In dieser Ausgabe:
>> Sugimoto - Imitation of Life
>> Man in the Middle

Im Archiv:
>> Chillida Tapies
>> Landschaften eines Jahrhunderts
>> Il Ritorno dei Giganti

 

Deutsche Moderne in der Eremitage

Erstmals werden mit Man in the Middle in der Petersburger Eremitage Werke der deutschen Moderne bis hin zu zeitgenössischer Fotografie präsentiert. Ein Bericht zur Eröffnung und über die Begegnung mit dem russischen Kurator Boris Asvarisch.



Ausstellungsbesucher vor "Ideal" von Bernhard Prinz

"Gute Kunst kann nur von einem Künstler stammen, der mindestens 500 Jahre tot ist", hatte Boris Asvarisch bei unserem ersten Treffen in Frankfurt gesagt. Asvarisch ist seit fast vierzig Jahren Kurator für deutsche Kunst in der Eremitage. Gerade aus London zurückgekehrt, trifft er sich nun für die letzten Vorbereitungen zur Schau der Deutschen Bank in der Eremitage mit den Kuratoren der Sammlung Deutsche Bank Dr. Ariane Grigoteit und Friedhelm Hütte in St. Petersburg. Asvarischs Büro ist groß für die hiesigen Verhältnisse: Biedermeiermöbel, die mit rotem Samt bezogen sind, ein großer Ebenholzschreibtisch, Pflanzen, die sich durch den gesamten Raum ranken, ein faszinierender Blick auf die Newa und ein Computer in der Ecke, der dem vielsprachigen Asvarisch Kontakte in die ganze Welt erleichtert.

An der Wand hängt neben einem aquarellierten Porträt Asvarischs das 73 x 57 cm große Ölgemälde Johann Wolfgang Goethes von Ferdinand Jagemann und beäugt sanft unsere Mitbringsel, etwa den Kataloge über die Familie Riepenhausen. Wir sind hier, um über die Hängung der Ausstellung Man in the Middle aus der Sammlung Deutsche Bank zu sprechen, die ab dem 14. September im Alexander Saal der Eremitage zu sehen sein soll. Liebenswürdig reicht uns Asvarisch russische Bonbons, Wodka sowie winzige Äpfel von der Datscha seiner Frau. Seiner Anregung folgend wird sich die Ausstellung in Sankt Petersburg auf die deutsche Kunst konzentrieren: Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen und Fotografien.



Ausstellungsansicht, Eremitage, St. Petersburg

Gezeigt werden sie in einem der größten und prächtigsten Museum der Welt. Der Winterpalast – das Hauptgebäude der Eremitage – wurde zwischen 1754 und 1762 von dem Architekten Bartolomeo Rastrelli gebaut. Den schönsten Blick hat man vom Dach der Festung Peter-und-Paul auf der anderen Seite der Newa: Vor sich den unwahrscheinlich tiefblauen Fluss, dahinter den prächtigen weiß-grün-goldenen Palast, gebadet in einem Licht, das nur ein Dichter beschreiben kann, über sich einen strahlend hellblauen Himmel und unter sich das Gefängnis, in dem Fjodor Michailowitsch Dostojewski 1849 auf seine Hinrichtung wartete. Es ist ein hinreißender Anblick, der schönste Platz der Welt - hätte Zar Peter I. bei der Erbauung Petersburgs nicht nur die Sümpfe, sondern auch die Mücken besiegt.

Auch die Räume lohnen einen Besuch, selbst wenn man sich keine Bilder ansehen möchte. Allein der Goldene Salon ist eine Reise nach Petersburg wert. Heute residiert das Museum in sieben Gebäuden: Dem Winterpalast, kleiner, großer und neuer Eremitage, dem Theater, dem Menschikow-Palast und einem Teil des Generalstabsgebäudes, die insgesamt 3 Millionen Exponate beherbergen. (Die Internetadresse der Eremitage bietet einen ausgezeichneten Überblick über die Sammlung, die nicht nur Gemälde und Skulpturen, sondern auch Waffen, Schmuck und Münzen umfasst.)



Ausstellungsbesucherin vor Karl Hofers "Arbeitslose"

Die Deutschen haben an dieser herausragenden Sammlung keinen kleinen Anteil. Die erste große Kunstsammlung für die Eremitage mit 225 Gemälden kaufte Katharina die Große von dem Berliner Seiden- und Porzellanfabrikanten Johann Gotzkowski, der die Bilder eigentlich für Friedrich II. gesammelt hatte. Nach dem Siebenjährigen Krieg war der preußische König jedoch so verschuldet, dass er die Kollektion nicht mehr bezahlen konnte. Katharina, so heißt es, war sehr zufrieden, der Welt beweisen zu können, dass sie es sich leisten konnte. Auch die zweite große Sammlung kam von einem Deutschen, dem Grafen Heinrich von Brühl. Sie umfasste eine gewaltige Anzahl von Drucken und Zeichnungen sowie über 600 Gemälde, darunter Rembrandts Porträt eines Gelehrten, Rubens' Perseus und Andromeda, Antoine Watteaus Der unwillkommene Heiratsantrag, Landschaften von Salomon van Ruysdael und Tiepolos Maecenas Presenting the Arts to Augustus. Selbst die Deutsche Bank darf sich eines bescheidenen Anteils am deutsch-russischen Kulturaustausch rühmen (siehe die Rede von Herrn Breuer zu 25 Jahre deutsch-russischer Kulturaustausch).



Deutsch-Russische Begegnungen bei der Eröffnung

Die zeitgenössische Kunst hat es allerdings schwer in St. Petersburg. Boris Asvarisch steht mit seiner Skepsis nicht allein. In ganz St. Petersburg gibt es dafür kaum große Aufmerksamkeit. Die entsprechenden Galerien sind rar, und selbst im etwas rührigeren Moskau hat es bisher nur eine einzige Galeristin zu internationalem Bekanntheitsgrad gebracht. Und nun dies: Erstmals wird in der Eremitage eine Ausstellung deutscher Kunst des 20. Jahrhunderts bis hin zu großformatigen aktuellen Fotografien zusehen sein - und darüber hinaus erstmals eine Ausstellung einer deutschen Unternehmenssammlung.



Eröffnung der Ausstellung durch Frau Dr.Grigoteit und Michaiel Pietrovski, Direktor der Eremitage in St. Petersburg