In dieser Ausgabe:
>> Fleeting Moments
>> Neue Arbeiten junger Kunst in der Sammlung Deutsche Bank
>> Die Bedeutung der Kunst für das Unternehmen
>> Kunst macht reich!

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Mit allen Mitteln: Neue Arbeiten junger Kunst in der Sammlung Deutsche Bank




Kerstin Kartscher
The friendliest of the enemies (red), 2001
Sammlung Deutsche Bank
  

Kerstin Kartschner
Ohne Titel (Bloom Town), 2002
Sammlung Deutsche Bank


"Man kann an utopische Architekturzeichnungen denken und daran, dass Landschaftsdarstellungen selten so gut wie hier als interessante Kunst funktionieren", schrieb der Rezensent des deutschen Magazins de:bug über die Zeichnungen der in London lebenden Kerstin Kartscher. Auf Anhieb wirken ihre Bilder als wären sie am Computer gebaut worden: polygonale Netzgitter, die Animationsprogrammen entstammen könnten, fügen sich mit Schriftzügen und graphischen Elementen zu postmodernen Umgebungen zusammen. In derselben Weise, in der Kartscher digital anmutende Images ganz klassisch mit der Hand zeichnet, bedient sie sich auch romantischer Motive, in die sie Symbole gegenwärtiger Alltagskultur einflechtet. So erinnern ihre Zeichnungen durchaus auch an "Kulturlandschaften", denen die Bildsprache von Gothic, Heavy Metal Postern und Plattencovern als Vorlage dient (hierzu auch ein Image aus Kartschers Ausstellung "A Holiday Unwasted"). Ähnlich wie Kartschers Arbeiten spielen die Zeichnungen des in New York beheimateten Marc Dean Veca mit Retro-Ästhetik und ganz verschiedenen Zitaten aus der Kunstgeschichte. In seiner Tintenzeichnung Old Fashioned, 2001, verbinden sich die Wahrzeichen von Surf Kultur und amerikanischem Mittelstand mit Elementen des Rokoko. Seine für die Sammlung angekaufte Arbeit ähnelt einer Tapete, in der sich okkulte Symbole Zeichentrickfiguren, Atompilze und Fernsehhelden mit einer überbordenden Ornamentik verbinden. So wie sich Mark Dean Vecas organische und Comic-hafte Kompositionen mit dem Zeichenstil von Künstlern wie Raymond Pettibon oder Mike Kelly assoziieren lassen, sind auch im Ouevre von Pentti Monkkonen die Einflüsse prominenter Vertreter der kalifornischen Kunstszene bemerkbar. Als "Kid Stuff" bezeichnete die "LA Weekly" im Jahr 2000 das Swancycle des jungen Kunstschulabsolventen, der in der Nachfolge von Paul McCarthy organische Formen und funktionales Design zu subversiven Installationen und Skulpturen verbindet. So verwandelte er für ein Projekt im österreichischen Linz einen VW–Käfer in einen gigantischen Schädel auf Rädern. Auch Chateau Study von 2000 ist der Entwurf für ein Kunstwerk, das zugleich Punk-Rocker und Kunsthistoriker begeistern könnte.



Pentti Monkkonen
Chateau Study, 2000
Sammlung Deutsche Bank
 

Mark Dean Veca
Old Fashioned, 2001
Sammlung Deutsche Bank

 

Mark Dean Veca
Old Fashioned, 2001 (Detail)
Sammlung Deutsche Bank


Die Mythen des urbanen Lebens sowie von Pop- und Jugendkultur greift auch Amelie von Wulffen auf, doch in einer völlig anderen Form. Warten auf die "Goldenen Zitronen", ein Konzert mit Robbie Williams, Record Release Partys und Nächte in Berliner Clubs: Auf den Zeichnungen der in Berlin lebenden Künstlerin erscheint die Szene der neuen Mitte Deutschlands als verfremdete Erinnerung. Wie auch Martin Eder beschränkt sich die 1966 geborene Künstlerin nicht nur auf ein Medium. In ihren Installationen verbindet sie Malerei, Fotografie und Zeichnung zu einem Konstrukt, in dem sich architektonische und anatomische Details aufzulösen scheinen (hierzu Ausstellungsansichten aus dem Kunstverein Braunschweig und der Galerie Borgmann-Nathusius). So ähneln Wulffens Zeichnungen überbelichteten Schnappschüssen oder flüchtigen Aufnahmen. Während bestimmte Details und Körperhaltungen betont werden und andere Einzelheiten verschwinden, tritt an die Stelle der fotografischen "Objektivität" die zeichnerische Geste der Künstlerin. Die Bewegungen redender und tanzender Menschen, lösen sich auf Wulffens Arbeiten in einem wechselnden Geflecht aus feinen Linien und groben Schraffuren auf.

Hierbei bleiben die Grenzen zwischen empfindsamem Duktus und genau kalkulierter Stilisierung fließend. In derselben Weise, in der die Menschen gesichtslos und anonym erscheinen, verbinden sich auf Wulffens urbanen Bildern typische Szenen und persönliche Eindrücke zu einer Art kollektivem Tagebuch.



Amelie von Wulffen
Record Release Party auf dem Schiff, 2001
Sammlung Deutsche Bank
  

Amelie von Wulffen
Frisuren, Release Party,2002
Sammlung Deutsche Bank


Wie verschieden die Tagebücher der gleichen Generation in unterschiedlichen Kulturkreisen ausfallen können, belegt eine Anmerkung der Künstlerin Parastou Forouhar zu ihrer Biografie: "Meine Teenagerjahre in Teheran waren geprägt von der Revolution: Das aufwühlende Potential dieser Zeit, in der grundsätzliche Veränderungen möglich schienen, hatte prägende Auswirkungen auf meine Entwicklung. Mit 19 Jahren entschloss ich mich, an der Front als Sanitäterin zu arbeiten." Die Konfrontation mit der gesellschaftlichen Realität ihrer Heimat, welche die 1962 geborene Forouhar in ihrer Installation Schuhe ausziehen anregt, wird gleichzeitig zur politischen Abrechnung. Ihre Serie von schwarz-weißen Zeichnungen benutzt den Schwung und die vereinfachende Komposition von Cartoons um "Alltagsszenen" aus ihrem Geburtsland Iran zu beschreiben. Gezeigt wurden die Arbeiten in diesem Jahr in einer gleichnamigen Ausstellung in Frankfurt. So erschienen sie mit knappen Sätzen vertont als Zeichentrick-Clip in einem schlichten Videofilm, wobei sie wie in einem Abspann am Zuschauer vorüberzogen. Gleichzeitig waren die einzelnen Bilder auf einer wandfüllenden Stadtkarte von Teheran zu sehen, wo sie jeweils den entsprechenden Lokalitäten (Militärgericht, Parlament, Imbisstuben usw.) zugeordnet wurden, an denen sich die geschilderten Szenen abspielen. Auf ganz eigenwillige Art bewegt sich das konzeptionell geprägte Werk der seit elf Jahren in Frankfurt lebenden Künstlerin zwischen verstörender Komik, Erzählung und formaler Subversion. Geprägt ist Forouhars Biographie sowohl durch die kritische Auseinandersetzung mit dem islamischen Fundamentalismus als auch durch ein einschneidendes Ereignis: "Im Jahr 1998 am 21. November sind meine Eltern, beide oppositionelle Politiker, in ihrem Haus in Teheran, in dem Haus meiner Kindheit, ermordet worden. Es ist kein Datum in meinem Lebenslauf - es ist der Beginn einer neuen Epoche in meiner Welt. Das Verbrechen an meinen Eltern bestimmt mein Leben, meinen Alltag, anders als ihre politischen Aktivitäten mein Leben bis dahin beeinflusst hatten. Meine Tränen fließen beim Schreiben und ich frage mich, ob sie nicht zu meinem Lebenslauf gehören." So schreibt Forouhar in einer biografischen Notiz auf ihrer Homepage, die einen Einblick in ihre ungewöhnliche Arbeit bietet. Als Vermittlerin zwischen westlicher und islamischer Kultur thematisiert sie vor allem die religiösen und politischen Repressionen, die Frauen zuteil werden. Trotz des politischen Engagements und der plakativen Wirkung (dazu Forouhars Serie Benham) zielen die doppelbödigen Arbeiten der Künstlerin nicht auf einfache Lösungen. Forouhar konfrontiert uns mit unseren eigenen Erwartungen und Vorurteilen. Indem sie wie viele aktuelle Künstler dabei unterschiedlichste Mittel und Konzepte vereint, lässt sie uns zugleich spüren, wo sie selbst ihre Heimat findet – in der Kunst.

   

Parstou Forouhar, Ohne Titel, aus "Schuhe ausziehen", 2001/2002
Sammlung Deutsche Bank


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