Oskar Schlemmer, Lyonel Feininger - lange Jahre als Meister gearbeitet haben. Sie alle haben sich mit einer unverwechselbaren Handschrift in die Geschichte der Malerei eingeschrieben, die weit über die Programmatik des Bauhaus hinausgeht.

Das Bauhaus war nicht zuletzt durch diese Künstler unter den Lehrern für die internationale Entwicklung der Moderne bedeutender als etwa der deutsche Expressionismus. Diese Ausstrahlung und Bedeutung für die Kunst der Nachkriegszeit hat die Deutsche Bank 1980 bewogen, den Konstruktivismus und das Bauhaus neben dem Expressionismus zu einem Sammlungsschwerpunkt zu erklären. Über fünfzig Werke aus diesem Umfeld gehören inzwischen der Sammlung Deutsche Bank: Dazu zählen etwa Klees Seiltänzer (1923), von Kandinsky die Mappe Kleine Welten (1922) und das konstruktivistische Aquarell Trüber Aufstieg (1924), Laszlo Moholy-Nagys Mappe mit Lithographien 6 Konstruktionen (1923) und eine Siebdruckreihe des Homage to the Square (1966) von Josef Albers.



Lyonel Feininger : Kirche über Stadt, 1927
Sammlung Deutsche Bank. (c) VG Bild Kunst, Bonn 2003


Wie keine andere Kunst- und Werkschule stand das Bauhaus, das 1919 von dem Architekten Walter Gropius in Weimar gegründet wurde, für den Kampf der Künste um gesellschaftliche Relevanz. In den Manifesten und Produkten der Schule äußerte sich ein Modernisierungsschub, der mit dem beschleunigten Rhythmus der industriellen Produktion den Talmiglanz des untergegangenen Kaiserreiches beschwingt abstoßen wollte. Die politischen Hoffnungen der Weimarer Republik wurden im Bauhaus in programmatische Konzepten gegossen: über die Gestaltung das alltägliche Leben zu reformieren galt als Ziel. Man wollte mit den Mitteln der Architektur, mit Möbeln, Stoffen, Glas, Keramik und der visuellen Sprache der Reklame für Transparenz, Funktionalität und eine Offenheit sorgen, die auch als soziale Offenheit gemeint war, als Abbau von Grenzen und Hierarchien.

"Erschaffen wir gemeinsam den Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird - Architektur und Plastik und Malerei -, der aus Millionen Händen der Handwerker einst gegen den Himmel steigen wird, als kristallenes Sinnbild eines neuen, kommenden Glaubens", schrieb Walter Gropius emphatisch im Programm des Staatlichen Bauhauses, dessen Titelseite eine Kathedrale von Lyonel Feininger zeigte, in ein spitzes und fast aggressiv zu den Sternen durchstoßendes Netz von Linien zerlegt. Dieses stetige Ziel einer funktionalen Anwendung vor Augen, diese stetige Forderung nach gesellschaftlicher Verantwortung der Künste lässt um so mehr darüber staunen, wie viele der berufenen Lehrer Maler waren. Und nicht nur das. Viele waren sogar Vertreter der Abstraktion, einer von der Darstellung der Realität entbundenen Kunst, die sich auf Entwicklung ihrer eigenen Gesetze beruft. So wurde die Welt der Kunst der Realität entgegengestellt und die Abstraktion zum Träger für die Utopie einer besseren Welt.


Paul Klee : Töpferei, 1921, 69
Sammlung Deutsche Bank. (c) VG Bild Kunst, Bonn 2003


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