In dieser Ausgabe:
>> Anton Stankowski und das Logo der Deutschen Bank

>> zum Archiv

 

Finden, Vereinfachen, Vermenschlichen:
Anton Stankowski und das Logo der Deutschen Bank


Das Logo der Deutschen Bank ist auf der ganzen Welt gegenwärtig - am Arbeitsplatz, auf Gebäuden, im Internet, in der Werbung, auf Briefpapier Längst hat sich die Verbindung aus Schrägstrich und Quadrat als eines der Symbole des westlichen Kapitalismus etabliert. Zugleich steckt aber auch ein Hauch von Revolution in diesem Entwurf: Anton Stankowski, der Erfinder des Logos, war auch von den Ideen des Konstruktivismus und der russischen Avantgarde geprägt.



Logoentwurf


      

Quadrat und Schräge, 1984
Siebdruck
© Stankowski Stiftung, Stuttgart

Als Anton Stankowski 1929 nach seiner Ausbildung an der Essener Folkwangschule in die Schweiz kam, hatte der junge Werbegrafiker bereits einiges im Gepäck: "Die Akzidenz-Grotesk, die ich heiliggesprochen habe, eine Grafik und Fotografie mit klarer Konzeption, Entwürfe für die Malerei, die von Malewitsch, Lissitzky, Mondrian und Burchartz beeinflusst waren, die Idee der Vereinfachung und Versachlichung und Wissen von den Kunsttendenzen allgemein, dazu Ignoranz gegenüber traditionellen Gestaltungsauffassungen und Besessenheit für das Suchen, Finden und Machen – all das brachte ich mit nach Zürich." Betrachtet man das Logo der Deutschen Bank, das Stankowski fünfundvierzig Jahre später entwerfen sollte, ist deutlich erkennbar, wie treu er den Grundsätzen geblieben ist, die er zwischen 1929 – 37 in seiner "Gestaltungsfibel" festhielt. Noch immer wirkt der Schrägstrich im Quadrat zeitlos und ohne modische Schnörkel - ganz im Sinne des Erfinders, der zu seinem Entwurf anmerkte:" Losgelöst von einer unmittelbaren Sinnbildlichkeit, bleibt es dem Betrachter überlassen, eigene Betrachtungen zur Marke herzustellen oder assoziativ abzuleiten. So kann das umrahmende Quadrat als Zeichen für Sicherheit gesehen werden und die aufsteigende Linie für eine dynamische Entwicklung stehen."



Schmiedhof Zürich, Fotografie 1932
© Stankowski Stiftung, Stuttgart
Sammlung Deutsche Bank


Stankowskis Richtlinien der gestalterischen Vereinfachung, Versachlichung und der Vermenschlichung von Ideen, Funktionen und Prozessen finden ihren Ursprung in der konstruktivistischen Kunst, in der das Quadrat aufgrund seiner Prägnanz, Neutralität und seines Gleichmaßes eine besondere Stellung einnahm. Kasimir Malewitsch diente es "als Formel für die Summe aller reinen Empfindung und zugleich als Zeichen für den bildlichen Ausdruck eines übergeordneten, allumfassenden, geistigen Prinzips." In Stankowskis Oeuvre ist das Quadrat gleichfalls ein vorherrschendes Element, wie man auch an Arbeiten wie seiner Siebdruck - Serie Der Werkbund von 1993 unschwer erkennen kann. So traf er im Zürich der Zwanziger auf eine rege Avantgarde, die von den Ideen neuer Gestaltung und Konkreter Kunst geprägt war. Im umtriebigen und äußerst kommunikativen "Zürcher Kreis", zu dem auch Künstler wie Max Bill (mehr zu seiner Skulptur Kontinuität hier) und Richard Paul Lohse gehörten, wurden die Ideen des Bauhauses und der holländischen Gruppe "de Stijl" um Mondrian und van Doesburg diskutiert.



Perspektive, Fotografie 1934
© Stankowski Stiftung, Stuttgart
Sammlung Deutsche Bank


Das Schaffen von Sergej Eisenstein, Man Ray oder John Heartfield regte Stankowski dazu an, den experimentellen Umgang mit Fotografie sowohl als Künstler wie auch als Gebrauchsgrafiker zu nutzen. Eine große Bedeutung für Stankowskis Schaffen hatten auch die Begegnungen mit dem in Deutschland tätigen El Lissitzky, der schon an der Folkwangschule Vorträge gehalten und 1929 in Zürich den Sowjet Pavillon für die Ausstellung "Russische Kunst" gestaltet hatte.

Mappe "Der Werkbund", 1993, 4 Siebdrucke daraus
© Stankowski Stiftung, Stuttgart
Sammlung Deutsche Bank

Doch auch wenn Stankowski gleich den russischen Konstruktivisten von der reinen Form, von Quadrat, Kreis, Linie, Fläche und Farbe ausging, wird bereits in seiner Zürcher "Gestaltungsfibel" deutlich, dass zwischen seinem Werk und den metaphysischen Ansätzen Kasimir Malewitschs Welten liegen. Während Malewitsch die Hinwendung zur reinen Kunst forderte, und sein Suprematismus für einen absoluten und visionären Kunstanspruch stand, versuchte Stankowski eine Theorie der Praxis zu entwickeln, bei der der Gebrauchswert entscheidend war: "Höchstmögliche Zweckmäßigkeit! Stoff- und Kräfteersparnis durch straffe Organisierung!(...) Entwicklung der Dinge aus dem Zweck und den stofflichen Gegebenheiten der Dinge heraus. Die durch den Zweck gebotenen Materialien weisen in reicher Fülle die Sinne berührende Kontrastkräfte auf... Erforderlich: Ihre Bändigung zu harmonischer Einheit." Am Beginn des Gestaltungsprozesses stand für Stankowski nicht das Erfinden, sondern die kritische Auseinandersetzung mit den vorgefundenen Gegebenheiten.



Zeitprotokoll mit Auto, Fotografie, 1929
© Stankowski Stiftung, Stuttgart
Sammlung Deutsche Bank


Nach Entzug der Arbeitserlaubnis hatte Stankowski die Schweiz 1938 verlassen müssen, und konnte in Stuttgart als freier Grafiker Fuß fassen. 1940 wurde er Soldat und kehrte 1948 aus der Kriegsgefangenschaft nach Stuttgart zurück, wo er 1951 auf dem Killesberg sein eigenes Atelier einrichtete. Mit Baumeister, Bense, Cantz, Eiermann, Mia Seeger und anderen entstand hier ein neuer kultureller Kreis. Der Vielzahl von visuellen Erscheinungsbildern, die Stankowskis Atelier seit Mitte der fünfziger Jahre für Firmen im In und Ausland entwickelte, liegen Systeme und Ordnungsprinzipien zugrunde, die sich aufgrund ihres geometrischen Vokabulars und ihrer klaren Farbgebung einprägen.



Überdruck, Siebdruck1989
© Stankowski Stiftung, Stuttgart
Sammlung Deutsche Bank


Die ganzheitliche Herangehensweise in Formgestaltung und Gebrauchsgrafik, die sich nicht auf einzelne Produkte oder Leistungen beschränkt, sondern auf "Produktfamilien" und die Wechselbeziehungen zwischen Mensch, Gesellschaft und Unternehmenswelt konzentriert, war noch in den sechziger Jahren ein Novum. So entwickelte sich Stankowski nach dem zweiten Weltkrieg zu einem Wegbereiter des grafischen Designs und der Schaffung von Corporate Identity. Hierbei kam dem am Konstruktivismus geschulten Künstler eben jene Beschäftigung mit serieller und programmatischer Gestaltung zugute, mit der er bereits in den Zwanzigern begonnen hatte. Das prominente "Deutsche Bank-Blau", das mit der Wirkung von Querstrich und Quadrat korrespondiert, ist nur ein Beispiel für die Problemstellungen, mit denen sich Stankowski beschäftigte: Perspektive und Dynamik, Abbild und Abstraktion, Gesetzmäßigkeit und Spontaneität.



Olympia, 1987, Siebdruck, 1977
© Stankowski Stiftung, Stuttgart
Sammlung Deutsche Bank

Wie kaum ein anderer Designer der Bundesrepublik prägte Stankowski in den sechziger und siebziger Jahren die Vorstellungen von gelungenem Design.1969-1972 war er Vorsitzender des Ausschusses für Visuelle Gestaltung der Münchner Olympiade. Gemeinsam mit Karl Duschek, der 1972 in sein Atelier eintrat, entwarf er das Logo für die Stadt Berlin, die Münchener Rück Versicherungen und Firmen wie IBM oder REWE. Hinzu kam auch das Engagement im Bereich der Umweltgestaltung, die Entwicklung von Orientierungs- und Farbleitsystemen in öffentlichen Gebäuden. Die Hoffnung, die Welt menschlich zu gestalten, verband sich für Stankowski mit funktionalen Kriterien eines ästhetischen Designs, das Ordnungen vermittelt. Hierbei gab es für ihn keine Trennung zwischen freier und angewandter Kunst. Davon zeugen nicht nur die konstante Auseinandersetzung mit der Malerei, der er sich in den siebziger Jahren wieder verstärkt zuwandte, sondern auch sein fotographisches Werk.



Der Fotograf, Fotografie, 1932
© Stankowski Stiftung, Stuttgart
Sammlung Deutsche Bank


Im von der Stankowski Stiftung verwalteten Nachlass des 1998 verstorbenen Künstlers finden sich über 50.000 Negative die von unstillbarer visueller Neugierde zeugen. Über Jahre hatte sich Stankowski ein eigenes Reservoir an Kontaktabzügen auf Karteikarten angelegt, das ihm für seine angewandte Gestaltung jederzeit zur Verfügung stand. Auch dieses Vermächtnis zeugt von seinen lebenslangen Experimenten mit unterschiedlichen Formen der Ordnung: In ihrer Gesamtheit bilden diese Motive, von der einfachen Erbsendose, neuesten technischen Erfindungen, Menschen, Autos bis hin zu Topf und Fahrrad eine Art Inventar der Gegenstände dieser Welt.


Oliver Koerner von Gustorf