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Buckminster Fuller:
Pragmatische Utopien für das Raumschiff Erde


Erfinder, Architekt, Philosoph, Dichter, globaler Denker – Richard Buckminster Fuller entzieht sich jeder Kategorisierung. Der amerikanische Visionär gilt als wichtiger Impulsgeber für die aktuelle Architektur und Vordenker der Öko-Bewegung. Sein Werk inspiriert aber auch zeitgenössische Künstler wie Olafur Eliasson oder Andrea Zittel. Achim Drucks über einen pragmatischen Optimisten, der gleichermaßen vom Pentagon wie von den Hippies geschätzt wurde.


Mit 32 Jahren scheint er bereits am Ende zu sein. Richard Buckminster Fuller hat weder Job noch Geld, gerade ist seine Tochter gestorben. Doch dann überkommt ihn eine quasi-religiöse Erweckung. Eine innere Stimme verkündet: "Du gehörst nicht dir selbst. Du gehörst dem Universum." Statt sich im Lake Michigan zu ertränken, wird er sein Leben von nun an ganz dem Allgemeinwohl widmen. So beginnt Fuller 1927 ein Langzeit-Experiment, das bis zum Tod von "Guinea Pig B" – wie er sich selbst gerne bezeichnet – im Jahre 1983 andauern wird. Sein Ziel: "herauszufinden, wie viel ein Individuum dazu beitragen kann, die Welt zum Nutzen der gesamten Menschheit zu verändern." Dabei entwickelt sich der gescheiterte Harvard-Student, Ex-Marinefunker und Bankrotteur zum "Leonardo da Vinci unserer Zeit", wie ihn der Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan betitelt.

Ein Portfolio aus der Sammlung Deutsche Bank zeigt 13 von Fullers patentierten Erfindungen: das Dymaxion Fertighaus, das stromlinienförmige Dymaxion Car, seine berühmten, Geodesic Domes genannten Kuppelstrukturen sowie eine schwimmende Stadt und Modelle für Konstruktionen, die 1959 im Skulpturengarten des New Yorker MoMA zu sehen waren. Jeder der 13 Siebdrucke des Portfolios besteht aus zwei Blättern: Den Hintergrund bildet eine Fotografie des jeweiligen Projekts. Darüber liegt eine durchsichtige Polyesterfolie, auf der verschiedene Konstruktionszeichnungen in weißer Tinte aufgedruckt sind. Machart und Motive der Serie, die auch 2008 in der großen Fuller-Retrospektive des New Yorker Whitney Museums zu sehen war, veranschaulichen die ganze Dynamik dieser Entwürfe. Die Bezeichnung Dymaxion – ein Fantasiewort aus DYnamic - MAXimum - tensION – charakterisiert den zukunftsweisenden Geist dieser Konzepte, in denen sich Wissenschaft, Technik und Design mit visionärem Denken verbinden. So nimmt er etwa mit seinen Ideen von Vernetzung und Synergieeffekten Elemente der Cyber-Kultur vorweg.

Fuller versteht sich selbst als "anticipatory design scientist". Während Architekten wie Philip Johnson den Autodidakten herablassend als Erfinder, Guru oder Poeten bezeichnen, ihn aber nicht als Mitglied ihrer Zunft akzeptieren, stößt sein interdisziplinärer Ansatz bei Künstlern auf starkes Interesse. Für die Modelle seines Dymaxion Car arbeitet er mit dem Bildhauer Isamu Noguchi zusammen, Josef Albers lädt ihn 1948 ein, am legendären Black Mountain College zu unterrichten. Hier beginnt er auch mit geometrischen Grundformen zu experimentieren, woraus seine 1954 patentierten Geodesic Domes resultieren. Während die Dymaxion-Projekte kaum über das Modell- oder Prototypenstadium hinauskommen, werden die Kuppeln zu Fullers erfolgreichster Erfindung. Perfekt verkörpern die aus einem filigranen Netz aus Dreiecken zusammengefügten Gebilde seine pragmatische Devise "Doing more with less": Die gestellte Aufgabe soll möglichst Ressourcen schonend gelöst werden. Es gilt, mit minimalem Energie- und Materialaufwand maximale Effizienz zu erzielen.

Neben dem Militär, das die geodätischen Kuppeln vor allem als Radarstationen nutzt, begeistern sie auch die Aussteiger der Hippie-Szene. Die utopische Kommune Drop City baute sich im ländlichen Colorado ein Dorf aus von Fuller inspirierten Domes. "Mit wenigen Ressourcen, aber viel Idealismus und der Überzeugung, sie seien 'totale Revolutionäre', glaubten die Bewohner von Drop City, dass sie Kuppel für Kuppel 'die Welt neu erschaffen' – als offene, gemeinschaftliche Gesellschaft", so Felicity D. Scott in ihrer Studie Architecture or Techno-Utopia.

Ikonisch ist Fullers Dome für die Weltausstellung 1967 in Montreal. Eine gigantische, doch beinahe immateriell wirkende Konstruktion aus Acrylglas und Aluminium, die zum Symbol für technologischen Fortschritt und das Raumfahrtzeitalter wird. In dem Amerikanischen Pavillon ist neben Werken von Andy Warhol oder Barnett Newman auch Jasper Johns' aus 22 shaped canvases zusammengesetztes Gemälde Map zu sehen. Es basiert auf Fullers Dymaxion World Map, die eine wesentlich realistischere Darstellung der Erdoberfläche bietet als konventionelle Landkarten.

Auch viele zeitgenössische Künstler beziehen sich in ganz unterschiedlicher Weise auf Fuller. Während Pedro Reyes in seinen Skulpturen oder Projekten wie dem Parque Vertical (2002) oder dem als Auto-Alternative gedachtem Velotaxi (2007) an Fullers biomorphe Strukturen und sein Dymaxion Car anknüpft, bezieht sich Andrea Zittel auf dessen Fertighäuser. Bei ihren Living Units handelt es sich um kleine, kompakte Wohneinheiten. Mit Stauraum und Bereichen für Essen, Schlafen, Waschen oder soziale Aktivitäten dienen sie zur Rationalisierung des Alltags. Ähnlich wie Fuller verfolgt Zittel dabei einen experimentellen Ansatz, indem sie die verschiedenen Units tatsächlich ein Jahr lang selbst testet.

Fullers Architekturvisionen, wie die schwebende Stadt Cloud Nine, aber auch Yona Friedmans flexible Ville Spatiale, die sich über bereits bestehenden Städten ausbreitet, haben das Werk von Tomas Saraceno inspiriert. Für den Frankfurter Portikus kreierte der Argentinier 2006 einen Flying Garden, für die Schau Psycho Buildings in der Londoner Hayward Gallery sein Observatory, Air-Port-City, 2008 – eine transparente geodätische Kuppel, die die Ausstellungsbesucher begehen konnten. Saracenos Air Port City ist als bewohnbare Plattform gedacht, die wie eine Wolke in der Luft schwebt und ihre Form verändern kann. Die Luft-Stadt versteht der Künstler als heute noch utopisch anmutende, aber irgendwann durchaus realistische Antwort auf Bevölkerungswachstum und Klimawandel.

Mit diesen Herausforderungen hat sich Fuller schon früh auseinandergesetzt. Bereits in den 1950ern prägt er den Begriff spaceship earth – als Metapher für eine globale Sicht auf das ökologische System unseres Planeten. Sein populäres Buch Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde (1969) lässt ihn zum Guru der beginnenden Öko-Bewegung werden, er gilt als einer der ersten Propagandisten der Nachhaltigkeit. Diesem eindimensionalen Bild stehen allerdings Entwürfe wie die 4D-Towers entgegen – in den späten 1920ern konzipierte Fertighäuser, die ein Zeppelin an ihrem Bestimmungsort absetzen sollte. Dort werden sie in einem Krater verankert, für den eine zuvor abgeworfene Bombe gesorgt hat. Fuller entwickelt auch Pläne für die Besiedlung der Polkappen oder unberührter Hochgebirgsregionen, um der Menschheit neue Siedlungsräume zu erschließen. Für sein Harlem Redesign (1965) platziert er ein Ensemble aus kühlturmförmigen Hochhäusern mitten in dem damals völlig heruntergekommenen Stadtviertel. Die Megastrukturen dieses Instant Slum Clearance Projects nehmen keinerlei Rücksicht auf die vorhandene Bausubstanz und demonstrieren einen fast gewalttätigen Absolutheitsanspruch.

Trotzdem prägen Fullers eleganten Geometrien, die zukunftsweisenden Konstruktionsprinzipien sowie sein ganzheitliches Denken die aktuelle Architektur. Seien es nun Norman Fosters dank seines Netzes aus dreieckigen Fenstern an einen gigantischen Tannenzapfen erinnernder Turm in der Londoner City oder Santiago Calatravas Kuppelbau L'Hemisfèric für ein Science Center in Valencia – es scheint, als kämen innovative Bauten heute kaum ohne einen Verweis auf Fullers biomorphe Formen aus. Im Bereich der Kunst hat er das Werk von Olafur Eliasson wohl am deutlichsten geprägt, auch durch eine persönliche Verbindung. Zu den wichtigsten Mitarbeitern in Eliassons laborartigem Berliner Studio gehört Einar Thorsteinn. Der isländische Architekt hat nicht nur eng mit Frei Otto, dem Schöpfer der schwebenden Dachkonstruktionen für das Münchner Olympiagelände, zusammengearbeitet, sondern auch mit Fuller.

Ein Bestandteil von Eliassons Retrospektive Take your time 2008 im New Yorker MoMA war die Installation Model Room. Sie versammelte Dutzende jener komplexen geometrischen Formen, die an Kristallgitter, die Einzeller auf Ernst Haeckels naturkundlichen Illustrationen und die Erfindungen Fullers erinnern, die ja auf Konstruktionsprinzipien der Natur basieren. Aus diesen zusammen mit Thorsteinn realisierten Modellen entstehen Eliassons Kuppeln, Spiralen, Ellipsoiden oder die dynamischen Metallskulpturen und kaleidoskopartigen Spiegelarbeiten, die er 2003 im dänischen Pavillon auf der Venedig-Biennale installierte. Für The inverted mirror sphere kreuzte er 2006 einen Dome mit einer Discokugel.

Eliasson teilt auch Fullers interdisziplinären Ansatz: "Die Kunst hat ihre Fähigkeit wiederentdeckt, ihr Programm immer wieder neu zu definieren und auch der Architektur-Diskurs hat sich für andere Fachrichtungen geöffnet", erklärte er 2002 im Gespräch mit Hans-Ulrich Obrist. "Deshalb ist es für die Erweiterung meiner künstlerischen Arbeit von entscheidender Bedeutung, mit Architekten, Ingenieuren und anderen Experten zusammenzuarbeiten." So sprengt Eliasson immer stärker den traditionellen Werkbegriff. Seine zwischen Natur, Wissenschaft, Architektur und Event angesiedelte Kunst dynamisiert das Verhältnis zwischen Werk und Betrachter, indem sie unmittelbare sinnliche Erfahrungen ermöglicht.

In Berlin hat Eliasson jetzt ein Institut für Raumexperimente initiiert – als logische Konsequenz seiner künstlerischen Praxis. Wie sein Werk und sein Studio versteht er auch den Lehrbetrieb als Experiment. Eliasson ist davon überzeugt, dass Innovationen mit kleinen Schritten beginnen: "Wenn entscheidende Veränderungen auf einer mikroskopischen Ebene stattfinden, kann sich mit der Zeit eine ganze Gesellschaft oder Weltsicht ändern." Auch diese Vorstellung verbindet ihn mit Fuller, der 1969 ein ganz entscheidendes Statement machte: "Die wichtige Tatsache, die das Raumschiff Erde betrifft: Es wurde keine Bedienungsanleitung mitgeliefert." Als Besatzung dieses Raumschiffs liegt es also in der Verantwortung der Menschheit, herauszufinden, wie es sich am besten steuern lässt und wie man die sich ständig verändernden Herausforderungen am besten meistert. Fuller glaubte fest daran, dass wir die Möglichkeit besitzen, selbst unlösbar scheinende Probleme zu bewältigen, eben durch visionäres, experimentell orientiertes Denken, aus dem technologischer Fortschritt resultiert. Das macht seine pragmatischen Utopien gerade jetzt so wichtig – nicht nur für Künstler.




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