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K. R. H. Sonderborg und das Informel

von Bettina Ruhrberg

K.R.H. Sonderborg
Berlin 1987
Foto: Manfred Hamm


"Ich glaube, dass der Ort für die Malerei nicht unwichtig ist. Der große Strom, das Meer, der Hafen mit seinen technischen Strukturen, die Schiffe, die man hier sehr groß fast lautlos vorüberziehen und als Punkte zwischen den spiegelnden Flächen des Wassers und Himmels erscheinen und verschwinden sieht, sind meine täglichen Eindrücke, die wohl immer wieder in meinen Bildern auftauchen. Außerdem interessiert mich alles, was den Raum erobert. Vom Schiff über Luftschiff zu den Düsenflugzeugen und Raketen ist es nur ein kleiner Schritt – große Geschwindigkeiten und dann Stile."

Mit diesen Worten umschreibt der 1923 im dänischen Sonderborg geborene Kurt Rudolf Hoffmann, der sich offiziell seit 1951 nach seinem Geburtsort nennt, um nach dem Krieg nicht als deutscher Künstler identifiziert zu werden, treffend den Bezugsrahmen seiner Arbeit, die sich trotz mancher Berührungspunkte deutlich von den Werken anderer Vertreter der informellen Richtung unterscheidet. Es ist immer die Wahrnehmung der äußeren Wirklichkeit, die den Schaffensprozess in Gang setzt und als Spur im Bild sichtbar bleibt.

Zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn spiegeln sich die technoiden Konstruktionen des Hamburger Hafens oder Hauptbahnhofs in gitterartig überlagernden Lineamenten und kaligraphischen Signaturen auf der Leinwand wider. Später kommen andere Großstadtimpressionen, ausgelöst durch längere Aufenthalte in Paris, London oder New York, hinzu. Eisenbahnbrücken, Treppen oder Gitter inspirieren den Künstler – als Achtzehnjähriger wurde Sonderborg wegen anglophilen Lebenswandels im Milieu der Hamburger Subkultur von der Gestapo verhaftet und interniert – ebenso wie alles Maschinell-Rhythmische einschließlich akustischer Eindrücke bis heute.


Ohne Titel, 1977
©Walter Bischoff Galerie,
Stuttgart und Berlin


Neben Umweltgeräuschen spielt der Jazz – sein Vater war Jazzmusiker und Maler – eine zentrale Rolle. Auslösendes Moment für die Bildfindung sind auch zufällig entdeckte Zeitungsausschnitte, die politisch brisanten oder gewalttätigen Kontexten entnommen sein können: der elektrische Stuhl, Gewehre und in den achtziger Jahren Versatzstücke aus der deutschen Terroristenszene. Mit dieser Arbeitsmethode widerlegt Sonderborg nicht nur die These vom informellen Bild als Notat oder Projektionsschirm rein subjektiver Empfindungen, sondern auch von dessen vermeintlicher Realitätsferne beziehungsweise dessen fehlendem politischen Potential.

Ohne Titel, 1977
©Walter Bischoff Galerie,
Stuttgart und Berlin


Der endgültigen Formfindung gehen oft lange Phasen des Suchens voraus, in denen der Künstler seine jeweilige Umgebung atmosphärisch auf sich wirken lässt, um dann in einem spontanen und gleichzeitig hochkonzentrierten, schnellen Akt dynamische Bewegungsabläufe oder kontemplative Zeichen in vorwiegend schwarz-weißen Kompositionen mit teils energetischen roten Farbflächen festzuhalten. "Bei mir war es jedes Mal, wenn ich ein Bild malte, als wenn es um mein Leben geht", beschreibt Sonderborg selbst den Malprozess. An anderer Stelle heißt es: "Große Ruhe und hohe Geschwindigkeit sind die Pole, zwischen welche mein Leben gespannt ist: scharfe Aktion und passive Bereitschaft für das Noch-zu-Entdeckende, Bewegung und Ruhe verschmelzen im Verzuge der Malerei zu einem Instinkt."


7.VI.56 17.03.-17.41, 1956
©Walter Bischoff Galerie, Stuttgart und Berlin


Seit Anfang der fünfziger Jahre, als er durch erste Parisaufenthalte mit dem französischen Tachismus und der amerikanischen Action Painting in Berührung kommt, steigert Sonderborg die Dynamik seiner Kompositionen durch eine diagonale Ausrichtung. Der dargestellt Raum scheint nun wegzurutschen, wobei sich inhaltliche Assoziationen zur Fliegerei, zu Raketen und Explosionen – Otto Hahn sprach einmal vom Schwindelgefühl des Sonderborg – einstellen. Form wird im Zustand des Werdens mit rasantem Tempo aufgezeigt. Dieses Charakteristikum verbindet Sonderborg weit mehr mit den amerikanischen Vertretern der Action Painting als mit seinen europäischen Kollegen aus dem Umfeld des Informel. Die Gestikulation bleibt als Spur im Bild zurück. Der spontane Farbauftrag – der Künstler legt die Leinwand häufig auf den Boden und verwendet schnell trocknende Eitempera anstelle von Ölfarbe, um Laufspuren zu vermeiden – hinterlässt lasierende Rückstände breit gelagerter Pinselschwünge, Flecken und Spritzer. Mit Hilfe von Spachtel, Kautschukstreifen, Eisen- und Stahlstücken, Scheibenwischern und Rasierklingen wird die Farbe auf der Bildfläche verteilt. Wischspuren, Schlierzonen und Kratzer vitalisieren den Bildrhythmus und machen die in das Bild investierte Zeit als erlebte Zeit sichtbar.



Ohne Titel, 1975
©Walter Bischoff Galerie, Stuttgart und Berlin


Das strukturelle Gefüge in Sonderborgs Bildern ist das Ergebnis einer souveränen Vereinigung von Bewusstem und Unbewusstem, Psychischem und Physischem, äußerer und innerer Wahrnehmung. Die spannungsgeladene Bildfläche mit ihren konzentriert gesetzten zeichnerischen Aktionsräumen einerseits und großen leeren Flächen andererseits beschwört Assoziationen an "Unendlichkeit, Leere, Urkraft und den Fluss- des Lebens", zumal Sonderborg der Gedankenwelt des Zen nahe steht.

Bettina Ruhrberg ist Kunsthistorikern und lebt in Düsseldorf. Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung der Autorin aus dem Band "Kunst des Informel", Wienand Verlag, 1997 übernommen.