In dieser Ausgabe:
>> Il Ritorno dei Giganti
>> Lyonel Feininger: Strollers – The Passing Scene
>> Sugimoto - Imitation of Life

Im Archiv:
>> Man in the Middle
>> Chillida Tapies
>> Landschaften eines Jahrhunderts

 

Lyonel Feininger:
Strollers – The Passing Scene

Frühe Zeichnungen und Drucke 1906–1921
22. Oktober – 12. Dezember 2002

Die Deutsche Bank Lobby Gallery in New York präsentiert eine Ausstellung mit Arbeiten von Lyonel Feininger (1871–1956), die eine Übersicht über die frühen Zeichnungen und Drucke des amerikanischen Künstlers vermittelt, welche sich der menschlichen Figur widmen. Feininger wurde in den Vereinigten Staaten geboren, siedelte jedoch als junger Mann nach Deutschland über, wo er schließlich fünfzig Jahre blieb.

Strollers – The Passing Scene besteht aus vierzig Skizzen, ausgeführt in Bleistift, Tusche, Aquarell und Farbkreide sowie aus einigen Holzschnitten. Jede dieser Arbeiten zeigt Feiningers präzise Beobachtungen von Menschen im Alltagsleben und vermittelt auf oftmals erfrischende Art und Weise den Einfluß von Feiningers früher Betätigung als Karikaturist. Feininger hat sein Leben lang gezeichnet – er hat Menschen auf der Straße, in Cafés, oder in Gruppen beobachtet – und nannte diese Zeichnungen Naturnotizen (nature notes). Die Figuren sind oft in die Länge gezogen oder im Verhältnis zu ihrer Umgebung übertrieben vergrößert. Da sie sehr rasch skizziert sind, erwecken sie den Eindruck von flüchtigen Augenblicken im Fluß der Zeit. Seine Zeichnungen, so sagt Feininger selbst: „…zeigen die Realität, wie ich sie erfahren habe – während für mich die ‚wirkliche Realität‘, wenn ich zufälligerweise dieselbe Situation ein zweites mal erlebe, trostlos erscheint, getrübt von unangenehmen Erinnerungen.“



Passerby with cane, profile 1909, Farbstift auf Papier
© VG Bild-Kunst, Bonn 2002


Lyonel Feininger wurde1871 in New York geboren. 1887 siedelte er nach Deutschland über, um zu studieren, wo er rasch Karriere als Karikaturist und Zeichner für deutsche Zeitungen machte. Mit einem Auftrag der Chicago Sunday Tribune für zwei Comic-Strip-Folgen ging er im Jahr 1906 nach Paris, wo er die Werke von Cézanne und van Gogh entdeckte. In Paris entschied er sich, Maler zu werden und kehrte 1908 zurück nach Berlin. Später wurde er ausstellendes Mitglied der Berliner Sezession, nahm an Treffen der expressionistischen Avantgarde-Gruppe Die Brücke teil und mietete 1913 ein Atelier in Weimar an. In jener Zeit erkundete er die Umgebung von Weimar und fertigte zahlreiche Skizzen von Dörfern an, die wichtige Grundlagen für künftige Ölbilder und Aquarelle werden sollten.

1917 zog Feininger nach Braunlage im Harz, wo er überwiegend Holzschnitte anfertigte (durch den Krieg bedingt, waren Farben teuer geworden, während an Holz leichter heranzukommen war). Im selben Jahr hatte er seine erste Einzelausstellung in der Berliner Galerie Der Sturm. 1919 wurde Feininger von Walter Gropius eingeladen, die Leitung des Grafik-Fachbereichs am Staatlichen Bauhaus zu übernehmen. Hier unterrichtete er bis zur Schließung des Bauhauses im Jahr 1932. Nach beinahe fünfzig Jahren kehrte er 1937 in die Vereinigten Staaten zurück, wo er sich schließlich in New York niederließ. In den frühen vierziger Jahren begann Feininger in seiner Malerei einen abstrakten, grafischen Stil zu entwickeln. 1944 zeigte das New Yorker Museum of Modern Art eine umfangreiche Retrospektive von Feininger und Marsden Hartley. 1949 stellte Feininger gemeinsam mit Jacques Villon im Museum of Contemporary Art in Boston aus. 1955 wurde er zum Mitglied des National Institute of Arts and Letters ernannt. Im Januar des folgenden Jahres verstarb der Künstler in seiner New Yorker Wohnung im Alter von 84 Jahren.



Eilige Leute (People Hurrying), 1914
© VG Bild-Kunst, Bonn 2002


Die Ausstellung zeigt ebenfalls mehrere frühe kleine Fotografien, die der Künstler von Passanten gemacht hat sowie eine von ihm selbst geschnitzte Spielzeug-Eisenbahn. Diese seltenen Artefakte erlauben es dem Betrachter, die vielfältigen Ebenen nachzuvollziehen, in denen Feiningers künstlerische Neugierde zum Ausdruck kam.

Strollers – The Passing Scene wurde von dem bekannten Feininger-Experten Achim Moeller kuratiert, aus dessen Sammlung die Exponate ausgewählt worden sind. Herr Moeller arbeitet derzeit an einem Gesamtkatalog der Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle Feiningers. Lesen Sie hierzu auch eine Ausstellungsbesprechung des New Yorker Kritikers N.F. Karlins im artnet Magazin.


Die Deutsche Bank Lobby Gallery ist täglich von 9-17 Uhr geöffnet und befindet sich im Erdgeschoß 31 West 52nd St. zwischen Fifth Avenue und Sixth Avenue in New York City. Der Eintritt ist frei.


Übersetzung: Christian von der Goltz