In dieser Ausgabe:
>> Ortszeit: Thomas Struth im Interview
>> Tim Stoners Bilder kollektiven Glücks

>> Zum Archiv

 

In gewisser Weise kommt mir das bei ihm ein bisschen kokett vor, es ist sicherlich nicht nett, was ich sage, aber manchmal habe ich einfach so ein Gefühl. Ich glaube, die Bechers haben mich wirklich berührt, als ich sie als Student kennen gelernt habe. In ihnen fand ich Menschen, die sich mit Faschismus und Geschichte auseinander setzten, so wie es war, und wie es heute ist. Wir können unsere Augen nicht verschließen, wir halten die Augen offen. So bauen wir etwas auf. Den Bechers ist das gelungen. Sie haben in einem übertragenen Sinn ein visuelles Archiv geschaffen. Manche haben ihr fotografisches Werk als Monument manueller Arbeit interpretiert, aber sie fotografieren eben nicht die Arbeiter oder deren schmutzige Hände, und eigentlich finde ich sowieso, dass dieser Ansatz viel zu kurz greift.

Versucht Richter in den verwischten "Fotomalereien" ( Beispiel) einer bestimmten Festlegung zu entgehen?

Ja, genau, er bewegt sich sozusagen immer auf der sicheren Seite. Dass die Fotos verschwimmen, sozusagen aus dem Kontext gefallen sind, ist erst einmal interessant, weil er den Gebrauch von Information grundsätzlich hinterfragt - aber Richter macht auf mich immer irgendwie den Eindruck, als ob er unter Selbstzweifeln und einer gewissen Unsicherheit leidet, was Information und auch die psychologischen Umstände betrifft.

Könnten Sie sich vorstellen, dass dieser Unterschied auf Richters Kriegserlebnisse zurückgeht, während Sie erst nach Kriegsende geboren wurden?

Ich weiß nicht, ich bin mir nicht sicher. Ich habe angefangen, einen Teil der Richter-Biografie von Dietmar Elger zu lesen, der am Sprengel Museum in Hannover war. In dem Buch geht es um Richters Kunst und sein Leben sowie um die Entwicklung in seinem Werk, aber eigentlich findet man in der Biografie auf Ihre Frage keine Antwort...

Dieses Thema wird einfach ausgelassen.

Sie gibt darüber keinerlei Aufschluss. Ich habe den Eindruck, Richter hat nach seiner Übersiedlung in den Westen bestimmte Dinge in einer Form übernommen, die einiges über die Kindheit aussagt, und diese Kindheitserlebnisse waren irgendwie verschwommen. Ich will damit nicht sagen, es gäbe da irgendetwas Unangenehmes zu entdecken - es geht mir mehr um mein Gefühl den Bechers gegenüber, denn sie beziehen sich direkt auf  August Sander und Bernd beschäftigt sich mit der Darstellung von Industrielandschaften in der Malerei vor oder während der Erfindung der Fotografie. Sie beziehen sich explizit auf die Idee der Bibliothek, und sie sind in allem sehr offen.

Sie machen etwas öffentlich zugänglich.


Thomas Struth, Paradise 13, Yakushima/ Japan, 1999
Courtesy Thomas Struth and Marian Goodman Gallery

Ja, ihr Ansatz ist für jedermann verfügbar; keine Spur von Eitelkeit. Nachdem ich sie kennen gelernt hatte, stand ihre Tür immer für mich offen, und sie hatten zu allem eine klare Haltung.

Ich würde gerne noch auf den Einsatz historischer Malerei in ihren Arbeiten kommen. Auf allen Museumsbildern ( Beispiel) sind historische Gemälde zu sehen. Haben Sie sich ursprünglich von dem Ort, dem Museum selbst, inspirieren lassen, oder waren es die Bilder?

Die Museumsbilder funktionierten nur im Zusammenhang mit figurativer Malerei. Meistens sind diese Gemälde der eigentliche Ausgangspunkt.

Sie haben gesagt, Geschwindigkeit passe nicht zu Ihnen. Die Idee der Langsamkeit kennt man auch als Konzept aus der Malerei, wie im Werk von Ad Reinhardt.



Fei Lai Feng, Hangzhou, 1999, Sammlung Deutsche Bank

Wenn man mit Fotografie arbeitet, strebt man fast zwangsläufig nach Langsamkeit, in der Absicht, etwas Greifbares zu schaffen, eine Arbeit zu präsentieren, die eine größere Bandbreite von Bedeutungen darzustellen vermag, die ausdrucksstark sein und kollektive Erfahrungen mit anderen Menschen vermitteln soll. Ich denke, die Idee liegt auf der Hand, sich mit der wachsenden Geschwindigkeit zu beschäftigen, der die Menschen seit der industriellen Revolution ausgesetzt sind. Ich kann für mich persönlich keinen Anreiz in einer noch größeren Geschwindigkeit entdecken, oder auch nur darin, so schnell wie möglich zu sein. Mich interessiert mehr, was geschieht, wenn ich alles verlangsame. Ist es nicht sinnvoller, mehr Raum zu schaffen, damit die Zeit langsamer vergeht? Die Video-Porträts im Met, Video Portraits One Hour , sind das ultimative Statement zu diesem Thema. Man schaut eine ganze Stunde lang in die Kamera, und es gibt keinerlei Handlung.



Thomas Struth, Video-Porträts, Installationsansicht
Metropolitan Museum New York, 2003

Die Videos wirken äußerst lebendig, besonders in der Projektion im Metropolitan Museum, in der großen Eingangshalle. Die Kamera bleibt statisch, trotzdem gibt es Bewegung. In den Videos kehrt sich die Strategie der Museumsbilder um. Anstatt die Kunst aus einem historischen Blickwinkel zu betrachten, sieht der Betrachter Ihre Arbeit, und die ist nicht nur zeitgenössisch, sondern stellt auch uneingeschränkte Gegenwart dar. Mit Hilfe der Videos befindet sich der Museumsbesucher in ständiger Bewegung und wechselt die Positionen in Realzeit. Welche Gegenwartskünstler sind für Sie am wichtigsten?

Ich mag Robert Gober sehr, obwohl Arbeiten dieser Art eigentlich nicht mein Fall sind, aber ich respektiere seine Kunst wirklich. Seine Ausstellung vor vielen Jahren in der Dia Art Foundation fand ich hervorragend. Ich bin gut befreundet mit Thomas Schütte, ich schätze seine Arbeit sehr. Sie hat zwar mit meiner nicht viel zu tun, aber ich habe großen Respekt für sie. Erst vor kurzem habe ich eine großartige Ausstellung mit Arbeiten von William Eggleston im Museum Ludwig in Köln gesehen. Ich könnte noch von der Bedeutung von Velazquez für mich sprechen, nachdem ich gerade vor ein paar Tagen die Ausstellung Manet to Velazquez im Met zusammen mit Maria Hambourg gesehen habe. Mir wurde klar, wie wenig ich eigentlich mit Manet anfangen kann. Er sagt mir gar nichts, fast Null. Bei Velazquez dagegen finde ich alles. Meine Reaktion geht in eine bestimmte Richtung, dann frage ich mich, warum ist das so? Genau darin liegt das große Vergnügen bei der Betrachtung von Kunst, dass es sich um einen konstanten Prozess handelt.

Das Interview führte Cheryl Kaplan.

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