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Gerhard Richter: Acht Grau im Deutsche Guggenheim in Berlin

"Was, Ihr habt kein farbiges Glas, kein rosa, kein rot, kein blau? Keine magischen Scheiben, keine Scheiben vom Paradies? Schurke, was denkst du bloß, ins Armenviertel zu gehen, ohne ein einziges Glas, um das Leben zu verschönern?"
Charles Baudelaire, "Der schlechte Glaser", Paris Spleen, 1869


Mit der Ausstellung Gerhard Richter: Acht Grau präsentiert das Deutsche Guggenheim Berlin vom 11. Oktober 2002 bis 5. Januar 2003 das achte und jüngste Auftragswerk, das eigens für die Kunsthalle Unter den Linden entstanden ist. Neben der gefeierten Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art (jetzt im San Francisco MoMA zu sehen) zu Richters siebzigstem Geburtstag im Frühjahr diesen Jahres ehrt die Ausstellung im Deutschen Guggenheim den Künstler nun auch in Deutschland.

Gerhard Richter ist in den vergangenen vier Jahrzehnten zu einem der einflussreichsten Künstler unserer Zeit aufgestiegen. Bemerkenswerter Weise hat er diesen Status erreicht, ohne sich auf nur einen Stil zu beschränken. Sein breites Spektrum umfasst überwiegend Landschaften, mehrfarbige Abstraktionen, graue Monochromien und auch einige skulpturale Objekte.



Aufbau ACHT GRAU

Richter verfremdet bildnerische Traditionen, um das Sehen zu hinterfragen, die Wahrnehmungsmuster, auf denen unsere Vorstellung von der Welt basieren. Er ist nie der Versuchung erlegen, einen Darstellungsmodus oder einen Stil als absolut verbindlich oder dominierend hinzustellen. Nie artikuliert er sich mit einer subjektiven, autoritären Stimme. Diese Distanz zieht sich wie ein roter Faden durch Richters Schaffen, von den zufällig gefundenen Vorlagen für die Fotogemälde über den Einsatz des Spachtels, um in vielen abstrakten Werken alle individuellen Spuren zu löschen, bis zu der Readymade-Qualität seiner Glas- und Spiegelbilder.

In seinem jüngsten Werk Acht Grau wird ein Thema in Richters Oeuvre fortgesetzt, das bereits Mitte der sechziger Jahre mit Monochromien und Arbeiten auf Glas seinen Anfang nahm. Als Vorläufer kann die Installation 4 Glasscheiben aus dem Jahr 1967 gelten: Vier fensterartige Elemente modifizieren durch vertikale Rotation die Raumperspektive. Ganz ähnlich können auch die Spiegel von Acht Grau in unterschiedliche Positionen gekippt werden.

"Doch erst in der Arbeit Acht Grau findet der Wechsel vom malerischen Objekt zur architektonischen Dimension tatsächlich statt, und er stellt uns vor die schwierige Frage, ob und wie monochrome Malerei und architekturale Raumdimension zu vermitteln seien." (Benjamin H.D. Buchloh).

Die acht emaillierten Glasplatten sind mithilfe von Stahlträgern 50 Zentimeter vor der Wand montiert. Sie erscheinen als vieldeutige Objekte an der Grenze zwischen Malerei, Skulptur und Architektur. Für Acht Grau wurde auf Wunsch Richters das undurchsichtige Glas der auf den Boulevard Unter den Linden öffnenden Fenster des Deutschen Guggenheim Berlin durch transparente Scheiben ersetzt. Die grau emaillierten Gläser werden so nicht nur den Innenraum und die Besucher, sondern auch die Außenwelt reflektieren und einbeziehen.

Obwohl die dem Nichts gleichgesetzte "Nicht-Farbe" jede Möglichkeit der Assoziation, Differenzierung oder Interpretation negiert, beteuert Richter: "Ich kenne kein Gemälde, das nicht illusionistisch ist" und stellt dann fest, dass "die [grauen Bilder] den rigorosesten Illusionismus von allen aufweisen". Acht Grau treibt dieses Paradoxon auf die Spitze: Der Betrachter steht vor einem einfarbigen Feld, das ihm ein Abbild seiner selbst und seiner Umgebung zurückwirft. Das Kommen und Gehen der Betrachter repliziert den zufälligen Bildausschnitt des Schnappschusses. Anstatt eine konforme Sichtweise zu diktieren, fächert sich die monumentale Sequenz gleicher Flächen zu einem Prisma aus Blicksplittern und Blickmöglichkeiten, die unser tatsächliches Verhältnis zur Wirklichkeit nachzeichnen.


Gerhard Richter: Acht Grau wird von einem umfassenden Rahmenprogramm begleitet - mit Themenführung, lunch lectures und Sonderveranstaltungen. Mehr dazu hier.

Die Ausstellung wurde von Benjamin Buchloh, freier Kurator und Professor der Columbia University, kuratiert. Ein umfangreicher Essay, in dem Buchloh Acht Grau in Kontext zum Oeuvre des Künstlers und zu anderen Glas- und monochromen Arbeiten setzt, findet sich im Katalog zur Ausstellung.

Als Edition Nummer 21 des Deutschen Guggenheim Berlin und als Teil seiner Auftragsarbeit für Berlin hat Gerhard Richter ein Glasprisma (160 x 48 x 48 x 48 mm) entworfen. Es ist erhältlich im Museumsshop.