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Richard Artschwager in der Presse

Ein mannshohes Kirchenkreuz, beschichtet mit braunem Nussbaumimitat, eine Zeichnung von einer Kartoffel auf schrägem Brett, ein aufgeschlagenes "Buch" in einer Glasvitrine -- las man die Kritiken zu Richard Artschwagers Ausstellung "Auf und Nieder/Kreuz und Quer" im Deutschen Guggenheim Berlin, sieht man förmlich, wie sich die Kritiker am Kopf kratzten.

"Da sehen wir im Zentrum der Ausstellung ein mannshohes Kreuz. Hier buchstabiert der Künstler die Formensprache des heiligen Symbols noch einmal durch. Mehr nicht. Dort sehen wir einen Spiegel, gucken hinein - und sehen nichts! Und das 'Book' (1987), die Bibel, verweist ironisch - in einer Vitrine präsentiert - auf das Buch der Bücher, so als sei es die Luther-Bibel. Stolpersteine auf Schritt und Tritt", sieht Welt-Rezensentin Gabriela Walde.


Ulrich Clewing zeigt sich in seiner Rezension für die Frankfurter Rundschau besonders fasziniert von dem Porträt George W. Bushs, das in der Ausstellung gezeigt wird. Ist das etwa Kriegsherrenpropaganda? Vorsicht, meint er, "nichts ist, wie es scheint in Artschwagers Wunderland." Interessant werde das Werk " vor allem durch den Bildträger, den Artschwager benutzte: eine grob gefaserte Kunststoffplatte, Celotex in der Fachsprache, die normalerweise beim Hausbau als Dämm- oder Füllstoff verwendet wird. Eine solche Platte macht gleichmäßigen Farbauftrag nahezu unmöglich, überall bleibt der Pinsel an hervorstehenden Kunststofffasern hängen, bilden sich Tropfen, Nasen und andere wulstige Formationen. Der Maler Francis Bacon hat Zufälle wie diese, die auch in seinen eigenen Bildern vorkamen, einmal 'Fehler' genannt (und das durchaus positiv gemeint) - so gesehen ist George W. Bush in der Artschwager-Version voller Fehler."

Jörg Heise von der Süddeutschen Zeitung konnte trotz Denkarbeit auch den Spaß in der Sache erkennen. Vor allem "die 'Blps', lautmalerisch benannt nach Radar-Gepiepse: schwarze Graffiti in Pillen-Form, meist nicht größer als eine Servierplatte", hatten es ihm angetan. "Artschwager hat sie an den unmöglichsten Stellen platziert. Im Deutschen Guggenheim erscheinen sie mal in der Ecke links über einer Zeichnung, dann wieder auf Steckdosenhöhe auf dem Weg zum Museumsshop. Dort bietet man nur eine kleine Handvoll Bücher an (offenbar hält man das Publikum für lesefaul), dafür aber Frühstücksbrettchen und Handtaschen mit Resopalbeschichtung, wie es sie, dank Retromode, in jedem Geschenkeladen geben könnte. Doch gegen den Versuch, dieses Spiel zwischen Original und Fälschung als reine Effekthascherei abzutun, hat sich der Künstler Artschwager geschickt abgesichert: Auf einem Foto-Plakat über der Museumskasse ist er zu sehen, wie er sich die Hand in einer Art 'Au-weia'- Geste vor die Stirn schlägt."

Ratlosigkeit bei der Berliner Zeitung: Ingeborg Ruthe weiß zwar, dass Artschwagers Werk "seit den Achtzigern im Zusammenhang mit Theorien zum Dekonstruktivismus in seiner Bedeutung erkannt wurde". Doch angesichts der Ausstellung ist sie "noch immer verwirrt".

"... Artschwager baut Skulpturen, die wie Bilder aussehen, und malt Bilder, die eher wie Skulpturen wirken. Sein bevorzugtes Material sind Dekorlaminat oder Holzfaserdämmplatten, das er an seinen Rändern ausgerechnet in der Art einer Holzmaserung übermalt. Das trügerische Spiel mit dem Sehen, der tatsächlichen Bedeutung des Gesehenen kann also beginnen." Für Nicola Kuhn vom Tagesspiegel war es mit dieser Feststellung aber leider schon zu Ende.

Was das Publikum in der Deutschen Guggenheim Berlin zu diesem "schwierigen" Künstler zu sagen hatte, lesen Sie hier.

Anja Seeliger