In dieser Ausgabe:
>> Fleeting Moments
>> Neue Arbeiten junger Kunst in der Sammlung Deutsche Bank
>> Die Bedeutung der Kunst für das Unternehmen
>> Kunst macht reich!

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Die Bedeutung der Kunst für das Unternehmen

Am 13. November fand eine Veranstaltung der Historischen Gesellschaft der Deutschen Bank AG zu Corporate Culture in Frankfurt statt. In seiner Rede unterstrich Dr. Tessen von Heydebreck, Mitglied des Vorstands der Deutsche Bank AG, die Bedeutung der Kunst für das Unternehmen auch vor dem Hintergrund der im Haus nötigen Einsparungen. Wir dokumentieren die Rede in Auszügen.


Sehr geehrte Damen und Herren,

global agieren und grenzüberschreitend im Team zusammenarbeiten - diese Ziele der Deutschen Bank sind im Bereich Kunst schon Wirklichkeit: Ausstellungen aus unserer Sammlung sind zur Zeit in Museen auf allen fünf Kontinenten zu sehen, realisiert im Teamwork mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort. Mit 50.000 Kunstwerken in weltweit 911 Filialen ist unsere Sammlung die größte und bedeutendste Corporate Collection. Kunst in der Bank ist Katalysator für Kommunikation, sie interpretiert unsere Gegenwart, sie gibt abstrakten Inhalten formale Gestalt, und sie stellt auch komplexe Zusammenhänge anschaulich dar. Dieses Potential der Kunst hat kontinuierlich dazu beigetragen, eine Corporate Culture zu schaffen, die Kunden, Mitarbeiter und Öffentlichkeit beispielhaft einbezieht und verbindet.

Ich weiß, dass heute viele von Ihnen darauf warten, ein Plädoyer zum langjährigen Engagement für die Kunst zu hören und darüber hinaus – und vielleicht auch noch lieber: Zahlen. Dass große Einsparungen vorgenommen worden sind und weiter ins Haus stehen, kann ich Ihnen versichern. Der Ankaufsetat wurde drastisch gestrichen und zudem wurde für die zweite Laufzeit (5 Jahre) unserer gemeinsam mit der Guggenheim-Stiftung geführten Ausstellungshalle in Berlin (Deutsche Guggenheim) eine deutliche Reduktion aller Kosten erzielt. Mit geringen Mitteln verwirklichen wir erstklassige Projekte und möchten auch in Zukunft mit unserem Kunstprogramm Zeichen setzen – selbst in schwierigen Zeiten. Denn Kunst erreicht eine große Zahl von Betrachtern, Menschen verschiedenster Interessen und Kulturen. Sie bietet einen über die ökonomische Bewertung hinausgehenden alternativen Wertemaßstab universeller Kultur. Sie lässt die reiche Vielfalt von Tradition, Gegenwart und zukünftigen Visionen sichtbar werden und zeigt sich gleichzeitig in der Lage, Menschen unterschiedlichster Herkunft eine Heimat zu bieten. Denn Kunst und Kultur haben viel mit Identität zu tun. Und deshalb steht die Förderung ihrer Akzeptanz im Mittelpunkt unseres Engagements.

Seit den siebziger Jahren hat die Bank kontinuierlich den kulturellen Austausch und das visuelle Erleben, insbesondere zeitgenössischer Kunst, gefördert und durch ihre eigene Sammlung verwirklicht. 1979 entwickelte das damalige Vorstandsmitglied Dr. Herbert Zapp ein grundlegendes Konzept, das weitgehend bis heute gültig ist.

In größeren Werkgruppen wurden jene Künstler aus dem deutschsprachigen Raum gesammelt, deren Schaffensschwerpunkt nach 1945 liegt. Schon bald rückte jedoch vor allem die Generation der in den sechziger und siebziger Jahren geborenen Künstler in den Mittelpunkt unseres Interesses. Denn die Förderung der noch am Anfang ihres künstlerischen Werdegangs stehenden Künstler ist mitentscheidend für den Fortbestand und die Entwicklung unserer Kultur. Genau diese jungen Talente haben aber kaum die Möglichkeit, in Museen oder Galerien auszustellen, hier können wir als Unternehmen in vielfacher Hinsicht einen Multiplikatoreffekt erzielen. Durch den Ankauf und die Präsentation von Exponaten in den Bankräumlichkeiten werden Menschen an zeitgenössische Kunst heran geführt, die oftmals gar nicht oder kaum, mit diesem Teil unseres Kulturlebens in Berührung gelangen. Anders als im Museum kommt die Kunst sozusagen zum Betrachter. Gleichzeitig wird durch ein solches Engagement vermieden, dass die Kunst immer mehr zur Angelegenheit einer Minderheit wird, nämlich derjenigen, die sich Kunst leisten kann. Und schließlich wird der Künstler – und dieses ist für ihn persönlich wahrscheinlich der wichtigste Aspekt – in seiner künstlerischen Tätigkeit bestätigt.

”Corporate Collecting” und ”Kunst-Sponsoring” sind inzwischen zu bekannten und viel diskutierten Begriffen geworden. Konzepte, die weniger auf Repräsentation oder Imageverbesserung, sondern auf die Vermittlung moderner Kunst an Mitarbeiter, auf die Begegnung zwischen Kunst und Arbeitswelt abzielen, sind jedoch auch heute noch selten zu finden. Gerade die Kunst am Arbeitsplatz ist aber im Konzept der Deutschen Bank das zentrale Thema.

So verstanden und präsentiert hat die Kunst in der Bank Veränderungen bewirkt. Und sie verändert sich ständig selbst. Die Dynamik der Bank spiegelt sich auch außerhalb der Türme in der Entwicklung des Kunstkonzeptes. In den achtziger Jahren wuchs die Zahl der neu eröffneten Filialen und damit auch die Sammlung stark an. Eine entscheidende inhaltliche Erweiterung ermöglichten bald darauf der Fall der Mauer und die anschließende Wiedervereinigung Deutschlands. Nun konnten auch die Künstler in Dresden, Leipzig oder Rostock durch Ankäufe gefördert werden, die zuvor vom Staatlichen Kunsthandel ignoriert wurden und deren Werke dadurch für uns unerreichbar waren. Im wieder entstehenden Filialnetz in den neuen Bundesländern war die Kunst auf den schnell weiß getünchten Wänden oft das erste und hoffnungsvolle Zeichen des Neubeginns, Symbol für Offenheit und Toleranz.

Die bereits mit der Ausstattung dieser Frankfurter Händlerräume begonnene, stärkere internationale Ausrichtung bei der Auswahl der Künstler setzt die Bank bis heute konsequent - und parallel zur zunehmenden Globalisierung des Business - fort. Dass dabei aktuell, angesichts der zunehmenden Schließung von Geschäftsstellen, die Optimierung der Sammlung und die Verteilung des vorhandenen Bestandes stärker im Vordergrund stehen, entspricht der notwendigen Anpassung an neue geschäftliche Ziele.

Doch Reaktion allein kennzeichnet uns nicht allein im Kunstengagement. Wie auch in anderen Geschäftsbereichen, zeichnet sich die Deutsche Bank in der Kunst durch Pionierleistungen aus. Aus diesem Selbstverständnis heraus entwickelte der Vorstand unter der Ägide von Dr. Rolf-E. Breuer als Fortsetzung und Ergänzung des Konzepts der Kunst am Arbeitsplatz die Projektreihe Moment: Moment spiegelt Entwicklungen des zunehmend virtueller werdenden Bankgeschäftes, wie auch Tendenzen aktueller Kunst.

Alles begann im Jahr 2000 mit einem ausgeschriebenen Wettbewerb: Gesucht wurden Projekte internationaler Künstler, die auf Zeit im öffentlichen Raum zu sehen sein sollten: jedes Jahr ein anderer Künstler in einer anderen Stadt. Die Idee für das erste Projekt Shipped Ships hier in Frankfurt stammte von Ayse Erkmen.

Mit einem Fährverkehr auf dem Main schlug die türkische Künstlerin nicht nur Brücken zwischen den Ufern des Flusses, sondern auch Brücken internationaler Zusammenarbeit.

Auch das zweite Projekt von Moment reflektierte das Zusammenwirken unterschiedlicher Kulturen. Am 4. Oktober erschien wordsearch von Karin Sander im Wirtschaftsteil der New York Times. Die Künstlerin hatte zuvor 250 New Yorker um ein Wort von persönlicher Bedeutung ihrer jeweiligen Muttersprache gebeten. Und die New Yorker gaben Wort. Verschiedener Herkunft und Nationalität setzten sich alle für eine gute Sache ein, denn sie verliehen der nach dem 11. September veränderten Skyline der Stadt eine neue, kraftvolle und nach vorne gerichtete Kontur.
Karin Sander entschied sich zur Veröffentlichung für den Börsenteil der New York Times. So wurde dieser Schauplatz eines ganz besonderen Porträts von New York, in feinen Grautönen gestaltet, nur einen Tag gültig, die gleichzeitige große Toleranz der Kulturen untereinander und den zugleich großen Zusammenhalt der Stadt beschreibend.
So führt die internationale Kunstreihe Moment die globale Präsenz der internationalen Kunst auf vielerlei Ebenen fort. Sie bietet Zugang zu den wichtigsten zeitgenössischen Ideen und Entwicklungen. Weitere Plattformen bieten selbstverständlich auch unsere renommierten Ausstellungen rund um den Globus.

Darüber hinaus fördert die Bank seit vielen Jahren Ausstellungen in namhaften, internationalen Museen. Auch der deutsch-russische Kulturaustausch erhielt durch die Deutsche Bank, insbesondere durch Dr. F.W. Christians, entscheidende Impulse. Wir organisierten schon 1977 erste Präsentationen russischer Avantgarde (Costakis-Sammlung) im Westen und zeigten 1983 die Ausstellung Mensch und Landschaft in Moskau und St. Petersburg. Diese Verbundenheit setzt sich bis heute fort: Im Winter 1997 wurden über 200 Werke von Georg Baselitz aus unserem Bestand anlässlich des 850jährigen Jubiläums in der Kleinen Manege gezeigt. Man in the Middle heißt die neue thematische Ausstellung der Sammlung Deutsche Bank, die noch bis zur nächsten Woche in der St. Petersburger Eremitage zu sehen ist.
Eine doppelte Premiere, auf die wir stolz sein können: Zum ersten Mal zeigt die Eremitage nicht nur eine zeitgenössische Ausstellung aus Deutschland, sondern auch Werke einer Unternehmenssammlung.

Darüber hinaus tourniert seit 1980 jährlich eine Einzelausstellung mit Werken eines bedeutenden Künstlers der Sammlung durch Filialen und Museen weltweit. Im Hinblick auf die internationale Ausrichtung fiel die Wahl für dieses Jahr auf die Afroamerikanerin Kara Walker, gefolgt im nächsten Jahr von Richard Artschwager.
”On Show” aus dem Bestand der Bank sind in diesem Jahr außerdem: Hiroshi Sugimoto in Auckland, Neuseeland, Landschaften eines Jahrhunderts in Kapstadt und Die Rückkehr der Giganten mit Werken der Heftigen Malerei aus den siebziger/achtziger Jahren in Monterrey, Mexiko.

Die Kunst am Arbeitsplatz zu Gast in den Museen der Welt – da stellte sich natürlich auch wiederholt die Frage nach einem eigenen Ausstellungsort. Düsseldorf war früh im Gespräch, später Leipzig, doch dann bot sich der Deutschen Bank die Chance, die Wende im Osten mit der Rückkehr an die Orte ihres historischen Beginns in Berlin zu verbinden: Die ehemaligen Geschäftshäuser der Disconto-Gesellschaft, die bei der Fusion mit der Deutschen Bank im Jahr 1929 auf das Unternehmen übergingen, konnten 1992 von der Treuhand zurückgekauft werden.

Von Beginn an war für den zur Hauptstraße gelegenen, langgestreckten Raum dieses Gebäudes eine öffentliche Nutzung vorgesehen, um damit zur Wiederbelebung des traditionsreichen Boulevards Unter den Linden beizutragen. Der Direktor des Guggenheim Museums hatte bereits zuvor – im Rahmen der globalen Expansion der Guggenheim Foundation – sein Interesse am Standort Berlin bekundet. Das Bankgebäude im Zentrum der Stadt, seine eigenen Pläne und das kulturelle Engagement der Bank passten hervorragend zusammen. Gemeinsam sollte eine Kunsthalle Unter den Linden geplant und betrieben werden und gemeinsam sollten international renommierte, aber ebenso jüngere Künstler beauftragt werden, neue Werke für den Ausstellungsraum in Berlin zu erschaffen.

In das ”Joint Venture” bringen beide Institutionen ihr spezifisches geistiges und materielles Kapital ein: Die Guggenheim Foundation das Wissen ihrer Kuratoren, die vielfältigen Beziehungen zu Leihgebern und Künstlern in der ganzen Welt sowie den herausragenden eigenen Kunstbestand. Die Bank trägt zu dem Projekt bei mit ihrer langjährigen Erfahrung vor allen Dingen im Bereich der zeitgenössischen Kunst, mit ihrem betriebswirtschaftlichen "Know How", mit ihrer Sammlung und ihrem Gebäude sowie den notwendigen finanziellen Mitteln.

In den fünf Jahren seit seinem Bestehen hat sich das Deutsche Guggenheim Berlin als erfolgreiche Bereicherung des Kulturlebens der Hauptstadt erwiesen: Mit bisher 21 Ausstellungen, von Dürer-Zeichnungen bis zu Andreas Slominskis ”Fallen”, konnten wir über 600.000 Besucher anziehen. Unsere Neugründung ist damit das am stärksten an Zuspruch gewinnende Museum in Berlin und eines der erfolgreichsten in Deutschland.

In dem Maße, in dem Unternehmen weltweit kooperieren und sich tradierte Funktionsbestimmungen und Arbeitsteilungen auflösen, suchen Unternehmen verstärkt nach einer neuen Identität. Das Engagement für die Kunst kann in diesem Kontext einen bedeutenden Beitrag zur Ausgestaltung der Corporate Identity leisten, es eröffnet ein großes Potential für kunden- und mitarbeiterbezogene Marketing-Strategien. Die Werte, wie beispielsweise Innovation oder Teamwork, die wir durch Werbung oder Presse zu kommunizieren versuchen, sind in der Kunst schon konstituierend vorhanden und können effektiv genutzt werden. Kunst steht für glaubwürdigen Image-Transfer. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass die Aussicht für ein positives Echo auf eine solche Strategie sowohl bei Kunden als auch Mitarbeitern groß ist. Das Interesse unserer Zielgruppen an zeitgenössischer Kunst ist überdurchschnittlich hoch und der Kunstbereich insgesamt von dynamischem Wachstum geprägt.

Kundenreaktionen, Besucherzahlen, Presse, Mitarbeiterstimmen und die große Bereitschaft der Museen und Künstler zur Zusammenarbeit, dokumentieren den Erfolg des Kunstkonzepts und seiner Verwirklichung. Dieser Erfolg ist für uns Ansporn, auch in Zukunft über Bilanzzahlen hinauszudenken, um den Menschen – zumindest für den Bereich der Kultur – einige jener einzigartigen Begegnungen und Momente zu bieten, die dem Streben nach materiellem Gewinn erst Ziel und Sinn geben.