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Presseschau zu Gerhard Richters Acht Grau

"Die Schwarte des Eisbeins, die Wände der Häuser und das Wasser der Spree, alles zeigt sich Grau in Grau..." Durch das monochromen Erscheinungsbild von Gerhard Richters Acht Grau angeregt, nimmt der Newcomer Tobias Timm seine Ausstellungsbesprechung in der Süddeutschen Zeitung zum Anlass, sich einige grundlegende Gedanken über das graue Wetter in Berlin und die Mentalität der Hauptstädter im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen zu machen: "Das Problem liegt aber auch im Umgang mit den klimatischen Widrigkeiten. Denn andere große Städte wie London oder Hamburg, die ebenfalls mit grauenhaftem Wetter zu kämpfen haben, entwickelten in ihrer Geschichte Strategien, wie man dem bleiernen Grau mit Eleganz und Stil begegnen kann: Mit einem feinen Tee und in einem Anzug aus grauem Flanell lässt sich ein verregneter Tag recht zivilisiert überleben. "Wie wär's mit einer feinen Lichttherapie?

"So funktioniert Minimalismus im besten Fall", lobt Ulrich Clewing in der Frankfurter Zeitung und beschreibt Acht Grau als eine Art Bühne, auf der alles und jeder eine Rolle spielt: Die Besucher, die Aufseher, die Lichtverhältnisse, das Zischen der Kaffeemaschine, das Geschehen und die Geräusche auf der Strasse. "Wer sich hier etwas länger aufhält, der läuft bald nicht mehr quer durch den Raum, sondern bewegt sich immer bedächtiger, beinahe vorsichtig von einem Ende zum anderen", schreibt Clewing und überlegt, ob die minimalistische Reduktion der Arbeit zugleich einen Schlusspunkt in Richters Werk bezeichnet.

Dennoch bleibt am Ende seines Artikels alles offen: "Also könnte man meinen, diese acht grauen Bilder seien eine Art Essenz des Werkes des mittlerweile siebzigjährigen Künstlers. Vielleicht ist es aber auch exakt anders herum: ein Anfang."

Im Gegensatz zu anderen Präsentationen zeitgenössischer Kunst, wo die Atmosphäre "gelöst, kennerisch oder gar amüsiert" sein kann, beobachtet Mark Siemons in der "Hauptstadtkolumne" in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bei Acht Grau eine Stimmung 'verhaltener Aggressivität': "Ein jeder blickt auf sich selbst, wie er vor der grauen Platte steht und angestrengt hineinguckt." Über die Dinge, die sich beim Anblick der Glasscheiben im Inneren der Besucher abspielen, ließen sich nur Vermutungen anstellen -gäbe es da nicht das Gästebuch, aus dem der Autor dann auch ausgiebig zitiert. "Die glatten Oberflächen, die keinerlei persönliche Prägung erkennen lassen", sind nach seiner eigenen Meinung "offenbar nur im biographischen Kontext ihres Urhebers zu goutieren – oder aber im Kontext der Bank, wo sie als Realsymbol des Geldes in seiner alles und nichts ermöglichenden Leere und Abstraktion gelten könnten." Angesichts solcher Unsicherheiten ist wohl etwas Eigensinn gefragt: "Doch wahrhaft souverän kann wohl nur jener Besucher genannt werden, der sich von der Kunst nicht seine Blickrichtung vorschreiben ließ: 'Die Frau an der Kasse ist wirklich bildhübsch'."