In dieser Ausgabe:
>> Jedes Kunstwerk erzählt eine eigene Geschichte

>> zum Archiv

 

Jedes Kunstwerk erzählt eine eigene Geschichte

Präzisionsarbeit im Deutsche Guggenheim Berlin: Im Vorfeld der Ausstellung von Kasimir Malewitsch – Suprematismus untersuchen die Restauratorinnen der Sammlung Deutsche Bank die Leihgaben auf ihren Zustand und halten jedes Detail ihrer Geschichte fest.
Oliver Koerner von Gustorf über einen Beruf, in dem es keine Routine gibt.


Wenige Tage vor der Eröffnung von Kasimir Malewitsch – Suprematismus laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Während weite Teile der Ausstellung bereits gehängt und installiert sind, gleichen andere Bereiche der Kunsthalle unter den Linden einer provisorischen Werkstatt. Vor dem weißen Licht eines Scheinwerfers begutachten Elisabeth Bushart und Nikoline Kästner ein Meisterwerk - den Zustand von Kasimir Malewitschs 1915 entstandenem Gemälde Vier Quadrate, das gestern aus Russland eingetroffen ist. Als freie Restauratorinnen, die mit der Betreuung der Gemälde und Arbeiten auf Papier in der Sammlung Deutsche Bank betraut sind, fällt auch die Überprüfung der im Deutsche Guggenheim Berlin ausgestellten Werke in ihren Arbeitsbereich. Auf dem Tisch neben der Staffelei finden sich Mappen mit Zustandsprotokollen, Baumwollhandschuhe, Spezialbrillen. In den Fächern einer geöffneten Werkzeugtasche aus Filz reihen sich Instrumente, die an einen chirurgischen Eingriff denken lassen: Tupfer, Pinzetten und Skalpelle. Selbst zu Mittag herrscht im Raum Betriebsamkeit. Ein Mitarbeiter der Tate Gallery wird nach dem Essen die Hängung gerade an der Stelle überwachen, wo jetzt der Arbeitstisch steht.



 
Ein Kurier, der mit dem Werk aus einer japanischen Privatsammlung eintraf, macht Aufnahmen mit seiner Digitalkamera. Deutlich ist zu spüren, dass es sich bei dieser Ausstellung um einen besonderen Anlass handelt, der alle Beteiligten nicht nur aufgrund der außergewöhnlichen Logistik in gespannte Stimmung versetzt.

So sind in der Schau neben zuvor im Westen nie gezeigten Arbeiten erstmals sieben suprematistische Hauptwerke aus der Sammlung Nikolaj Chardschijews zu sehen, ein Moskauer Historiker, der Malewitsch noch persönlich kennen gelernt hat. Die Aufmerksamkeit, mit der sich die beiden Restauratorinnen der Sammlung Deutsche Bank ihrer Aufgabe widmen, scheint sich durch nichts erschüttern zu lassen. "Man muss sich in diese Arbeit hinein fühlen", sagt Elisabeth Bushart über ihren Beruf, "gerade durchs Sehen, Erkennen und Beobachten kriegt man natürlich eine ganze Menge Erfahrungen im Hinblick auf die Materialität der Bilder und Objekte, mit denen man arbeitet. Die Begabung, die man mitbringen muss, ist jedoch die Ruhe, sich mit etwas zu beschäftigen, und man muss in der Lage sein, diese Beschäftigung auch manuell umzusetzen." Jahrelang arbeitete die Gemälderestauratorin für verschiedene europäische Museen sowie die Berliner Gemäldegalerie bevor sie sich selbstständig machte.



 
  

 
Umgeben von Klimakisten, in denen die Gemälde und Zeichnungen ihren Weg von Museen und Sammlungen in London, Paris, Amsterdam und Moskau angetreten haben, untersuchen die beiden Restauratorinnen gemeinsam die Oberfläche des Bildes systematisch nach eventuellen Schäden - nach mikroskopisch kleinen Farbablösungen, Abscheuerungen und feinen Rissen. Ob diese schon zuvor auf dem jeweiligen Kunstwerk vorhanden waren, lässt sich anhand von farbigen Skizzen der jeweiligen Werke feststellen, auf denen der Zustand kartographisch eingezeichnet ist. Hinzu kommen schriftliche Protokolle, was für die Restauratorinnen im Falle der Malewitsch-Ausstellung allerdings eine weitere Herausforderung bedeutet. Angesichts der russischen Expertisen muss eine Übersetzerin bemüht werden, die den Text ins Englische übersetzt, wobei die Fachbegriffe nur schwer zu klären sind.



 
Der Arbeit haftet etwas Detektivisches an, denn mit der Bestandsaufnahme geht auch die Rekonstruktion der Geschichte der Kunstwerke einher, das Aufspüren von Materialschäden und falscher Handhabung. "Es gibt kein Patentrezept. Du fängst immer wieder an. Das ist das Aufregende. Es kann unheimlich nerven, aber es ist eigentlich nie Routine", merkt Nikoline Kästner an. Seit Mitte der achtziger Jahre ist sie mit der Erhaltung und Überprüfung von Tausenden von Kunstwerken aus der Sammlung Deutsche Bank betraut. Für die speziellen Anforderungen der Kunst, die tagtäglich am Arbeitsplatz ausgestellt wird, entwickelte sie in Zusammenarbeit mit Elisabeth Bushart ein System von turnusmäßigen jährlichen Rundgängen durch die Sammlung und spezielle Formulare, auf denen die Schäden und der Zustand jeder einzelnen Arbeit detailliert festgehalten werden.

Ihre jahrelangen Erfahrungen als Papierrestauratorin kommen ihr auch bei der Überprüfung von Zeichnungen wie Malewitschs Entwurf einer kosmischen Anlage von 1917 zugute.

Wer annimmt, das Papier des frühen 20. Jahrhunderts sei robuster als das des Mittelalters, täuscht sich. Während die Werke alter Meister bis heute oft nur geringfügig verblichen sind, stellt sich häufig sogar bei Arbeiten, die erst einige Jahrzehnte alt sind, das Problem des sogenannten "Papierzerfalls", wobei das Papier stark verbräunt und zwischen den Fingern zerbröselt, da sich inzwischen Säuren gebildet haben. Diesem Schaden versucht man durch verschiedene aufwendige und teure Entsäuerungsverfahren zu begegnen. Deswegen gehört neben der Zustandsprüfung der Kunstwerke von Malewitsch auch die Kontrolle der Vorgaben für die Beleuchtung und das Raumklima zum Aufgabengebiet der Restauratorinnen.

Bei vielen Museen und Leihgebern sind diese Richtlinien ganz genau in den Leihverträgen festgelegt. Denn wenn ein Gemälde oder eine Zeichnung erst einmal Schaden genommen haben, ist es bereits zu spät.



Elisabeth Busshart (links) und Nikoline Kästner

”Der Schaden bleibt, wenn auch weniger sichtbar als zuvor”, erläutert Elisabeth Bushart. Tatsächlich geht es bei der Gemälderestaurierung nicht um die Verschönerung oder Übermalung eines Kunstwerkes, sondern um die Sicherung seines Bestandes. Die Rekonstruktion einer gerissenen Leinwand erfordert chirurgisches Fingerspitzengefühl: Unter einem Vergrößerungsglas werden die Webfäden auf der Rückseite mit der Pinzette in ihre ursprüngliche Position gebracht und verklebt. Auf der Vorderseite des Gemäldes werden dann auf ähnliche Weise mikroskopisch kleine Farbpartikel zusammengesucht und wie ein Puzzle in dem zuvor mit Kreidekitt grundierten Riss zusammengesetzt. Die eigentliche Retusche wird hierbei auf ein Mindestmaß begrenzt. "Jedes Papier hat eine andere Geschichte, einen anderen Alterungsprozess. Wir können nur den 'Ist – Zustand' festhalten, nichts verbessern oder rückgängig machen", merkt Nikoline Kästner auch zur Restaurierung von Papier an.

Malewitschs Schwarzes Quadrat ist als Ikone der Moderne noch immer aktuell, doch die Zeit ging nicht spurlos an dem Gemälde von 1915 vorbei. Während sich manche Hollywood Schauspielerin liften lassen würde, um ihr Alter zu verbergen, käme heutzutage aber wohl niemand darauf, die feinen Risse auf dem weltberühmten Viereck zu übermalen, um es so tiefschwarz wie einst erscheinen zu lassen. "Wenn man die alte Kunst anschaut, dann muss man feststellen, dass wir in dieser Hinsicht nur eine sehr rudimentäre Vorstellung von dem Original haben", stellt Elisabeth Bushart fest, "hingegen haben wir in der zeitgenössischen Kunst die Chance, ein Kunstwerk im Original, vom Beginn seiner Entstehung an zu beobachten, anders zu behandeln, weniger stark einzugreifen und auch zu sehen, wie es sich verändert, wenn wir behutsam damit umgehen."