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"Du hast so überhebliche Augen"
Ein Interview mit dem Maler K. R. H. Sonderborg


Gerade widmete ihm die Kunsthalle in Emden eine umfassende Retrospektive: Der am 5. April 1923 auf der dänischen Insel Als geborene Maler und Zeichner K. R. H. Sonderborg, nimmt in der europäischen Kunst der Nachkriegszeit eine herausragende Position ein. Als einer der bedeutendsten Vertreter des deutschen Informel griff Sonderborg bereits in den fünfziger Jahren technische Strukturen auf und überführte sie in eine Malerei, die durch spontane Malgesten, vibrierende Linien und den Rhythmus des Jazz geprägt ist. Auch in der Sammlung Deutsche Bank ist K. R. H. Sonderborg mit zahlreichen Arbeiten vertreten. Anlässlich seines achtzigsten Geburtstags trafen Oliver Koerner von Gustorf und der Berliner Maler Norbert Bisky den Künstler in seinem Hamburger Atelier zum Interview: Im Gespräch blickt K. R. H. Sonderborg auf das faszinierende und unkonventionelle Leben zurück, das er zwischen Stuttgart, Hamburg, Berlin, Paris und New York führte, und erinnert sich an seine Jugend im Schatten des Nationalsozialismus und des zweiten Weltkrieges .



K. R. H. Sonderborg und Norbert Bisky

Koerner von Gustorf: Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Kunst erinnern?

Sonderborg: Die habe ich meinem Vater zu verdanken. Er war beruflich viel in Stockholm und in Holland. Er hat mir die Expressionisten gezeigt. Als Kind konnte ich die nicht ausstehen. Die französischen "Fauves" dagegen, ja, das ist eine ganz andere Farbe, das ist Farbe, oh! Ich habe neulich wieder zufällig im Fernsehen etwas über sie gesehen. Was die für Farbgeschichten hatten, sehr spezielle und sensible und unbekannte und überraschende Farbzusammenhänge. Davon haben die deutschen Expressionisten viel übernommen. Wenn ich die jetzt sehe - da gibt es auch hervorragende Sachen, das habe ich erst später gemerkt.

Koerner von Gustorf: In dem Fernsehfilm "Unterwegs" haben Sie sich ja auch ein bisschen über  Emil Nolde lustig gemacht. Da stehen Sie doch im Ort Nolde und sagen: "Sonderborg, das ist sechzig Kilometer von hier entfernt, und da ist es noch viel schöner!"

Sonderborg: Das habe ich ja bloß aus Spaß gesagt. Ich heiße ja Hoffmann, und der Nolde, der hieß Hansen. Das ist genau der Punkt, auf den ich im Film anspiele: Ich habe mir meinen Namen hier in Sonderborg geklaut, der hat sich seinen Namen dort geklaut. Doch, der Nolde, der ist schon sehr interessant, allerdings ein bisschen einseitig...




Ich wollte ja eigentlich gar nicht malen, ich wollte schreiben. Für mein erstes Bild hat mir mein Vater eine Leinwand aufgezogen und einen Malkasten in die Hand gedrückt. Dann bin ich losgefahren: mit der Bahn bis zur Endstation, und dann noch mal mit der Walldorfer Bahn, auch bis zur Endstation, und dann noch mal mit einem Autobus weiter. Als ich ausgestiegen bin, war ich mitten im Wald. Da habe ich halt ein grünes Bild gemalt. Das war vielleicht das einzige tachistisches Bild, das ich je gemalt habe.

Bisky: Haben Sie es noch?

Sonderborg: Nein, leider nicht, das ist alles verbrannt. Mein Vater hat auch gemalt.

Bisky: Was hat der gemalt? Hat Ihnen das gefallen?

Sonderborg: Ich bewunderte meinen Vater sehr. Aber ich habe seine Malerei nie auf mich bezogen. Da hat man so seine eigenen Vorstellungen, die Kinder heute auch, das ist ja richtig. Ich wollte ja gar nicht. Es dauerte noch Jahre, bevor ich Künstler wurde. Mein Vater hat mich von der Oberschule in Hamburg genommen. Er sagte immer: "Es wird eine schwere Zeit kommen". Die kam dann ja auch.

Koerner von Gustorf: Er hat schon geahnt, was kommt?

Sonderborg: Genau. Er hat mich von der Schule genommen und gesagt: "Du übst einen Beruf aus. Das ist viel wichtiger." Ich begann eine Lehre im Büro eines Kohlen-Syndikats aus der Niederlausitz, im Vertrieb, hier in Hamburg .Wir haben uns darum gekümmert, wo die Wagons hinmüssen. Die Mitarbeiter waren wirklich sehr nett. Irgendwann wollte ich in eine bessere Firma, das war einfach mein Ehrgeiz. Ich träumte von der Ferne. In Hamburg gibt es doch die ganzen Handelsverbindung nach Afrika. Ich wollte reisen, bewarb mich also bei dem nächsten Unternehmen und hatte schon die Zusage.


K.R.H. Sonderborg mit
einer Washington Post unter dem Arm,
Hamburg 1941


Aber dann wurde ich 1941 von der Gestapo verhaftet. Wegen anglophiler Einstellung und was weiß ich alles, Staatsterrorismus, Verhetzung. Am helllichten Tag von der Arbeit weggeholt. Das war ausgerechnet ein Sonnabend. Ich war eigentlich ein ganz braver junger Mann, aber ich mochte Jazz, habe mich auch englisch gekleidet und bin mit der Washington Post in der Tasche über den Jungfernstieg gezogen. Wir waren damals so ein Club ( Swing Kids). Die meisten von uns sind dann eingezogen worden - wurden irgendwohin geschickt, wo man sie abknallen konnte. Viele Freunde, auch die, die ich im Gefängnis getroffen habe, mussten an die Front.

Bisky: Dass Sie sich anders gekleidet haben, andere Musik gehört haben, einen anderen Geschmack hatten, muss in der Nazizeit schon aufrührerisch gewirkt haben. Solche Dinge sind eben gar nicht so harmlos wie sie erscheinen. Vielleicht ist das viel politischer, als Ihnen damals bewusst war.


Hamburger Hafen, (17.II.50), © Walter Bischoff Galerie, Stuttgart

Sonderborg: Denken Sie mal dran: Als der Jazz in die Sowjetunion einzog, ging es mit der Diktatur zu Ende. Die heutige Jugendkultur, das kommt ja alles vom Jazz, das ist das selbe Gleis. Die jungen Leute heutzutage sind jetzt die Avantgarde. Wenn sie noch ganz klein sind, machen sie schon ganz moderne Sachen. Meine Enkel sind acht Jahre alt. Die machen Kinderzeichnungen und kombinieren sie mit Comic-Strips - ganz toll. Sie finden auch "Happenings" und ähnliche Geschichten gut, das empfinden die als ganz selbstverständlich. Ich habe da gar nichts mehr zu sagen. Die machen genau das, was wir gemacht haben, oder machen wollten.

Koerner von Gustorf: Wie kam es zur Verhaftung?

Sonderborg: Wahrscheinlich hat mich jemand angezeigt. Weil ich im Lager in Fuhlsbüttel saß, konnte ich mich nicht bei meinem neuen Arbeitgeber melden. Immer wieder fragte der Prokurist meine Mutter, wo ich denn sei. Auf sein Drängen hin antwortete sie schließlich, ich sei in "Florida", so nannten wir das Lager hier in Hamburg. Da sagte er: "Mensch, mein Sohn ist auch da." Insofern hatte ich mit diesem Unternehmen wahnsinniges Glück, und ich wollte natürlich immer noch nach Afrika, nach Nigeria. Aber als ich 1942 entlassen wurde, war es aus mit Afrika. Ich habe erst mal in Hamburg weiter gearbeitet. In dieser Zeit dachte ich zum ersten Mal daran, etwas mit Kunst zu machen. Die Firma hat dann Kontakt aufgenommen mit dem Generalgouvernement in Polen. Darauf hin haben wir die ganze notleidende Ware rüber nach Osten verschoben.

Koerner von Gustorf: Was ist denn bitte "notleidende Ware"??

Sonderborg: "Notleidende Exportpartien" sind Waren, die aus Kriegsgründen nicht an den ursprünglichen Zielort verschickt werden können und umdisponiert werden müssen. Nach Afrika wurde nichts mehr verschifft, also ging es in den Osten. Ich war sehr in Sorge, dass die Gestapo mich wieder verhaften könnte. Also habe ich gefragt, ob ich nicht für die Firma in die Ukraine gehen kann. Die haben zugestimmt, und dann habe ich dort gearbeitet. Aber sogar in der Ukraine wussten alle, dass ich festgenommen worden war. Manchmal wurde es richtig gefährlich. Es gab dort zum Beispiel einen Deutschen, der ziemlich verrückt war und mich erschießen wollte. Er sagte immer: "Du hast so überhebliche Augen - die müssen ausgelöscht werden." Ich wusste nicht, was ich tun sollte, und bin zum Gebietskommissar gegangen. Auch er war ein Nazi, aber er hat mir geholfen, und der Verrückte wurde innerhalb von vierundzwanzig Stunden ausgewiesen.



Peacemaker, 1981, © Walter Bischoff Galerie, Stuttgart

Bisky: Wie sind Ihre Erinnerungen an diese Zeit?

Sonderborg: Es war eine schreckliche Zeit. In der Ukraine sind die Juden erschossen worden. Die Menschen in Deutschland wussten das damals nicht. Es ist wirklich wahr, ich habe keinen Grund, jemanden zu verteidigen, glauben Sie mir. Meine Mutter hat es auch nicht gewusst. In unserem Haus wohnten lauter jüdische Familien: Oppenheimer, Stern. Als ich 1942 aus dem Gefängnis kam, waren die alle weg.

Koerner von Gustorf: Aber irgendjemand muss sich doch gefragt haben, wo all diese Leute geblieben sind!

Sonderborg: Ja, natürlich! Es hieß, die werden umerzogen. Umerziehung! Ich habe die Wahrheit erst erfahren, als ich im Osten war. Ich habe selbst die Leichenberge gesehen. Ich habe mit denen gesprochen, die die Leute erschossen haben. Damals war ich 18 oder 20 Jahre alt und ein Staatsfeind. Obwohl ich ja ganz harmlos war, ich habe überhaupt nichts gemacht. Ich habe nur so gelebt, wie die jungen Leute heute auch leben wollen: in Freiheit.

Koerner von Gustorf: Wie war es für Sie, nach Deutschland zurückzukehren, mit dieser Altlast zu leben und gleichzeitig etwas Neues machen zu wollen?



Nautisch entschwindend (7.VIII.53), 1953
©Walter Bischoff Galerie, Stuttgart


Sonderborg: Als der Krieg zu Ende ging, war ich wieder in Hamburg ( Bild). Es war eine interessante Atmosphäre, als ob ein Wind weht... Ich hatte sogar eine bessere Lebensmittelkarte, weil ich ja ein Naziopfer war. Meine Zigaretten habe ich immer eingetauscht gegen Geld zum Essen. Es war alles sehr offen. Ich bin zuerst mal mit dem Fahrrad nach Italien gefahren. Ich wollte noch weit runter, nach Sizilien, nach Stromboli. Geologen hatten mir gesagt, es sähe dort aus, wie auf dem Mond. Es war kein einziger Tourist auf der Insel, ich war ganz allein mit den Einheimischen. Der Strand war schwarz und sah aus wie eine Kohlenhalde.

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