In dieser Ausgabe:
>> Fleeting Moments
>> Neue Arbeiten junger Kunst in der Sammlung Deutsche Bank
>> Die Bedeutung der Kunst für das Unternehmen
>> Kunst macht reich!

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Kunst macht reich!

Soll eine Bank auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten noch Geld für Kunst ausgeben? Gerade dann. Ein Plädoyer von Thierry Chervel


Ein Artikel der Financial Times erregte sich neulich über die von der Deutschen Bank Kunst getragene Aktion wordsearch der Künstlerin Karin Sander. Wie kann man in schwierigen Zeiten, da auch die Deutsche Bank gezwungen ist, Mitarbeiter zu entlassen, Abertausende von Dollars in eine Aktion stecken, die überdies flüchtig ist und sich nur einen Tag lang auf den Seiten einer Zeitung manifestiert? Gewiss, hätte sich die Deutsche Bank überlegt, den selben Betrag in eine gewöhnliche Anzeigenkampagne auf den Seiten der Financial Times zu investieren, so hätte der selbe Redakteur wahrscheinlich Hymnen auf die Intelligenz eines solchen antizyklischen Verhaltens gesungen. Gerade jetzt, wo alle sich zurückhalten, so hätte er wohl gesagt, gewinnt man mit Anzeigen eine überdurchschnittliche Aufmerksamkeit.



Natürlich ist Werbung sinnvoll. Aber wie sinnvoll ist die Kunst? Die Frage der Financial Times verdient es durchaus, ernst genommen zu werden. Vielleicht ist es ja überflüssig, gar zynisch, in solchen Zeiten Geld für Kunst auszugeben. Wenn man die Sache zu Ende denkt, muss man in einem Punkt sogar zustimmen: Kunst ist sinnlos. Denn Kunst widersetzt sich der strikten Zwecklogik, die das Wirtschaftsleben regiert und die der Artikel der Financial Times indirekt als die einzig legitime hinstellte. Karin Sanders Arbeit ist dafür ein schlagendes Beispiel.



Die Künstlerin schickte 2 Wordsearcher los, die in den Straßen von New York nach den Spuren aller in der Stadt gesprochenen und geschriebenen Sprachen suchten. Die Wordsearcher baten 250 Menschen aus allen Kulturen und Nationen, ein Wort sozusagen zur Verfügung zu stellen, das ihnen besonders charakteristisch für ihre Sprache erschien oder ihnen besonders wichtig war. Diese Wörter wurden in alle anderen in New York gesprochenen Sprachen übersetzt, und das Ergebnis dieser Wortsuche wurde dann ausgerechnet in winziger Schrift in den Kurslisten der New York Times veröffentlicht. Eine überaus aufwendige Aktion also, die dann nicht in Stein gemeißelt, sondern dem biologisch abbaubaren Recyclingpapier eines flüchtigen Mediums überantwortet wurde. Ziemlich irritierend.



Aber auch ziemlich anregend. Warum hat die Künstlerin nicht die politischen Seiten der New York Times gewählt, um die innere Globalisierung der Stadt darzustellen? Warum hat sie nicht die Kulturseiten besetzt, um ihre kulturelle Vielfalt zu feiern?

Vielleicht weil die Kurslisten der faszinierendste und der provokanteste Platz sind, um über Unterschiede zu sprechen. Hier werden die Unterschiede ja gemessen: 7,36 Dollar sind nicht gleich 9,22 Dollar. Aber es sind quantitative Unterschiede, die hier gewöhnlich gemessen werden. Die unterschiedlichsten Unternehmen werden an der gleichen Elle, dem Geld, gemessen. Genau hier aber spricht Karin Sander über Unterschiede, die sich nicht messen und nicht quantifizieren lassen. Was verbindet das Urdu und das Französische? Was hat ein Inder, der vielleicht den wirtschaftlichen Problemen seiner Heimat entflohen ist, mit einer französischen Marketingexpertin zu tun, die hier für eine Agentur arbeitet – außer vielleicht, dass beide einander im selben New Yorker Viertel über den Weg laufen? Sprachen und Kulturen sind übersetzbar, aber sie lassen sich nicht wie Aktien auf eine selbe Zähleinheit reduzieren.

Sanders Arbeit ist hier zutiefst zweideutig. Man könnte sie als eine Kritik an der Macht der Kapitalmärkte verstehen, die die kulturellen Unterschiede angeblich der immer selben Logik des Geldes unterwerfen wollen. Aber die Arbeit wäre banal, wenn sie hier stehen bliebe. Dort wo normalerweise bis auf die zweite Stelle hinter dem Komma der Wert eines Unternehmens austariert wird, versucht man nun ein Wort wie "Heimat" ins Urdu, ins Französische, ins Englische und Arabische zu übersetzen.

Das kann nicht ganz klappen. Jeder, der mehr als eine Sprache spricht, kennt das Problem: Die Wörter sagen nicht in jeder Sprache das gleiche. Übersetzungen bleiben ungefähr. Kulturen bleiben sich bis zu einem gewissen Grade fremd.



Unmöglich, diese Arbeit nicht vor dem Hintergrund des 11. September zu sehen. Die Attentate zielten ja auf das Zentrum der westlichen Kapitalmärkte, die sich in den beiden Türmen des World Trade Centers symbolisierten. Und den Attentätern war es in ihrem Wahn der ideologischen Reinheit völlig gleich, dass sie Menschen unterschiedlichster Kulturen, Religionen und Sprachen umbrachten. Geld nivelliert, mag sein, aber sind nicht die Attentäter die Barbaren der Gleichmacherei?

Zweideutig ist Sanders Arbeit, weil sie im gleichen Atemzug eine Kritik der Globalisierung und – gegen ideologische Vereinfachungen - eine Feier ihrer Notwendigkeit präsentiert. Die unterschiedlichen Übersetzungen bestimmter Wörter auf den Kurslisten einer Zeitung sprechen nicht nur über die Gefahr der Nivellierung von Kulturen durch die globalen Märkte, sie führen auch wie von selbst zum Gegenargument: So wenig die Sprachen und Kulturen aufeinander reduzierbar sein mögen, so sehr müssen sie doch auch einen gemeinsamen Boden und ein gemeinsames Niveau suchen, auf dem sie miteinander kommunizieren können. New York ist dieser Boden in Karins Sanders Arbeit, und die Wirtschaft ist der Raum, in dem diese Kommunikation stattfindet.



Kunst regt zum Denken an. Es ist ein fatales Missverständnis, Kunst nur als emotionalen Ausgleich zu betrachten. Jeder Mitarbeiter der Deutschen Bank, der sich in die Artothek begibt, um sich ein Kunstwerk für sein Büro auszusuchen, macht diese Erfahrung. Natürlich wird er zunächst eine intuitive Entscheidung treffen. Er wählt ein Werk, weil es ihm gefällt, vielleicht sogar nur, weil er es als dekorativ empfindet. Aber wie gesagt: Kunst ist sinnlos, zumindest im bloß wirtschaftlichen Sinne, sie widersetzt sich der Logik des Zwecks, und darum ist sie niemals bloße Dekoration. Jemand mag etwa einen der anmutigen Scherenschnitte von Kara Walker bewundern und erst später, vielleicht Wochen später, die Provokationen entdecken, die Walker in ihren Werken versteckt. Sie schildert Szenen der Ausbeutung und Unterwerfung, was ihren Werken übrigens die Anmut keineswegs nimmt. Und spätestens hier beginnt der intuitivste Kunstliebhaber nachzudenken, sich im Werk zu spiegeln, seine Intuition zu überprüfen.






Bänker sollen streng rationale Entscheidungen fällen. Schließlich sind sie für das Geld verantwortlich, mit dem sie umgehen. Sie haben es allerdings nicht allein mit abstrakten Zahlenkolonnen zu tun, sondern mit Verhandlungspartnern aus den unterschiedlichsten Religionen, Kulturen und Sprachen. Auch hier müssen sie auf Intuitionen vertrauen und ihre Intuitionen zugleich überprüfen. Das Kunstwerk in ihrem Büro war ihnen hier vielleicht - jenseits seiner Zweckfreiheit, die sich nicht vereinnahmen lässt - eine Schule. Kunst ist sinnlos, darum brauchen wir sie. Kunst stellt Fragen, und darum brauchen wir sie gerade in schwierigen Zeiten.

Thierry Chervel ist Mitbegründer des Internet-Kulturmagazins Perlentaucher


Die Abbildungen in diesem Beitrag zeigen die Arbeit an der ersten europäischen Ausgabe der New York Times, die anläßlich von Karin Sanders Projekt wordsearch am 04. Oktober 2002 in Frankfurt in Druck ging.