In dieser Ausgabe:
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"Ohne Gewähr" – Einblicke in das Werk von Richard Artschwager

"Wenn man etwas erkennt, muss man es nicht unbedingt deutlich sehen", sagt Richard Artschwager. Seine Skulpturen, Zeichnungen und Bilder stellten stets eine Herausforderung für den Betrachter dar und provozieren, sich selbst ein Bild von den Dingen zu machen. Silke Sommer gibt Einblicke in die wichtigsten Werkgruppen des Künstlers und erklärt, warum hierbei auf nichts Verlass ist - und alles denkbar wird.

Mit spielerischer Leichtigkeit durchbricht Richard Artschwager mit seinem Werk seit über vierzig Jahren die Konventionen von Kunst und Sehen. Die mächtigsten Regeln der Kunst von "Stasis, Ruhe, Trennung" (1) werden durch sein bewegliches, in alle Räume und Bereiche des Lebens vordringendes Werk außer Kraft gesetzt. Seine vielgestaltige Kunst befolgt keine Regeln. Sie provoziert, um dem Betrachter Strukturen von Wahrnehmung und Wirklichkeit unmittelbar erfahrbar zu machen. Artschwagers Kunst formuliert die Fragen, auf Antworten gibt es keine Gewähr.

Richard Artschwager, 1923 in Washington D.C. geboren, absolvierte zunächst ein naturwissenschaftliches Studium, bevor er 1949 entschied, Künstler zu werden und nach New York zog. Seine Erfahrungen in der New Yorker Kunstszene und der Studio School des Exil-Franzosen Amedée Ozenfant führten zu der skeptischen Haltung:
"Die New York School (von außen) und die School of Paris (von innen) zu studieren, hinterließ einen tiefen Eindruck, angesichts der zunehmenden Überzeugung, dass diesen schätzenswerten Künsten nicht mehr viel hinzuzufügen sei." (2)
Diese Einschätzung lenkte Artschwagers Aufmerksamkeit auf die nahe liegenden Gegenständen des täglichen Lebens als Ausgangspunkt seiner Kunst. Die Möbeltischlerei, mit der er seit Anfang der fünfziger Jahre seinen Lebensunterhalt verdiente, wurde ihm selbstverständlich zum Atelier, die Materialien, Werkzeuge und Produkte zum Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung.



Richard Artschwager, Untitled (Table), 1962
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003


Möbel/Objekte – Funktion und Identität der Dinge

Durch den rationalisierten, sich ständig wiederholenden Umgang mit Möbeln in der Tischlerei verloren diese für Artschwager allmählich ihren eindeutigen Charakter des Zweckmäßigen. Fragen nach dem Zusammenhang von Funktion und Identität der Dinge drängten sich in den Vordergrund.

Ist ein Gegenstand wie Untitled (Table), eine der frühesten Arbeiten Artschwagers, handwerklich sorgfältig aus Holz gezimmert, noch ein Tisch, wenngleich seine Deformation und Position im Raum es unmöglich machen, an ihm Platz zu nehmen? Oder ist die scheinbar zwischen Wand und Decke aufgeplatzte Form nicht eher die Parodie eines Tisches? Und wenn dem so ist, zu was ist sie dann nütze? Es ist ein Gedankenspiel über die konstituierenden Eigenschaften und konventionellen Erwartungen an einen Tisch. Die Entscheidung bleibt dem Betrachter überlassen und ebenso in der Schwebe gehalten wie das Objekt selbst.


Richard Artschwager, Portrait I, 1962
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Die Kommode Portrait I gleicht in ihrer Form, Größe und Bauweise den zu Hunderten in der Tischlerei produzierten Möbeln. Allein ihre Bemalung wirkt irritierend. Die Malerei imitiert die Beschaffenheit der Holzoberfläche, auf die sie gemalt ist. Der Gegenstand wird zugleich zum Bildträger und zum Bildmotiv. Die Malerei verrückt das Möbel aus der Welt des Nützlichen in die per definitionem nutzlose Welt der Kunst. Die verfremdende Wiedergabe der Holzmaserung in grober Vergrößerung und schwarzweißer Farbigkeit verschiebt das Objekt in eine andere Realitätsebene. Obgleich es physisch im Hier und Jetzt präsent ist, wirkt es eher wie eine verblasste Erinnerung denn als der Gegenstand selbst. Wenn das physisch reale Objekt der Kommode in den illusionären Raum der Malerei gerückt wird, die Wirklichkeit zum Abbild ihrer selbst wird, wird dann das Bild auf der Kommode im Umkehrschluss zu etwas objekthaft Realem? Beansprucht der im Bild malerisch wiedergegebene Mann eine Präsenz im realen Raum?

Formica – Verschränkung von Gegenstand und Abbild

Mit dem industriellen Material Formica stieß Artschwager auf das perfekte Instrument, um diese Strategien der Verfremdung und Irritation weiter voran zu treiben. Die besondere Qualität des Formica, "das großartige, hässliche Material, der Schrecken des Zeitalters" (3), liegt in seinen unbegrenzten Möglichkeiten, mittels fototechnischer Reproduktion jedes beliebige Material zu imitieren. Das Laminat transportiert ein künstliches Abbild der Original-Oberfläche.


Richard Artschwager, Portrait II, 1963
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Richard Artschwager, Chair, 1963
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

In Arbeiten wie Portrait II oder Chair wird mittels dieser Imitation eine vollkommene Verschränkung von Gegenstand und Abbild erreicht.
"Wenn man das nimmt [Formica] und etwas daraus macht, dann hat man ein Objekt. Doch zugleich ist es ein Bild von etwas, es ist ein Objekt." (4)
Die unterschiedliche Beschaffenheit der nachzuahmenden Materialien wird auf ihre visuellen Eigenschaften reduziert und durch verschiedene Arten von Formica ersetzt. Die Seiten des Objekts werden mit ihren jeweiligen bildhaften Ansichten verkleidet. Selbst der immaterielle Hohlraum unter dem Stuhl wird in der flächigen Darstellung durch schwarzes Formica abgebildet, um eine geschlossene Bildfläche herzustellen. Zusammengefügt aus seinen zweidimensionalen Ansichten, entsteht das dreidimensionale Bild eines Körpers im Raum.
"Es ist nicht skulptural. Es ist eher wie ein Bild, das in die dritte Dimension gehoben wird. Es ist ein Abbild von Holz." (5)
Vergleichbar der früheren Bemalung entrückt Formica das Objekt einen Schritt aus der Gegenwart. Das Holzlaminat wirkt "als ob Holz durch es hindurchgegangen wäre, als ob das Ding nur halb existierte". (6) Das Objekt steht an der Grenze zwischen der illusionistischen Bildwelt und der realen Präsenz im Raum und scheint ständig im Begriff, die Seiten zu wechseln. Nie ist seine Position eindeutig definierbar.


Richard Artschwager, Mirror, 1988
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Spiegel/Bilder – Konventionen der Kunst und Gewohnheiten des Sehens

Warum sehen wir in dem Gegenstand auf der Kommode von Portrait II ein Bild? Warum blicken wir neugierig auf einen Gegenstand wie Mirror und erwarten unser Spiegelbild zu erblicken? Erfahrungsgemäß erkennen wir auf den ersten Blick die konventionellen Formalia eines Bildes wieder: Eine rechteckige, plan an der Wand angebrachte Bildfläche, die durch einen Rahmen eingefasst ist. Tatsächlich ist jedoch weder in der gerahmten Bildfläche auf der Kommode etwas abgebildet, noch wird etwas auf der Oberfläche des Spiegels reflektiert. Unsere auf Sehgewohnheiten basierenden Erwartungen werden enttäuscht. Es handelt sich um gerahmte Leerstellen als Manifestation der Idee vom Bild. Der Topos vom 'Bild als Spiegel' wird in Gestalt eines dreidimensionalen Objektes greifbar und gleichzeitig als eine ihres Inhalts beraubte Idee in eine monochrome Leere geführt. Aus Tradition erwächst Irritation.


Richard Artschwager, Untitled, 1963
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Richard Artschwager, Untitled (Girls), 1964
©VG Bild-Kunst, Bonn 2003

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