In dieser Ausgabe:
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Eine Art magnetischer Sog

Ein Interview mit der Tänzerin Noreen Guzman de Rojas.

1971 wurde am Moore College of Art in Philadelphia Bruce Naumans Tanzperformance Untitled uraufgeführt. Jetzt hat sie die Tänzerin Noreen Guzman de Rojas für die Ausstellung Bruce Nauman: Theatres of Experience im Deutsche Guggenheim unter der Anleitung Cesc Gelaberts neu einstudiert. Während der zehn einstündigen Präsentationen stellt sich die Tänzerin vor, dass ihre eigene Körperlichkeit durch gleichzeitige mentale und physische Aktivität in eine Sphäre verwandelt wird.




Noreen Guzman de Rojas wurde 1971 in La Paz / Bolivien geboren. Sie studierte Physiotherapie, Modernen Tanz und Tanzpädagogik in Berlin, den USA und Kuba. Engagements als Tänzerin führten sie unter anderem nach Boston, Heidelberg und an die Komische Oper Berlin. Hier war sie auch als Choreografische Assistentin für Ballett Extra und Der Traum des Minotaurus, einer Choreografie von Blanca Li an der Komischen Oper Berlin tätig. Eigene Choreografien von Noreen Guzman de Rojas wurden im tanZatelier der Komischen Oper ( Intimidad, 2002 und Resistener, 2003) sowie beim Festival Anernos (Pertenencia , 2003) aufgeführt.

Während der Performances im Deutsche Guggenheim dreht sich die Tänzerin, dicht an der Wand in einer Raumecke liegend, für die Dauer einer Stunde in gestreckter Körperhaltung um die eigene Achse. Am ersten Tag sind es noch fünf Umdrehungen. Am zehnten Tag hat sie den Vorgang auf eine einzige Drehung reduziert: eine einzige langsame 360-Grad-Kehre in 60 Minuten. Im Interview mit Susan Cross spricht Noreen Guzman de Rojas über ihre Erfahrungen während der Aufführung.

Susan Cross: Noreen, es war wunderbar, dass Sie Bruce Naumans "Tanz" Untitled aus dem Jahr 1969 im Rahmen unserer Ausstellung vorführen konnten. Das war ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung und unseres Versuchs, die Rolle von Performance-Strategien dahingehend auszuleuchten, wie Bruce Nauman Erfahrung erfasst. Ich würde gern mehr darüber wissen, wie Sie die Arbeit als Performerin erlebt haben. Als wir uns vor Ihrer ersten Vorführung das erste Mal in Berlin unterhielten, beschrieben Sie mir einige der physischen und mentalen Eindrücke, die Sie während der Performance erlebten. Ein Großteil der Arbeit ist mentale Aktivität, deshalb wäre es interessant, wenn Sie beschreiben könnten, was Ihnen während der jeweils einstündigen Performance durch den Kopf ging.

Noreen Guzman des Rojas: Bei dieser Arbeit fand ich es schwierig, die physische von der mentalen Aktivität zu trennen. Einmal habe ich probiert, beides zu trennen und unabhängig voneinander wahrzunehmen, aber ich bemerkte, dass es mir in dem Moment unmöglich war, Geist und Körper voneinander zu lösen. Bevor ich irgendwas tat, brachte ich mich in eine entsprechende geistige Verfassung und stellte eine innere Verbindung zu meinem Körper her.

Ich legte mich auf den Boden und nahm Verbindung zu meinem Zentrum auf. Ich verlangsamte meine Atmung und versuchte, jeden Teil meines Körpers und die Oberflächen, mit denen er in Berührung war, zu spüren. Dabei entstand das Gefühl, von Teilen der Wand und des Bodens, aber besonders der Wand, absorbiert zu werden. Während ich mich zu drehen versuchte, wurde meine Energie dazu benötigt, mich entweder gegen oder mit der Wand zu bewegen. Und ich spürte eine Art magnetischen Sog. Die Kraft drückte gegen meinen Körper und zugleich absorbierte sie ihn.

Diese Verbindung zur Architektur war der erste starke Eindruck, und er verstärkte sich noch mit der Zeit. Mein Körper wurde während der Aktivität immer sehr warm. Und in bestimmten Momenten spürte ich sehr deutlich seine Schwere, besonders die Schwere meines Kopfes.

Cross: Jetzt, nachdem Sie die Arbeit an vielen aufeinanderfolgenden Tagen aufgeführt haben, können Sie beschreiben, wie sich Ihre Erfahrung mit dem Stück verändert hat? Hat sich ihr Verständnis der Arbeit und der "Anweisungen" überhaupt verändert?

Guzman de Rojas: Ich glaube, je häufiger ich die Anweisungen ausführte, desto besser verstand ich sie. Innerlich habe ich mich jedes Mal anders gefühlt. Obwohl es natürlich sein kann, dass meine Bewegungen von außen, für den Betrachter, immer gleich aussahen, ich weiß es nicht ... Es gab Momente, da hatte ich das Gefühl, der Erfahrung, wie Bruce Nauman sie sich vorstellte, sehr nahe zu kommen. Anfangs versuchte ich, seine Erfahrung zu verstehen, um alles richtig zu machen, aber letztlich ist das unmöglich. Also machte ich meine eigene Erfahrung, und es war großartig.

Zwei Dinge veränderten sich während dieser Zeit: Je langsamer ich mich bewegte, und je minimaler ich meine Bewegungen gestaltete, desto stärker änderte sich meine Wahrnehmung von Zeit und Distanz. Eine Stunde wurde sehr kurz, und ein Atemzug eine sehr große Bewegung. Mir wurde bewusst, wie stark wir uns innerlich bewegen. Außerdem begann ich nach einer Weile, mit verschiedenen Energiezuständen und der Wahrnehmung der Zuschauer zu spielen.

Wenn die Stunde vorbei war, brauchte ich jedes Mal einen Moment, um zurück in die Gegenwart zu kommen, zurück zu mir selbst.

Cross: Das ist eine interessante Vorstellung, dass Sie "zurückkommen" mussten – das impliziert, dass Sie woanders waren, auf einer anderen Bewusstseinsebene. Sie haben es so gut beschrieben, dass ich mich fast in Sie hineindenken kann. Beim Betrachten veränderte sich auch für mich die Zeit – sie wurde langsamer. So wenig schien zu passieren und zugleich so viel. Wenn ich Naumans Performances in seinen Videos zuschaue, dann spüre ich eine Spannung, und so ging es mir auch, als ich Sie beobachtete. Mein eigener Körper reagierte auf die Spannung, die ich in Ihrem sah. Ich finde diese Art von körperlicher Empathie und Spiegelung sehr interessant. Die Nachahmung der Bewegung einer anderen Person und die Verbindung, die daraus entsteht – das ist eine sehr grundsätzliche Art der Kommunikation, ohne Worte. Unsere Zustände, sowohl mental als auch emotional, treten im Verhältnis zu unseren physischen Erfahrungen deutlicher hervor.

Sie haben erwähnt, dass Sie mit den Wahrnehmungen der Zuschauer spielten. Können Sie genauer erklären, was Sie damit meinen?

Guzman de Rojas: Ich befand mich tatsächlich auf einer anderen Bewusstseinsebene, was mich selbst und meine Umgebung anging. Auch wenn ich die Zuschauer nicht sah, so konnte ich sie doch spüren, und nach ein paar Tagen begann ich, sie zu unterschieden, je nachdem, welche Energien sie aussendeten. Das klingt seltsam? Ja ... aber es fühlte sich nicht seltsam an. Wenn sie mir einfach zusahen, den Moment gemeinsam mit mir erlebten, dann spürte ich das, dann entstand ein Energiefluss. Es gab aber auch störende Energien, etwa wenn sie zu unruhig waren und ich mich darauf konzentrierte, meine Langsamkeit auf sie wirken zu lassen – manchmal funktionierte das, manchmal gingen sie hinaus ... Und dann gab es Momente, in denen ich mit meiner Arbeit allein gelassen sein wollte.

Cross: Ich frage mich, ob Sie jemals das Gefühl hatten, die Kontrolle zu verlieren, sie an die Aktivität abzugeben. Sie haben über das Gefühl gesprochen, dass die Architektur Sie absorbiert. War das auf irgendeine Art beängstigend? Ich erinnere mich gelesen zu haben, dass einige der Schauspieler, die in den späten Sechzigern ähnliche Arbeiten für den Künstler aufführten, Sinking into the Floor zum Beispiel, in panikartige Zustände gerieten, dass sie das Gefühl hatten, nicht mehr atmen zu können, dass sie den Druck auf ihren Organen spürten und die Vorführung abbrechen mussten. Haben Sie eine solche Art von Kontrollverlust auch erlebt?

Guzman de Rojas: Der einzige Moment, in dem ich etwas Angst hatte, die Kontrolle zu verlieren, kam ganz am Ende, beim Vollenden der "Drehung". Mein Körper versuchte, die Wand zu erreichen, doch der Boden absorbierte mich. Ich musste Kraft aufwenden und befürchtete, den Moment zu durchbrechen, aber die Aktivität selber übernahm die Kontrolle und setzte sich fort. Sie brach nie ab. Es beängstigte mich nicht, dass die Architektur die Kontrolle übernahm, im Gegenteil: Es machte mich neugierig, und ich genoss es. Es war großartig – ich fand erstaunliche Dinge heraus.

Ich wurde glücklicherweise nie panisch, aber ich spürte viele Veränderungen in meinem Körper während dieser Stunde. Mir war sehr bewusst, dass ich langsamer atmen musste, um mich langsamer bewegen zu können. Und dem entsprechend änderte ich auch am Schluss, vor dem Aufstehen, meinen Rhythmus, obwohl mir immer irgendwie schwindlig war, und ich meine Zeit brauchte, um urückzukommen.

Cross: Danke. Ihre Ausführungen haben mein Verständnis von der Performance erweitert. Die Verbindung zwischen physischen und mentalen Zuständen zu beobachten, ist großartig. Es passiert nicht oft, dass wir uns die Zeit nehmen, aus uns selbst herauszutreten und das Risiko auf uns nehmen, uns selbst und die Welt in einem anderen Licht zu sehen.

Ein Video von der Aufführung finden Sie hier.

Das Interview führte Susan Cross. Sie ist Kuratorin der Ausstellung Bruce Nauman: Theatres of Experience im Deutsche Guggenheim in Berlin .

Übersetzung: Karsten Kredel