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Künstlergespräch: Florian Merkel in der Kunsthalle Tübingen

Anlässlich der Ausstellung Man in the Middle - Menschenbilder aus der Sammlung Deutsche Bank hat die Kunsthalle Tübingen den Künstler Florian Merkel zu einem Gespräch eingeladen. Merkel, von dem einige Arbeiten auch in der Ausstellung zu sehen sind, hatte in der DDR begonnen, Schwarz-Weiß-Fotografien von Hand zu colorieren - als Geburtstagsgeschenk für Freunde und Bekannte. Der 1961 in Chemnitz (Karl-Marx-Stadt) geborene Künstler hat dieses Verfahren in den neunziger Jahren perfektioniert: "Die Kolorierung mit Eiweißlasur hat zur Folge, dass sie in die Fotoschicht eindringt, ohne Spuren eines Farbauftrags zu hinterlassen. Die künstliche Farbigkeit der Fotobilder führt zu einem Realitätsverlust der Darstellung, weil diese zu stark ausgeleuchtet, synthetisch und damit irreal werden. In Verbindung mit der kulissenhaften Szene und der unscharfen Linienführung, die sich aus der Kolorierung ergibt, ist die Überspitzung perfekt", schrieb Karin Moos 2000 in einem Text zum Ausstellungskatalog 100 Meisterwerke.





Florian Merkel, Ohne Titel, 1993, Sammlung Deutsche Bank

Florian Merkel verwendet häufig klassische Motive aus der griechischen Mythologie, der Bibel oder Episoden aus der deutschen Geschichte. So stellte er in der Serie 100 Meisterwerke Szenen aus Werken der Alten Meister und der klassischen Moderne vor der Kulisse des neuen Berlin nach.


Er beleuchtete in der Reihe Aspekte demokratischen Zusammenlebens motivisch die politisch-gesellschaftlichen Begriffe eines aufgeklärten Miteinanders, oder ließ in der Reihe Urban defendability junge Menschen mit Molotow-Cocktails in der Hand ihre "Wehrhaftigkeit" vor den Neubauten am Potsdamer Platz in Berlin demonstrieren.




Florian Merkel, Ohne Titel, 1993, Sammlung Deutsche Bank


"Es soll eine Illusion der Wirklichkeit da sein, doch gleichzeitig merkt der Betrachter, dass die Wirklichkeit so nicht sein kann. Diese Brechung resultiert sowohl aus der Art meiner Colorierung wie auch aus bestimmten Bilddetails und Requisiten, die verstörend wirken können", erklärte Merkel 1996 in einem Interview. Eine vierteilige Serie aus dem Jahr 1993 zeigt eine Familie in ihrem Haus in ländlicher Umgebung: spielende Kinder im Garten, Eltern mit Kind bei einem Spaziergang im Wald. Betrachtet man die knallbunt colorierten Bilder, glaubt man zuerst, hier werde ein Idylle besonders süßlich hervorgehoben. Zugleich entsteht ein sehr unbehagliches Gefühl, denn die Farben sehen geradezu giftig aus. Irgendetwas stimmt nicht an dieser Szenerie. Was wird hier eigentlich gezeigt: eine Idylle? Oder ein Drama? Vor dem Spiegel der Geschichte, politischen oder gesellschaftlichen Projektionen stellen Florian Merkels Menschen-Bilder Fragen an das Leben heute.

Das Künstlergespräch mit Florian Merkel findet am 25. September um 18 Uhr in der Kunsthalle Tübingen statt. Die Ausstellung Man in the Middle – Menschenbilder ist vom 13. September bis 2. November zu sehen.