In dieser Ausgabe:
>> Elvira Bach im Gespräch
>> Die Dresdner Malerin Elfriede Lohse-Wächtler

Im Archiv:
>> Kara Walker im Dialog mit Darius James
>> Wiedersehen in New York
>> Man in the Middle - "In fantastischer Gesellschaft"
>> Kara Walker - Wie schwarz darf Humor sein?

 

Beruf: Künstlerin

"...ein einzigartiges, schon fast nicht mehr weiblich anmutendes Talent." -
Die Dresdner Malerin Elfriede Lohse-Wächtler (1899-1940)


Mit dem Aufbruch der Moderne ging auch ein Abschied einher. Immer mehr Frauen waren es leid, sich mit der Rolle als Muse und Lebensgefährtin berühmter Männer zu begnügen und eroberten Künstlergruppen, Werkbünde und Akademien. Wie schwierig dieser Vorstoß war, bezeugen die Biographien dreier Künstlerinnen, deren Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind und im Dritten Reich als "entartete Kunst" verboten und vernichtet wurden: Elfriede Lohse-Wächtler, Gabriele Münter und Hannah Höch. In der Serie " Beruf: Künstlerin" beschreiben Maria Morais und Oliver Koerner von Gustorf das sich wandelnde Rollenverhältnis im Schatten von Diktatur und Krieg. Wie hoch der Preis weiblichen Aufbegehrens war, bezeugt auf besonders tragische Weise der Lebenslauf von Elfriede Lohse-Wächtler, deren Portrait den Auftakt zu unserer dreiteiligen Serie bildet.

Von Kuratoren und Galeristen wird ihr Name in einem Atemzug mit denen von Kokoschka, Dix oder Schiele genannt. Was Kurt Lohse jedoch vom Talent seiner Frau Elfriede Lohse-Wächtler hielt, zeigte er ihr deutlich, als er seinen Schülern ihre Bilder als Leinwände für Malübungen zur Verfügung stellte.



Abb. 1
Oskar Kokoschka: Akt, 1913 /
Sammlung Deutsche Bank
© VG Bild-Kunst, Bonn 2002
  

Abb. 2
Otto Dix: Düsseldorf, 1923 /
Sammlung Deutsche Bank
© VG Bild-Kunst, Bonn 2002

Selbstbildnis (in fantastischer Gesellschaft) heißt ein Aquarell Lohse-Wächtlers, das 1931, ein Jahr vor ihrer Einweisung in die sächsische Heilanstalt Arnsdorf entstand, und nun im Rahmen der Ausstellung Man in the Middle in der Petersburger Eremitage zu sehen ist. Mit über einhundert Werken aus der Sammlung Deutsche Bank umreißt die Ausstellung das künstlerische Menschenbild des 20. Jahrhunderts (Lesen Sie dazu unseren Ausstellungsbericht). Warum Lohse-Wächtler heute als Malerin der "verschollenen Generation" wiederentdeckt wird und ihr Werk eine internationale Renaissance erfährt, verdeutlicht nicht nur die biografische Brisanz ihres Selbstportraits. Der Aufenthalt in Arnsdorf währte trotz ihrer verzweifelten Appelle an Freunde und Familie den Rest ihres Lebens: Nach einer Zwangssterilisation wurde Lohse 1940 im Zuge des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms "T4" ermordet ohne ihre Freiheit jemals wieder erlangt zu haben.



Abb. 3
Elfriede Lohse-Wächtler, um 1930


  

Abb. 4
Selbstportrait
(in fantastischer Gesellschaft), 1931
Sammlung Deutsche Bank

Umgeben von surrealen Fratzen und alptraumhaften Gestalten, die wie Rauchschwaden aus dem Pinsel in ihrer Hand emporsteigen, blickt uns auf ihrem Selbstportrait eine von Erschöpfung und Demütigung gezeichnete Persönlichkeit an. Wie bei kaum einer Künstlerin ihrer Epoche verknüpfen sich in Lohse-Wächtlers Werk seelisches Leiden und soziale Ächtung mit schöpferischer Kraft. So ist der Blick ihres Selbstportraits gleichzeitig von kühler Distanz gekennzeichnet und verrät beinahe so etwas wie stolze Verachtung für jene Gesellschaft, die sie als Wahnsinnige und Außenseiterin abstempelt. "...Ich möchte nicht vollkommen geistig verrotten. Wollt ihr mich denn erst tatsächlich in Kranksein und Moder bringen?" schreibt sie 1932 bei ihrer Einlieferung an die Eltern.

Nach Jahren des zermürbenden Existenzkampfes, in denen sie in Hamburg zeitweilig als Obdachlose auf der Straße lebte, hatte Lohse-Wächtler in ihrem Dresdner Elternhaus Zuflucht gesucht, um hier neue Kräfte zu schöpfen. Sie kehrte an eben jenen Ort zurück, dem sie bereits 1916 als wohlbehütete Bürgerstochter den Rücken gekehrt hatte, um im Umfeld von Oskar Kokoschka und Mary Wigman und der Dresdner Sezession Gruppe 1919 für Furore zu sorgen. Wächtlers auffällige Erscheinung, ihr künstlerisches Flair, das kurzgeschnittene Haar, der kurze Rock, die in der Taille mit einem Ledergurt zusammengehaltene Russenbluse wirkten auf ihre Zeitgenossen ungemein anziehend.

Der betont maskuline Habitus der pfeiferauchenden "Laus", wie sich Wächtler in Anspielung auf ihr Geburtsdatum, den 4. Dezember1899, nannte, zog nicht nur Otto Dix, sondern auch seinen Freund Kurt Lohse an, den sie entgegen aller Skepsis ihrer Bekannten 1921 ehelichte. Mit Lohse, dessen Karriere zeitlebens zwischen Gesang und bildenden Künsten schwankte, verband die Malerin eine ebenso leidenschaftliche wie auch quälende Beziehung.



Abb. 5
Elfriede Lohse-Wächtler und Kurt Lohse,
um 1921
  

Abb. 6
Elfriede Lohse-Wächtler, um 1930


Hinter der zur Schau getragenen Burschikosität Wächtlers verbarg sich ein "feinfühlender Charakter", der, so ein Zeitzeuge, die "Unzuverlässigkeit und Trägheit" ihres Mannes "mit der Nachsicht und Geduld einer echten Liebenden ertrug". Die überlieferten Abfälligkeiten Lohses, seine Missachtung gegenüber Wächtlers Schaffen, die immer häufiger in Handgreiflichkeiten eskalierten, muten im Rückblick wie eine Auseinandersetzung um künstlerische Gleichberechtigung an. Wie wenig Lohse sich damit abfinden konnte, mit einer Partnerin zu leben, die ihm professionell ebenbürtig war, sollte Elfriede Wächtler noch Jahre später erfahren, nachdem sie ihrem Mann 1925 nach Hamburg gefolgt war. "Sie gibt mir nichts, ich muss mir was Weiches und Warmes haben", vertraute Lohse seinem Freund Johannes Baader an.

Ende der zwanziger Jahre scheiterte die Ehe, die nach mehreren Abtreibungen und Fehlgeburten kinderlos geblieben war. Während Lohse sich der Tochter eines Konzertmeisters zuwandte und mit ihr mehrere Kinder zeugte, zerbrach Elfriede Wächtler allmählich an den zunehmend schlechten Lebensverhältnissen und dem wachsenden psychischen Druck. 1929 wurde sie erstmals mit einem Nervenzusammenbruch in ein psychiatrisches Krankenhaus eingeliefert.



Abb. 7
"Selbstporträt mit Zigarette", 1929, Pastell/Bleistift





Abb. 8
Elfriede Lohse-Wächtler: "Neben dem Bahngelände", ohne Jahr, Aquarell


"Ein einzigartiges, schon fast nicht mehr weiblich anmutendes Talent" vermeinte der Rezensent Robert Warneke 1932 im 'Hamburger Echo' in Wächtlers Arbeiten zu entdecken. Dieser chauvinistische Unterton könnte den heutigen Zeitungsleser beinahe belustigen, doch angesichts der damaligen Situation der Künstlerin wirkt er zynisch: Obwohl ihre expressiven Landschaftsbilder und eindringlichen Porträts (hierzu eine Auswahl des Fischer Kunsthandels) auf mehreren Ausstellungen in Hamburg gezeigt wurden und auch bei der Kritik großen Beifall fanden, war Wächtler ein Überleben durch ihre Kunst unmöglich.

Mittellos geworden war sie häufig gezwungen in Wartehallen zu übernachten. Ihr künstlerisches Interesse an den Menschen, die außerhalb der Gesellschaft standen, ließ sie, selbst schon Außenseiterin geworden, im Nachtleben Zuflucht suchen. Auf faszinierende und beklemmende Weise thematisieren Arbeiten wie Zigeunerin (1929) oder Der Anfall (1931) die Erfahrungen mit der psychiatrischen Verwahrung und das raue Leben im Hamburger Rotlichtmilieu.

Mit ihrer Abkehr von jeder bürgerlichen Konvention erschien auch ihre soziale Situation immer auswegloser. "Ich hatte das Gefühl, dass sie sich gegen etwas wehrte, den Druck von etwas Kommenden, das sie wohl ahnte wie eine Bedrohung ihrer Schaffensmöglichkeiten. Dazu kam die Zeitlage. Die immer kritischer werdende Situation um 1930 konnte am wenigsten den Stiefkindern der menschlichen Gesellschaft, den Künstlern, Zuversicht machen", schrieb ein Bekannter aus dieser Zeit. So wirkt die bedrohliche Atmosphäre in Wächtlers "Selbstbildnis" von 1932 fast prophetisch.



Abb. 9
"Selbstbildnis", 1930/31,
Pastell/Tusche
  

Abb. 10
"Zigeunerin", 1929
Farbstiftzeichnung


Die "fantastische Gesellschaft", in der sie sich befand, war nicht mehr das exaltierte Umfeld der Dresdner Boheme, sondern die zwangsverordnete "Gesellschaft" anderer Insassen in der Psychiatrie. Auch wenn ihre einstigen Freunde und ihre Angehörigen lange der festen Überzeugung waren, eine Heilanstalt wäre der richtige Platz für die vermeintlich Kranke, wurde Wächtler mit dieser Entscheidung zum Opfer gerade jener repressiven Konventionen, gegen die auch die mit ihr befreundeten Dadaisten wie Raoul Hausmann oder Richard Hülsenbeck aufbegehrt hatten. (Dazu das von den beiden mitunterzeichnete Dadaistische Manifest).

Mit dem Siegeszug des Nationalsozialismus wurde deutlich, wie relativ die im liberalen Klima der Weimarer Republik gewonnenen Freiheiten tatsächlich waren. Während Lohse-Wächtlers jahrelanger Verwahrung in Arnsdorf wurde ihr expressionistisches Werk, wie das der gesamten deutschen Moderne, von den Nazis als "entartete Kunst" beschlagnahmt, diffamiert und vernichtet.



Abb. 11
"Der Anfall", ohne Jahr, Bleistift
  

Abb. 12
"Gelage", 1931, Aquarell/Pastellkreide

Doch während andere ihrer Zeitgenossen in die innere und äußere Emigration flüchteten, war Wächtlers Schicksal mit der Stigmatisierung als psychisch Kranke endgültig besiegelt. Am 31. Juli 1940 wurde sie mit 20 weiteren Frauen im "Duschraum" der Anstalt Pirna-Sonnenstein vergast. Ihrer persönlichen und künstlerischen Freiheiten beraubt starb Elfriede Lohse-Wächtler, weil ihr Leiden einst nicht klar zu diagnostizieren war. "Schizophrenie? Transitorische Psychose einer Instablen?" vermerkte der Anstaltsarzt nach ihrer ersten Behandlung 1929 in Ermanglung eines eindeutigen Befundes.
Heute würde man wohl eine andere Diagnose stellen: gelegentlicher Verfolgungswahn, Reizbarkeit, Arbeitswut, Überlastung, Burn-out-Syndrom, verstärkt durch schlechte Ernährung.


Ausgewählte Literatur zu Elfriede Lohse-Wächtler:

Sibylle Duda, Elfriede Lohse-Wächtler (1899-1940) - Das seltsame Rätselbild des Menschen zu begreifen, in: S.Duda/ L.F.Pusch, Wahnsinns Frauen, Bd.3, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999.

Ingrid von der Dollen, Malerinnen im 20.Jahrhundert - Bildkunst der "verschollenen Generation", Hirmer Verlag, München 2000.


Bildnachweis:

Abb. 1, 2 und 4: Bildarchiv der Sammlung Deutsche Bank.
Abb. 3, 5, 6, 8, 9 und 11: Bernd Küster (Hrsg.), Malerinnen des 20. Jahrhunderts, Bremen 1995.
Abb. 7 und 12: Ingrid van der Dollen, Malerinnen im 20. Jahrhundert. Bildkunst der 'verschollenen' Generation, München 2000.
Abb. 10: Bildarchiv Fischer Kunsthandel, Berlin.


© Marianne Rosowski, Hamburg
© Förderkreis Elfriede Lohse-Wächtler, Hamburg