In dieser Ausgabe:
>> Alchemisten und Giganten
>> Interview mit Ivo Mesquita
>> Magische Sinnbilder und phantastische Schauplätze

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Interview mit Ivo Mesquita

Mit der Ausstellung El Regreso de los Gigantes/ Die Rückkehr der Giganten präsentiert die Sammlung Deutsche Bank derzeit eine umfassende Sicht auf die deutsche Malerei von 1975-1985 in Lateinamerika. Nach der ersten Station in Monterrey, die vom Publikum begeistert aufgenommen wurde, wird die Schau nun in Mexiko City und anschließend in Sao Paulo (ab 18.06.2003) gezeigt. Der brasilianische Kurator und Kunstkritiker Ivo Mesquita war von 1980 bis 1988 Leiter der Biennale von Sao Paulo. Seitdem hat er zahlreiche Ausstellungen, die sich mit dem Thema der kulturellen Identität in der Kunst Lateinamerikas beschäftigen, kuratiert und international präsentiert. Für die Sammlung Deutsche Bank hat Mesquita den Katalog zur Rückkehr der Giganten in Lateinamerika betreut und auch selbst einen Text verfasst. Im Interview erklärt Ivo Mesquita das Verhältnis lateinamerikanischer Künstler zur deutschen Malerei der achtziger Jahre.


Herr Mesquita, Sie waren bei der Eröffnung der Ausstellung Die Rückkehr der Giganten im Museo de Arte Contemporaneo in Monterrey dabei. Das MARCO nimmt als einzige Institution für zeitgenössische Kunst in dieser Viermillionenstadt eine herausragende Stellung ein. Wie war ihr persönlicher Eindruck der Reaktionen auf die Ausstellung bei Presse und Publikum?

Ivo Mesquita: Die ersten Reaktionen auf die Ausstellung waren ausgesprochen positiv. Die Schau hat sowohl für das Museum als auch für die Stadt Zeichen gesetzt. Das Publikum in Monterrey hat ein Faible für Malerei und die herausragende Qualität der Präsentation war praktisch ein Garant für ihren Erfolg. Das MARCO wurde ja als Museum von einer Gruppe von Sammlern gegründet, die die Malerei in den achtziger Jahren sehr gefördert haben. Deshalb ergab sich natürlich ein ganz besonderer Bezug zwischen dem Ausstellungsort und den "Giganten".

1996 wurde der mit 250.000 Dollar dotierte PREMIO MARCO an den deutschen Maler Jörg Immendorf verliehen. Gibt es eine besondere Beziehung auf mexikanischer Seite zur Generation der Maler, die in Die Rückkehr der Giganten präsentiert sind?

Was diese Generation der Maler in beiden Ländern verbindet ist der internationale Malstil, der sich in den achtziger Jahren auch in Lateinamerika vehement durchsetzte, und eine grundlegende Beschäftigung mit den großen Traditionen der westlichen Malerei mit sich brachte. Ausgehend von dieser Entwicklung wandte sich die hiesige Szene jedoch auch den Traditionen und kulturellen Werten dieses Kontinents zu und widmete sich, der Untersuchung der eigenen Geschichte und Kultur. In Lateinamerika bedeutete die künstlerische Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit auch eine Auseinandersetzung mit dem allumfassenden Modell der Moderne, was in vielen Fällen auch eine Rückkehr zu den "Giganten" Europas mit sich zog.

Der Beitrag, den diese Bewegung für die Dekonstruktion der Moderne geleistet hat, ist immens. Das einzige Land, das den Europäern wirklich eigene Giganten entgegensetzen kann, ist dabei Mexiko mit seiner großen Tradition auf dem Gebiet der Wandmalerei, die für eine Avantgarde steht, die sich dort in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bildete. Dieser Malerei liegt die Vorstellung vom "Mexikanischen" zugrunde, welche die gesamte Kunst des Landes seit dieser Zeit durchdringt. Die Malergeneration der achtziger Jahre in Mexiko hat an diesen ästhetischen und kulturellen Vorbildern ziemlich radikal gerüttelt. Darin unterscheidet sie sich stark von den damaligen Künstlergenerationen in anderen lateinamerikanischen Ländern. Der sogenannte „Neomexikanismus“ leistete bedeutende Kritik gegenüber den lokalen Bildtraditionen und ebnete damit einer neuen und originellen Künstlergeneration in den neunziger Jahren den Weg.

Die Heftige Malerei verstand sich als radikale Abkehr von einer als übermäßig intellektualisiert empfundenen Konzept- und Minimalkunst. Gibt es Parallelen zwischen den künstlerischen Strömungen der siebziger und achtziger Jahre in Deutschland und denen in Lateinamerika?

Ja, die Rückkehr zur Malerei in Lateinamerika wandte sich zur damaligen Zeit genauso gegen die Normen der Konzept-Kunst und der damit verbundenen Entmaterialisierung der Kunst. Zugleich handelte es sich um den Befreiungsschlag einer neuen Generation von Künstlern, gerade zu einem Zeitpunkt als die Militärregierungen und Regimes in Südamerika sich ihrem Ende neigten. Hier liegt ein ganz wesentlicher Unterschied zu Deutschland. Im Gegensatz zu Europa und Nordamerika erfuhr die Konzept-Kunst in Lateinamerika eine starke Politisierung und wurde zu einem wichtigen Instrument der Kritik gegen die herrschenden autoritären Systeme. Das stellte die neue Maler-Generation auch gar nicht in Frage. Allerdings wandte sie sich gegen die "Verkopfung" der künstlerischen Arbeit und forderte eine Rückkehr zur Sinnlichkeit, zum Körper und zum Imaginären. Man darf dabei nicht vergessen, dass sich damals der weltweite Kunstbetrieb auf die Malerei zurückbesann, und sich daraus ein internationaler Stil entwickelte, der ausgiebig von den Medien, dem Markt und den Institutionen gefördert wurde. Und all' das spielte sich ab, während neue Kommunikationsmedien die Distanzen und die Zeitebenen auf der Welt tatsächlich aufzuheben schienen.

Wie relevant ist die Rezeption zeitgenössischer deutscher Kunst für die Künstler in Lateinamerika? Gibt es eine Form der Auseinandersetzung?

Ich bin der Meinung, dass lateinamerikanische Künstler, ebenso wie deutsche oder Künstler anderer Länder, die sich der westlichen Kunsttradition verpflichtet fühlen, eine gegenseitige Neugier für ihre Arbeiten entwicklen sollten: Maler sollten sich für andere Maler, Videokünstler für andere Videokünstler und so weiter interessieren. Zugleich scheint es mir, dass Künstler heute oft auf die Arbeit von anderen zurückgreifen, ohne deren Traditionen und kulturellen Werte zu berücksichtigen. Es ist problematisch, heute mit Begriffen wie “Nationalität” zu argumentieren, Lateinamerika, Deutschland usw., denn das hat nichts mit kultureller Identität zu tun.

Bei der Eröffnung der Ausstellung in Monterrey verwiesen Sie auf die Aktualität der gezeigten Kunst für den derzeitigen Diskurs über die Stellung der Malerei angesichts der Entwicklungen im Bereich der Medienkunst. Sehen Sie die Möglichkeit, dass sich die Malerei und die Medienkunst zu neuen Ausdrucksformen verbinden?

Nein, niemals. Ich meinte damit bestimmte zeitgenössische Arbeiten, die andere Medien (Fotografie, Video, Film) nutzen, um sie in der Malerei zu reflektieren. Hierbei geht es nicht um die Verbindung von Malerei und Medienkunst, sondern um die Erörterung der Malerei und ihrer Repräsentationsformen.

Mit der documenta 11 erhob Okwui Enwezor den engen Austausch von Städten und Kulturen in der globalisierten Welt zum Thema. Sein besonderes Interesse richtete sich dabei auf die Folgen für die Kunst. Auch hierbei spielen die Medien eine wichtige Rolle, was sich besonders in den zahlreichen Video- und Filmarbeiten der Künstler aus dem sog. "Süden" oder der Dritten Welt zeigte. Malerei war nur peripher vertreten. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang eine Ausstellung, wie Die Rückkehr der Giganten?

Ich sehe keinen Bezug zwischen diesen beiden Ausstellungen. Die documenta 11 gehört einem bestimmten Zirkel von Ausstellungen an, die sich dem zeitgenössischen Diskurs über die Kunstproduktion widmen, und sie war brillant: Okwui Enwezor und sein Team von Kuratoren haben große Arbeit geleistet, indem sie ein gut beobachtetes Panorama zeitgenössischer künstlerischer und kultureller Praktiken präsentiert haben. Die Rückkehr der Giganten ist eine Museumsausstellung mit ganz präzisen kuratorischen Vorgaben. Hier geht es um deutsche Malerei von 1975 bis 1985 und die Sammlung einer Bank. Ich glaube, dass sie zum besseren Verständnis und zu einer kritischen Bewertung jener Epoche sowie zur tieferen Auseinandersetzung mit den Arbeiten der gezeigten Künstler beitragen kann. Die Feststellung, dass die dokumenta 11 Malerei nur am Rande präsentierte, halte ich für etwas einseitig. Tatsächlich war in der Ausstellung sehr gute Malerei vertreten, daneben gab es viele Arbeiten, die sich auf Malerei bezogen oder sich mit ihr auf eher konzeptuelle und kritische Weise auseinander setzten.

Das Interview führte Maria Morais