In dieser Ausgabe:
>> Rundgang Deutsche Bank Tokio
>> Blick nach Osten
>> Miwa Yanagi
>> Naoya Hatakeyama

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Das menschliche Element

In der Deutschen Bank in Tokio treten japanische und deutsche Künstler in einen kreativen Dialog. Entscheidend war bei der Auswahl der Werke, dass sie an das alltägliche Leben anknüpfen und es reflektieren. Andre Kunz hat die Unternehmenssammlung im Sanno Park Tower besucht.

Der Sanno Park Tower mitten im Tokioter Regierungsviertel ist weithin sichtbar. Gerade drei Jahre ist der 194 Meter hohe Wolkenkratzer jung und eines der zwanzig höchsten Gebäude Tokios. Dort hat sich die Deutsche Bank im August 2000 auf sechs Stockwerken eingemietet und kann ohne Übertreibung behaupten, dass sie in einem der bekanntesten Gebäude Tokios überhaupt logiert.

Die Lage ist tatsächlich prominent. Die neue Residenz des japanischen Ministerpräsidenten, das Parlamentsgebäude und die Parlamentarierbüros liegen zur Rechten, das altehrwürdige Luxushotel Tokyu zur Linken des Sanno Park Towers. Der über fünfhundert Jahre alte Shinto-Schrein Hie ( Bild) schützt das Gebäude nach japanischer Auffassung mit seiner Lage auf der Rückseite.

Angesichts von soviel architektonisch herausragenden Gebäuden in der Umgebung, verzichtete das für den Bau des Hochhauses verantwortliche Architekturbüro Mitsubishi Jissho Sekei auf Kunst rund um das Gebäude. Auch die über 15 Meter hohe Eingangshalle im Erdgeschoss ist streng modernistisch und funktional gestaltet. Und seit den Terroranschlägen in New York werden auch in Tokio die Zugänge zu Hochhäusern mit ausländischen Firmen von Sicherheitsleuten streng bewacht. Kunst hat in dieser Umgebung zur Zeit keinen Platz.

Die Stimmung verändert sich schlagartig nach dem Verlassen der Aufzüge im 19. Stockwerk, wo die minimalistisch eingerichtete Empfangshalle der Deutschen Bank in Tokio Wärme verströmt. Vornehme Eleganz strahlt der auf Hochglanz polierte Kalkstein aus, dessen helles Beige derjenigen der Fassadenverkleidung des japanischen Parlamentsgebäudes (Diet) ähnelt.



Sato Tokihiro: Horned Melon, 1994, Sammlung Deutsche Bank

Drei Schwarz-Weiß-Fotografien des 1957 in der Präfektur Yamagata geborenen Fotografen Sato Tokihiro sind als Tryptichon an der rechten Wand aufgezogen. Die Aufnahmen vom Berliner Reichstag vor der Renovierung, einer mit Leuchtfäden überzogenen Frucht und der keltischen Pilgerstätte Stonehenge in England führen in eine poetische Welt. Nacht scheint über den Bildern zu liegen, doch wird sie durchbrochen von einem Lichtschein, als würden sie vom Vollmond angestrahlt. Punkte scheinen über die Bilder zu irrlichtern wie verlorene Seelen. Satos Fotografien sind mit extrem langer Belichtungszeit – bis zu zwei Stunden – aufgenommen. Die Lichtpunkte entstehen, indem der Fotograf sich tagsüber während der Belichtung mit einem Spiegel an verschiedenen Stellen positioniert und in die Kamera blendet. Nachts benutzt Sato einen Leuchtstift. Da sich der Fotograf während der langen Belichtungszeit langsam, aber ständig bewegt, bleibt er im Bild unsichtbar. Nur die Lichtpunkte zeichnen seine Bewegungen nach. Sato, der ursprünglich von der Skulptur kommt, erklärte einmal in einem Interview: "Ich fotografiere nur Landschaften, bestimmte Objekte und Licht. Dennoch haben diese Fotografien ein ausgeprägtes menschliches Element. Das Licht wird körperlich, während die Lichtspuren, die ich mache, wenn ich mich bewege, das Verfließen der Zeit verkörpern und eine Skulptur in der Zeit erschaffen."



Empfangshalle der Deutschen Bank im Sanno Park Tower Tokio, 2003

Die linke Seite der Empfangshalle bestimmen ein in die Wand eingelassener rechteckiger Brunnen und eine ebenso lange Öffnung in der Wand, aus der fast unhörbar Wasser fließt. Das leise Plätschern des Wassers verstärkt die beruhigende Wirkung des Raumes. Der Architekt George Dasic vom Tokioter Büro Dasicarchitects plante den Brunnen ursprünglich nur für die Sommerzeit und wollte an der gleichen Stelle im Winter mit Gasflammen eine Art Feuerstelle simulieren. Den Plan für das Feuer musste er wegen sicherheitstechnischer Vorschriften jedoch fallen lassen.

Dafür durfte Dasic mit einem unkonventionellen Design die Kundenempfangsräume auf demselben Stockwerk gestalten. Um den Gängen Dynamik zu verleihen, setzte er schräge Wände ein, die sich in unterschiedlichen Winkeln verzweigen. Mit der Kombination aus Kalkstein, Glas, Metall und einer Stukka-Politur schaffte Dasic eine Atmosphäre, die aus verschiedenen Perspektiven ungewohnte Sichten auf die Skyline von Tokio eröffnen. Das Parlamentsgebäude mit dem Bürogebäudekomplex für die Parlamentarier ist vom größten Raum in der Niederlassung, dem Boardroom, gut sichtbar. Die Stirnseite dagegen gibt den Blick frei auf die neuen Mori-Türme und den Tokio Tower im Stadtteil Roppongi. Im Boardroom sind neun Farb-Fotografien von Naoya Hatakeyama aus der River Series (1993-1996) so an die Zwischenmauern der Fenster gehängt, dass sie als Kontrast zum urbanen Horizont Tokios ein neues Fenster in Naturräume eröffnen.

"So entstehen neue künstlerische Dialoge", sagt die Kunstberaterin und -Agentin Yoshiko Isshiki. Sie hat der Deutschen Bank in Tokio bei der Auswahl der japanischen Werke geholfen. Fast zwei Drittel der rund 350 Werke umfassenden Sammlung in Tokio sind von japanischen Künstlern. Die Kriterien für die Auswahl der japanischen Werke waren vielfältig, doch für Isshiki war es wichtig, dass sie an das alltägliche Leben anknüpfen und es reflektieren.



Makoto Sasaki: Heartbeat Drawing 24-Hour, 1998, Sammlung Deutsche Bank

"Absolutes Nachdenken über den Alltag" fordert Isshiki von den Bildern. Aber diese Forderung kann auf äußerst unterschiedliche Weise erfüllt werden. Hatakeyamas Fotografien der River Series bilden die Realität ab und verfremden sie durch äußersten Ästhetizismus. Makoto Sasaki verfährt in seinem Heartbeat Drawing 24 Hour ganz anders: Mit roter Tinte hat er seine Herzschläge über 24 Stunden aufs Papier gebracht.

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