In dieser Ausgabe:
>> Bruce Nauman und die Tänzerin
>> Pioniere der Videokunst
>> Bruce Nauman: Ein Porträt
>> Theater der Grausamkeit

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"Es geht um uns!"

Susan Cross, Kuratorin der Ausstellung Bruce Nauman - Theaters of Experience im Deutsche Guggenheim in Berlin, erklärt im Interview, was die Besucher von den Arbeiten Naumans lernen können: Keine Angst zu haben, Machtkämpfe zu verstehen und das Absurde des Alltäglichen zu entdecken.

Arno Widmann: Wann stießen Sie das erste Mal auf Bruce Naumans Arbeiten?

Susan Cross: Ich weiß nicht genau. Ich habe das Gefühl, sein Werk schon immer gekannt zu haben, aber wahrscheinlich lernte ich es in den Achtzigern kennen, als ich im College war. Das erste, was ich von ihm sah, war wohl  Hanging Carousel von 1988.

Widmann: Die Ausstellung Theaters of Experience im Deutsche Guggenheim in Berlin konzentriert sich auf Bruce Naumans frühe Arbeiten?



Bruce Nauman
Art Make-up No. 1: White (Detail), 1967-1968
Courtesy Electronic Arts Intermix (EAI), New York
©VG Bild - Kunst, Bonn 2003 / 2004


Cross: Das Solomon R. Guggenheim Museum in New York hat viele - mehr als dreißig - Arbeiten von Bruce Nauman aus den sechziger und siebziger Jahren. Hier in Berlin zeigen wir insgesamt dreizehn Arbeiten: eine Auswahl aus der Guggenheim-Sammlung und einige Leihgaben. Die Arbeiten entstanden in den Jahren 1966 bis 1990. Die erste ist Device to Stand In, die letzte die Raw Material - BRRR genannte Video-Installation. Am Anfang und Ende der Ausstellung steht der Künstler also in seinem Atelier. Vielleicht werden wir später einmal Gelegenheit haben, auch die neueren Arbeiten zu zeigen - in einem zweiten Teil von Theaters of Experience . Die aktuelle Ausstellung richtet ihren Focus auf die Performance Aspekte von Naumans künstlerischer Praxis und folgt der Entwicklung einiger verwandter Themen von den frühen Arbeiten bis in die späteren Jahre hinein.

In der Arbeit Art Make-Up (1967-68) zeigt Nauman, wie er sich mit verschiedenen Farben bemalt. Hier ist er selbst der Performer. In anderen Arbeiten dagegen zwingt er den Besucher zur Performance. Bruce Nauman zeigt uns nicht einfach Dinge. Er provoziert uns, zwingt uns zum Handeln, zum Denken. Das ist nicht immer einfach. Angesichts seines Interesses an Wortspielen - ein Großteil seines Werkes beschäftigt sich spielerisch mit der plastischen, mit der unpräzisen Natur der Sprache - ist es schwierig, seine Konzentration auf die bewusste Tätigkeit oder Aktivität zu trennen vom Wort "action" und seiner Wurzel "to act", dessen Doppeldeutigkeit in Naumans Arbeiten so oft angesprochen wird. Wenn jemand mit einigem Selbstbewusstsein "agiert", wird er zum "actor", zum Schauspieler. Naumans Art Make-Up, Nr. 1-4 betont das und zeigt den Künstler, der sich Make-Up auflegt, wie ein Schauspieler das tun würde. Indem er sich selbst bemalt, zeigt Nauman den Künstler als Medium, macht er die Performance-Seite des "making up" - wie auch der Maskierung - der eigenen Identität deutlich.



Bruce Nauman
Art Make-up No. 1: White (Detail), 1967-1968
Courtesy Electronic Arts Intermix (EAI), New York
©VG Bild - Kunst, Bonn 2003 / 2004


Widmann: Welche Arbeiten in der Ausstellung lieben Sie besonders?

Cross: Das ändert sich jeden Tag. Aber vielleicht fühle ich mich besonders zu den Hologrammen hingezogen. Sie sind ganz ungewöhnlich. Sie waren damals sehr experimentell. Sie zeigen den Künstler beim Einsatz unerwarteter Medien. Wir zeigen die Hologramme mit Natrium-Dampf-Lampen. Also so, wie sie ursprünglich gezeigt wurden. (Heute sieht man sie oft mit Laserlicht.) Es ist wunderbar zu sehen, wie die Zuschauer sich bewegen müssen, um alles in den Hologrammen zu sehen.

Widmann: Was haben Sie von Bruce Nauman gelernt?

Cross: Alles in Frage zu stellen. Absolut alles. Alles aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, nach einem Blickpunkt außerhalb meiner Selbst zu suchen. Auch, wenn das sehr beunruhigend ist.






Bruce Nauman
Art Make-up No. 4: Black (Detail), 1967-1968
Courtesy Electronic Arts Intermix (EAI), New York
©VG Bild - Kunst, Bonn 2003 / 2004


Widmann: Sie hatten nie Angst vor der Aggressivität einiger seiner Arbeiten?

Cross: Ich würde nicht das Wort "Angst" verwenden. Erregt wäre passender. Naumans Arbeiten können einen attackieren. Raw Material zum Beispiel kann Sie sehr verstimmen mit dem unnachgiebigen Ton und den verwirrenden Bewegungen des Künstlerkopfes.

Einige von Naumans Videos und Environments erinnern mit ihren unerwarteten Ansichten und Klängen an Antonin Artauds  Theater der Grausamkeit. Die verstörende, chaotische Natur vieler Environments von Nauman - sie sind oft mal in grelles Weiß, mal in gelbes und grün fluoreszierendes Licht getaucht - macht dem Betrachter bestimmte psychische und physische Reaktionen bewusst: Mitten im Unsicheren entsteht eine gewisse Aufmerksamkeit. Diese Environments deuten auch eine unidentifizierte, äußere Kraft an, die auf das Selbst einwirkt. Die Konfrontationen, mit denen Nauman in seinen Korridor-Arbeiten spielte, werden in späteren Arbeiten zu Untersuchungen über Machtverhältnisse und Gewalt auf den Schauplätzen der Welt.

In den achtziger Jahren gewannen Naumans Arbeiten eine politische Dimension, die unter anderem von den Schriften von V.S. Naipaul, vor allem von The Return of Eva Peron (1980), und von  Jacopo Timermans Berichten von seiner Gefangenschaft und Folterung in Argentinien in  Prisoner without a name, Cell without a number inspiriert wurde. "Meine Arbeiten entstehen aus der Frustration über die menschliche Existenz und daraus, wie Menschen es ablehnen, andere Menschen zu verstehen und daraus, wie grausam sie zu einander sein können", erklärte Nauman einmal.



Bruce Nauman
Art Make-up No. 2: Pink (Detail), 1967-1968
Courtesy Electronic Arts Intermix (EAI), New York
©VG Bild - Kunst, Bonn 2003 / 2004


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