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Ironischer Alchemist
Zum Tode von Sigmar Polke



Ein Künstler im psychedelischen Wunderland – zwischen Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll, Hippie-Kultur und politischem Aktivismus. Die dreiteilige Retrospektive der Hamburger Kunsthalle zeigte 2009/10 eine Seite von Sigmar Polke, die Viele noch nicht kannten. Dabei bilden seine Arbeiten aus den 1970er Jahren eine Art Scharnier zwischen dem "Kapitalistischen Realismus" der sechziger Jahre und seinen Farbexperimenten der Achtziger. Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen, von der Association of Art Critics zur Ausstellung des Jahres gewählt, wurde seine zu Lebzeiten letzte große Schau. Trotz schwerer Krankheit hat er noch intensiv daran mitgearbeitet. Jetzt ist Sigmar Polke nach langem Krebsleiden im Alter von 69 Jahren in Köln gestorben.

Neben Gerhard Richter galt Polke als bedeutendster deutscher Maler der Gegenwart. Gemeinsam hatten sie in ihrer Zeit an der Düsseldorfer Kunstakademie 1963 den "Kapitalistischen Realismus" proklamiert. Beide waren aus der DDR geflohen, beide reagierten mit ihren Werken auf den dort propagierten Sozialistischen Realismus, aber auch auf Informel, die abstrakte Antwort des Westens auf die Kunstdoktrin des Ostens. Sie entwickelten eine spezifisch deutsche Version der amerikanischen Pop Art, mit der sie den Muff der Adenauerjahre aufs Korn nahmen. Statt Brillo-Boxen adaptierte Polke Motive aus der Bäckerblume, statt mit Siebdruckverfahren zu arbeiten, malte er seine Rasterbilder Punkt für Punkt mit der Hand. Von Beginn an spielten Stil- und Motivzitate für ihn eine wichtige Rolle. Er verarbeitete Medienbilder, Illustrationen, Comics. Auf billigen Dekorationsstoffen zitierte er die bundesdeutsche Wirtschaftwunderästhetik mit ihren Flamingos, Leopardenfellmustern, Palmenwedeln und lieferte subversive Kommentare zu kleinbürgerlichen Sehnsüchten.

Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen! heißt sein wohl berühmtestes, 1969 entstandenes Gemälde. Es zeigt was der Titel verkündet: eine minimalistische weiße Leinwand, auf der unten sorgsam der Titel vermerkt und deren rechte Ecke vorschriftsgemäß in schwarz getaucht wurde. Das Bild ist eine ironische Antwort auf den Mythos vom Künstlergenie, das allein von seiner Inspiration getrieben Meisterwerke schafft. Witz und Ironie kennzeichnen sein Werk seit den Anfängen. So auch Optimierung, eine Siebdruckedition, die er als Künstler des Geschäftsjahres eigens für die Sammlung Deutsche Bank anfertigte: Ein Bogenhanf hockt auf der Fensterbank. Hinter der biederen Beamtenblume ein Muster, das an Zahlenreihen denken lässt. Links oben der Schriftzug "Optimierung". Darauf, dass die Angestellten vielleicht ganz andere Dinge im Kopf haben, als noch produktiver zu arbeiten, verweist das freizeitliche Motiv, das Polke wie eine Sprechblase in seine Komposition eingefügt hat: Besucher eines Schwimmbads formieren sich gut gelaunt für ein Gruppenfoto. So erscheint Optimierung als Persiflage auf die Welt der Büros, der Zahlen und Banken.

Polkes Arbeiten wurden schon früh für die Sammlung Deutsche Bank angekauft. Im Turm A des Hauptsitzes der Bank in Frankfurt war ihm die komplette 21. Etage gewidmet und in zahlreichen Ausstellungen wie Aus deutscher Sicht, Man in the Middle, Blind Date oder Drawing a Tension waren seine Papierarbeiten zu sehen. Auch zu dem Konvolut von 600 bedeutenden Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank, die zur Eröffnung des Erweiterungsbaus Anfang 2011 an das Frankfurter Städel Museum übergeben werden, gehören zahlreiche Werke von Polke. 1994 war er Künstler des Geschäftsjahres – seine Arbeiten aus der Sammlung illustrierten den Geschäftsbericht und wurden in einer Wanderausstellung in zahlreichen Bankfilialen gezeigt.

Was Polkes Werk bis zum Schluss ausgezeichnet hat, war seine ungebrochene Experimentierfreude. Untersuchte er zunächst die Wirkung der unterschiedlichsten Motivkombinationen, arbeitete er in den 1980er Jahren mit bleihaltigen Substanzen, Silbernitrat, Schellack, Eisenglimmer, sich verändernden Thermo- und Hydrofarben. Die sogenannten Materialbilder brachten ihm den Ruf eines Alchemisten ein. So zeigte er im deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig 1986 wärmeempfindliche Bilder, die je nach Temperatur in anderen Farben leuchteten, wofür er mit dem "Goldenen Löwen" für die beste künstlerische Leistung ausgezeichnet wurde.

Sein Witz und Stilpluralismus, die Verwertung des Bilderkanons sowohl der Kunstgeschichte asl auch der Medien haben eine ganze Künstlergeneration geprägt. 1975 begann er an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg zu unterrichten. Albert Oehlen, Werner Büttner, Georg Herold oder Martin Kippenberger verbringen ihre Zeit mit ihm allerdings nicht an der Hochschule, sondern in Kneipen wie Vienna und Gans. In der Ära von Punk und New Wave erschien Polkes ironischer Witz, die Verweigerung, sich festlegen zu lassen, und nicht zuletzt seine Bildtitel wie Original und Fälschung 21, Frau im Spiegel, Wer hat noch nicht, wer will noch mal als absolut zeitgemäß.

Sein letztes öffentliches Projekt vollendete er 2009 für das Zürcher Grossmünster: Sieben Kirchenfenster wurden aus Achatschnitten gefertigt, fünf weitere wurden in Glas gearbeitet und zeigen alttestamentarische Figuren. Polke blieb sich treu: die "abstrakten" Achatfenster knüpfen einerseits an spätantike Traditionen an, doch die Steine wurden durch chemische, "alchimistische" Prozesse veredelt, was ihnen eine noch intensivere Farbigkeit verlieh. Für die Glasfenster arbeitete er Motive aus der romanischen Buchmalerei und Fotografien am Computer um. Mit diesem Projekt schloss sich ein Kreis: Bevor Polke an der Kunstakademie Düsseldorf zu studieren anfing, war er bei einem Glasmaler in die Lehrer gegangen.




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