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"Es geht nicht darum, ein gefälliges Programm
zu zeigen."


Svenja Gräfin von Reichenbach im Interview

Seit seiner Gründung wird das Deutsche Guggenheim in Berlin von Svenja Gräfin von Reichenbach als Galerie Managerin geleitet. Für die aktuelle Ausgabe von db-art.info beschreibt sie die Herausforderungen die ihre Aufgaben mit sich bringen und erinnert sich an die Ausstellungshöhepunkte im Jahr 2002.



Sara Bernshausen (links) mit Svenja Gräfin von Reichenbach
© Deutsche Guggenheim Berlin



Frage: Was bedeutet es eigentlich, als "Gallery Manager" des Deutsche Guggenheim Berlin zu arbeiten?

Svenja Gräfin von Reichenbach: Als Gallery Manager bin ich für alles verantwortlich, von der Ausstellungsorganisation bis hin zur Alarmanlage. Es geht also um den gesamten Ablauf dessen, was hier im Deutsche Guggenheim Berlin vor Ort passiert. Das gilt vor allem auch für die täglichen Abläufe, das ausstellungsbegleitende Rahmenprogramm und die Organisation der Ausstellungen, die hier gezeigt werden.

Sie sind sozusagen das Bindeglied zwischen der Deutschen Bank und der Guggenheim Foundation?

Genau. Man kann sagen, dass hier in Berlin das Joint Venture zusammenläuft.

Heißt das, Sie koordinieren die Abläufe für beide Seiten, für die Deutsche Bank und für die Guggenheim Foundation?

Ja, meine Mitarbeiterin Sara Bernshausen und ich arbeiten täglich mit den Kollegen in Frankfurt und New York zusammen mit dem Ziel, im Deutsche Guggenheim Berlin vier Ausstellungen im Jahr zu präsentieren. Neben internationalen Ausstellungen und Auftragsarbeiten, die an Künstler vergeben werden, ist eine Ausstellung pro Jahr dem Künstler des Geschäftsjahres der Deutschen Bank gewidmet. Der Künstler wird durch die Deutsche Bank ausgewählt. Das übrige Ausstellungsprogramm wird aber von beiden Partnern gemeinsam erarbeitet. Das Deutsche Guggenheim Berlin funktioniert eben nur deshalb so gut als Joint Venture, weil die Deutsche Bank nicht nur als Bank, sondern auch durch ihre Sammlung ein wirklicher Partner auf dem Gebiet der Kunst ist. Zumal der Schwerpunkt der Sammlung auf der zeitgenössischen Kunst liegt. Insofern treffen wir uns regelmäßig mit den Kuratoren der Deutschen Bank und den Kuratoren der Guggenheim Foundation, um das Programm zu erarbeiten. Da kommen von den unterschiedlichen Seiten Vorschläge. Wir versuchen immer, das Programm auf Berlin zuzuschneiden. Es geht also nicht darum, was gerade in New York gezeigt wurde, und die Frage, ob wir das auch hier in Berlin zeigen können, sondern wirklich darum ein für Berlin interessantes Ausstellungsprogramm zusammenzustellen. Außerdem wollen wir auch den Blick von verschiedenen Orten auf Berlin richten, von New York auf Berlin, von Frankfurt auf Berlin, aber auch von Berlin auf diese Stadt selbst.



Deutsche Guggenheim Berlin
© Deutsche Guggenheim Berlin


Was macht das Besondere der Arbeit am Standort Berlin aus?

Die Lücke in der Berliner Kunstwelt zu finden, die das Deutsche Guggenheim Berlin ausfüllen kann. Wir haben ein Programm entwickelt, das sich auf sehr unterschiedliche Weise Berlin annähert. Ich denke, man kann das an den Ausstellungen der letzten Jahre auch ablesen. Mit Hiroshi Sugimoto haben wir beispielsweise einen Künstler vorgestellt, der zwar in Europa bei privaten Sammlern durchaus bekannt war, aber in der Öffentlichkeit fast kein Forum hatte. Sugimoto war für viele unserer Besucher eine wirkliche Entdeckung. Andererseits gab es Ausstellungen, die einen ganz direkten Bezug zum Standort Berlin boten, wie unsere erste Ausstellung mit Robert Delaunay. Hier zeigten wir sogar ein Bild, das in der Sturm-Galerie von Herwart Walden zu sehen war, in einer Ausstellung, die auch für Delaunay selbst bedeutend war, weil er mit ihr in Deutschland seinen Durchbruch hatte. Das war hier gleich um die Ecke in der Friedrichstrasse. Delaunays Bilder waren ja vor der Schau im Deutsche Guggenheim Berlin ganz lange nicht in einer Einzelausstellung zu sehen. Als vor zwei oder drei Jahren die große Delaunay Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle zu sehen war, war auch in der Presse zu lesen, dass, nachdem wir den Künstler bereits gezeigt hatten, nun noch mehr von Delaunay in Deutschland zu sehen sei.

Das heißt also, dass die Ausstellungen entweder ortspezifische Bezüge haben oder aber in der Hauptstadt die Gelegenheit zur Entdeckung und Wiederentdeckung geben?



Rachel Whiteread: Untitled (Apartment), 2001
mixed media
© Deutsche Guggenheim Berlin


Das sind zwei wichtige Aspekte. Aber natürlich gibt es auch andere Fälle. Einen Künstler wie Bill Viola muss man nicht mehr vorstellen. Wir haben bei dieser Auftragsarbeit allerdings gedacht, dass es sich hier um einen Künstler handelt, der an einem Punkt in seinem Schaffen angekommen ist, an dem eine Auftragsarbeit ihm die Möglichkeit für einen weiteren Schritt geben könnte. Wir sind keine Galerie, das heißt, wir entdecken keine unbekannten Talente. Alles, was wir hier zeigen, passiert auf musealem Niveau. Die Künstler, die hier zu sehen sind, haben schon einen gewissen Weg zurück gelegt. Auch Rachel Whiteread war eine Künstlerin, die schon sehr viel geschaffen hat, aber in der Auseinandersetzung mit dem Ausstellungsraum Unter den Linden eine ganz besondere Herausforderung sah. So hat sie bei uns zum ersten Mal eine ihrer Skulpturen nicht wie gewohnt aufrecht präsentiert, sondern "gekippt" in den Raum gestellt. Vielleicht hat sie so durch die Auftragsarbeit angefangen, mit ihren Skulpturen zu "spielen".

Die diesjährige Ausstellungen mit Kara Walker war sehr kontrovers. Wie wurde es aufgenommen, dass eine Institution wie die Deutsche Bank eine Künstlern präsentiert, die offen und "unverschämt" rassistische und sexistische Motive aufgreift und auch keine Angst im Umgang mit den eigenen erotischen Phantasien hat?

Ich denke, dass sich das Deutsche Guggenheim Berlin in dieser Stadt den Ruf erworben hat, dass es für moderne und zeitgenössische Kunst steht, und nicht für ein gefälliges Programm. Es ist dem Publikum wohl bewusst, dass es sich um ein Joint Venture zwischen der Deutschen Bank und der Guggenheim Foundation handelt. Wir befinden uns schließlich auch in einem Gebäude der Deutschen Bank. Wir haben uns aber soweit emanzipiert, dass nicht gesagt wird: "In der Schalterhalle der Deutschen Bank ist eine Ausstellung zu sehen". Daher gibt es, so weit wir wissen, auch keine Diskussionen, die sich mit der Frage beschäftigen, ob diese oder jene Kunst in der Bank ausgestellt werden dürfe oder nicht. Das Interesse an der Kunst steht an diesem Ort deutlich im Vordergrund.

Aber zurück zu Kara Walker. Sehr viele Besucher waren wirklich begeistert, weil es für sie etwas ganz Neues war, was sie hier gesehen haben. Ich bin von Besuchern in der Ausstellungshalle angesprochen worden, weil sie durch die Kunst so angeregt waren, darüber zu diskutieren. Kara Walker ist einfach eine ganz wichtige zeitgenössische Künstlerin und berührt die Themen, die vielfach von großem Interesse sind. Das Publikum weiß inzwischen auch, dass es bei uns nicht immer nur die Klassische Moderne erwarten muss.

Unser Programm bietet immer etwas, das auch sperrig ist, das aufrüttelt, Kunstwerke, die nicht im ersten Moment eingängig sind. Dafür werden wir auch gemocht und geschätzt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir bei Kara Walkers Ausstellung irgendwelche entsetzten Reaktionen bekommen hätten. Rassismus und Sexismus sind ja letztlich auch ganz aktuelle Themen, die sehr viele Menschen betreffen.



Kara Walker, Cleanser, 2001
© Brent Sikkema


Ein großer Erfolg des Deutsche Guggenheim Berlins besteht ja auch darin, dass es der Öffentlichkeit vermittelt, auf welche Weise sich die Deutsche Bank im Bereich der Kunst engagiert. Wie würden Sie die Rolle dieses Joint Ventures im Hinblick auf die anderen Kunstaktivitäten der Deutschen Bank beurteilen?

Es hat immer schon auch Wanderausstellungen mit Werken aus der Sammlung Deutsche Bank gegeben. Auch die Arbeiten des jeweiligen "Künstlers des Geschäftsjahres" wurden im Laufe eines Jahres von der Bank an unterschiedlichen Orten gezeigt. Das war seit den Anfängen der Sammlung Deutsche Bank so, nicht nur national, sondern auch international. Die Deutsche Bank hat aus diesem Grund ein ganzes Netzwerk zu unterschiedlichen Museen aufgebaut – nicht nur in den europäischen Kunstmetropolen, sondern auch an Standorten wie Südafrika oder Russland. Die Ausstellungen aus der Sammlung, die zu unterschiedlichen Schwerpunkten an verschiedenen Orten gezeigt werden, nehmen in Zukunft auf jeden Fall eine größere Bedeutung ein. Die Sammlung ist in den letzten zwanzig Jahren ungeheuer gewachsen. Man hat jetzt ein großes Konvolut, mit dem man natürlich ganz anders arbeiten kann, als mit einer noch im Aufbau befindlichen Sammlung. Man kann jetzt der Arbeit nachgehen, der auch in Museen nachgegangen wird – der Forschung. Es ist möglich, die Kunstwerke immer wieder in neue Zusammenhänge zu stellen. Insofern wird dem Ausstellungsprogramm natürlich eine verstärkte Bedeutung zukommen.
Die Begegnung mit dem Publikum an diesem speziellen Ort wurde von der Bank ganz explizit gesucht. Man muss das Deutsche Guggenheim Berlin schließlich auch vor dem Hintergrund des Ortes und des Gebäudes der Deutschen Bank verstehen, das Anfang der neunziger Jahre zurück erworben wurde, als es hier um den Gendarmenmarkt herum noch ganz anders aussah. Es war der Deutschen Bank ein Bedürfnis eben nicht ein abgeschlossenes Bürogebäude zu erwerben, sondern einen Ort zu schaffen, an dem auch ein Austausch stattfinden kann. Es sollte auch ein Beitrag dazu geleistet werden, diese Gegend neu zu beleben. Das Deutsche Guggenheim Berlin bildet sicher auch so etwas wie eine Schnittstelle zwischen der Sammlung und der Öffentlichkeit, gerade dadurch, dass hier einmal im Jahr der "Künstler des Geschäftsjahres" in einer Ausstellung präsentiert wird. Dadurch, dass wir als Deutsche Guggenheim Berlin im Gebäude der Deutschen Bank hier mitten in Berlin eine herausragende Position im Kunstgeschehen der Hauptstadt gefunden haben, bietet sich auch für die Sammlung, deren Präsentation normalerweise im halböffentlichen Raum stattfindet, an dieser Stelle eine Möglichkeit, der Öffentlichkeit zu begegnen.

Wenn Sie an dieses Jahr zurückdenken, welche der Ausstellungen im Deutsche Guggenheim Berlin hat Sie am meisten begeistert?

  

Bill Viola: Going Forth By Day, Installationsansichten 2002
© Deutsche Guggenheim Berlin


Keine einfache Frage. Die Ausstellungen, die wir gezeigt haben, waren alle auf ihre Weise für mich persönlich begeisternd. Going Forth by Day von Bill Viola war eine ganz großartige Ausstellung, die an alle Sinne appellierte, und in die man wirklich eintauchen konnte. Man ging in diesen Ausstellungsraum und begab sich zumindest für die Dauer eines Zyklus in eine andere Welt. Ich persönlich hatte eine ganz starke Bindung an diese Ausstellung, weil ich seit vielen Jahren Bill Viola unglaublich schätze. Die Arbeit, die er für uns gemacht hat, ist ja über viele Jahre gewachsen. Es besteht also auch hier eine lange Verbindung. Die Giotto Kappelle in Padua, die Viola bei diesem Projekt inspirierte, ist für mich eines der großartigsten Werke am Anfang der Neuzeit. Die Ausstellung von Kara Walker war für mich persönlich eine sehr bereichernde Erfahrung, weil wir hier etwas gezeigt haben, was in anderen Ausstellungen von ihr gar nicht so deutlich zum Vorschein kommt. Mit ihren Zeichnungen bot sie Einblick in den Prozess von Walkers Arbeit. Ihre Scherenschnitte sind natürlich sehr kräftig und aussagestark. Der klare Kontrast zwischen Schwarz und Weiß verhindert jedoch einen Blick "hinter die Kulissen", während der Duktus in den Zeichnungen einiges über ihre Entstehung verrät. Selbst für die Kenner von Kara Walkers Kunst war dies deshalb eine interessante Ausstellungserfahrung. Auch Richters Acht Grau ist ein enorm starkes Werk. Es ist fantastisch, hier eine neue ortsbezogene Arbeit zeigen zu können, die so zukunftsweisend und zudem radikal ist. Ich könnte wirklich nicht sagen, welche meine Lieblingsausstellung gewesen ist.
Welche Ausstellung in diesem Jahr hat Sie denn vor die größte logistische Hersausforderung gestellt? Beide Projekte, Bill Violas Going Forth by Day und Gerhard Richters Acht Grau, waren ja sehr aufwendig. Gab es eigentlich jemals einen Punkt, wo Sie sich sagten: "Das klappt nicht."?

Im Laufe der Zeit stellt sich glücklicherweise das Grundgefühl ein: "Am Ende wird schon alles klappen." Trotzdem gab es bei beiden von Ihnen erwähnten Ausstellungen diesen kritischen Punkt. Bei Bill Viola war es natürlich eine ungeheuere Herausforderung, die ganze Computertechnik so zu koordinieren, dass die Installation am Ende wirklich funktioniert. Und da die Technik – High Definition Video – nicht nur auf allerneustem Stand, sondern fast noch im Entwicklungsstadium war, war es besonders schwierig. Es gab da diesen Moment, an den ich mich bestimmt immer erinnern werde: Es handelt sich um jenen Abend als wir dann schließlich im Ausstellungsraum standen und zum ersten Mal alle Bilder gleichzeitig liefen, wobei der Ton aber noch fehlte. Das war schon ganz, ganz toll. Es war wirklich für alle ein überwältigendes Erlebnis. Auch für den Künstler selber, denn bei den Auftragsarbeiten ist es fast immer so, dass hier in Berlin erstmals alle Komponenten des Werkes zusammengeführt werden. Die Arbeit von Bill Viola war ja noch nie zuvor an einem anderen Ort gezeigt worden. Man kannte zwar jedes einzelne Video, aber das war der Moment, in dem der Zyklus zum ersten Mal gleichzeitig und in vollständiger Form lief. Die Erleichterung war sehr groß. Wir wussten, wir sind auf dem richtigen Weg.
Bei Richter war das eine ganz andere Anspannung. Es erforderte eine ungeheuere Logistik, diese riesigen Glasscheiben nach Berlin zu transportieren und hier im Museum zu installieren. Am Morgen, als die Scheiben mit dem Kran abgeladen wurden und die riesigen Kisten mit ihrem fragilen Inhalt auf der Strasse standen, da dachte ich: "OK, der erste Schritt ist getan, aber...!" Als dann die erste Scheibe in der Ausstellungshalle ausgepackt wurde, hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Es war für alle unglaublich spannend, zu erleben wie die Glasplatten ausgepackt wurden und dann an den Saugnäpfen des Hebegerätes frei durch den Raum schwebten, um schließlich an der Wand montiert zu werden. Wir atmeten alle auf, als die Arbeiten endlich hingen.



Gerhard Richter: ACHT GRAU, Austellungsansicht, 2002
© Deutsche Guggenheim Berlin


Eine letzte Frage zum Abschluss. Welche Ausstellungen stehen neben Malewitsch und Artschwager im kommenden Jahr noch auf dem Programm?

Unter anderem werden wir Arbeiten von Tom Sachs zeigen, einem jungen amerikanischen Künstler, der raumspezifische Installationen schafft. Seine Installation Nutsy's, die bei uns zu sehen sein wird, ist zur Zeit in der Bohen Foundation in New York ausgestellt, aber sie wird sicherlich hier in Berlin auf andere Art und Weise präsentiert. Tom Sachs wird dabei ganz spezifisch auf diesen Raum eingehen. Seine Arbeiten sind sehr kleinteilig und werden von Hand gefertigt und zusammengesetzt – lauter kleine Werke, die sich zu eigenen Welten formen. Tom Sachs ist in Europa noch nicht so bekannt ist. Wir freuen uns schon sehr auf diese frische und neue Ausstellung, die im Sommer zu sehen sein wird.