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Michael Craig-Martin:

Das Lustprinzp



Er ist einer der einflussreichsten, lebenden Kunstprofessoren Großbritanniens. Und oft wird Michael Craig-Martin als der geistige Ziehvater der Young British Artists verstanden. Alistair Hicks, Kurator der Londoner Sektion der Sammlung Deutsche Bank, traf den legendären 67-jährigen Professor vom Goldsmiths College in London und sprach mit ihm über die Förderung des Potentials junger Künstler, die Dynamik künstlerischer Lust und Damien Hirst, seinen berühmtesten Schüler.


Zwei Wochen vor Damien Hirsts geschichtsträchtiger Sotheby-Auktion gab Michael Craig-Martin folgendes zu bedenken: "Ein Künstler zu sein bedeutet, sein Leben in erster Linie aus einer Arbeit zu gestalten, für die man sich selbst entschieden hat. Es ist nicht möglich, das Engagement beizubehalten, das dies erfordert, ohne dass man dabei eine Art von Lust empfindet. Ich spreche nicht von Spaß. Das Produzieren von Kunst kann ebenso langweilig wie deprimierend sein. Aber die Essenz ist Lust." Eine von Craig-Martins Leistungen ist es, diese Art von Lust seinen Studenten am Goldsmith College der University of London zu vermitteln. Er ermuntert sie, die lustverschaffenden Aspekte ihrer Arbeit zu erkennen und zu schätzen. Hirst, sein berühmtester Schüler, hat sich diese Lektion offensichtlich zu Herzen genommen. Davon zeugt auch sein Bild Michael with Diamond Skull (2008), das letzte Los der Auktion, Nr. 287, der ultimative Abschluss der Blockbuster-Veranstaltung. Wer hat das frechere Lächeln – der Diamantenschädel oder der Kunstprofessor?

Craig-Martin ist vor allem für drei Dinge berühmt: Seine frühe Konzeptkunst, zu der die Installation An Oak Tree (1973) gehört, die von der australischen Zollbehörde als biologisches Gefahrengut konfisziert wurde, obwohl sie aus nichts mehr als einem Glas Wasser bestand; seine Erfindung eines grafischen Stils im Jahr 1978, der noch unpersönlicher ist als der von Warhol, Caulfield und Lichtenstein; und schließlich seine Professorentätigkeit am Goldsmith College zwischen 1974 und 1988. 1993 kam er als Millard Professor of Fine Arts zurück an die University of London. Er verhalf vielen Young British Artists zu ihrer Karriere und unterrichtete unter vielen anderen Angus Fairhurst, Mat Collishaw, Gary Hume, Sarah Lucas und Simon Patterson. Sein Erfolg beruht, so heißt es oft, auf nüchternem analytischem Denken, doch er selbst schreibt ihn dem Lustprinzip zu.

Seine erste Professur erhielt der Künstler 1966 an der Bath Academy, damals noch in Corsham im Süden Englands ansässig. Obwohl er in Irland geboren wurde, wuchs er im wohlhabenden Amerika auf, wo er auch studierte. Als er ins swingende, aber relativ arme Großbritannien zog, war er plötzlich "sehr viel ärmer als jeder, den ich jemals getroffen hatte", wie sich Craig-Martin in einem Interview mit dem amerikanischen Kunstkritiker Brian Sherwin von myartspace.com erinnerte. "Corsham war eine außergewöhnlich gute Kunsthochschule, und das sich damals entwickelnde britische System der Kunstausbildung war wirklich außerordentlich. Ich traf auf viele Professoren, britische Künstler, die von ihrer eigenen Ausbildung zutiefst enttäuscht waren. Sie waren extrem motiviert, neue Formen des Unterrichtens zu entwickeln und den jungen Künstlern die Chancen zu eröffnen, die sie selber nicht hatten. Im Vergleich dazu hatte ich das Gefühl, dass meine Ausbildung in Yale im amerikanischen New Haven unglaublich hilfreich gewesen war. Ich kam dort an, als dort das Erbe von Josef Albers noch stark zu spüren war. Das hatte mir ein Gefühl dafür gegeben, was Kunstunterricht bedeuten kann,"

In einem früheren Interview erklärte Craig-Martin: "Die Professoren, die mir am meisten geholfen haben, waren Al Held, Alex Katz, Jack Tworkov und Neil Welliver. Zu meinen Mitstudenten zählten Künstler wie Brice Marden, Chuck Close, Richard Serra, Jon Borofsky, Jennifer Bartlett oder Victor Burgin. Ich glaube, dass Mitstudenten ebenso wichtig für die künstlerische Entwicklung sind wie Professoren, vielleicht sogar noch wichtiger." Diese Lektion, die Anerkennung und Förderung des kreativen Potentials der Studenten, prägte Craig-Martin. "Das einzige Mal, dass man als Künstler in einer wirklich dynamischen, sozialen und kreativen Umgebung lebt, ist an der Kunsthochschule. Zu viele Studenten ziehen sich allerdings zurück und grenzen sich zum Selbstschutz ab, aber das kann man doch den Rest seines Lebens machen. Ich habe immer versucht, die Kommunikation unter den Studenten zu fördern und ihnen gesagt: Wenn ihr etwas bei einem Mitstudenten seht, das euch gefällt, dann bleibt stehen und sagt es ihm."

Craig-Martin war in den 1970er und 1980er Jahren nur einer von vielen Professoren am Goldsmiths College. Größte Anerkennung zollt er heute Jon Thompson, dem Leiter des Instituts, der ihn überhaupt erst nach London geholt hat. Ein Großteil des Mythos von Craig-Martin als YBA-Guru basiert auf seiner klaren Reduktion von Ideen und Konzepten. Er bestreitet allerdings, dass ein anderer Teil dieses Mythos wahr ist. Nie hätte er mit seinen Studenten darüber diskutiert, wie man in der Kunstwelt erfolgreich werden kann. "Bis in die frühen 1990er gab es im Grunde überhaupt keine Kunstwelt für junge, britische Künstler. Deswegen war die Frieze auch so wichtig. Der einzige Schlüssel zum Erfolg eines Künstlers ist das Produzieren von guten Arbeiten, und am Goldmiths College haben wir versucht, unseren Studenten genau dabei behilflich zu sein." Wie man unschwer erkennen kann, hat Craig-Martin eine Schwäche für den bekannten britischen Hang zum Understatement. Zweifelsohne ist er sowohl als Künstler als auch als Kunstprofessor ein Perfektionist. Sein Blick für Details weist auf eine große Lust an der Ausführung seines anspruchsvollen Zeichenstils hin. Aber Craig-Martin spricht lieber über "gute Arbeiten", über das Entstehen von Ideen und der Kommunikation unter Künstlern.
Was für den Kunstprofessor zählt sind jene "Zeiten besonderer Chemie" wie seine eigenen Studentenjahre an der School of Art and Architecture der Yale University in den frühen 1960ern. Oder die späten 1980er am Goldsmiths College – eine "außergewöhnliche Zeit", in der es "so viele talentierte Studenten gab, die miteinander kommunizierten und sich über die Herausforderungen im Klaren waren, die jeder für den anderen präsentierte. Das war ein Nährboden für die beste Form des Wettbewerbs unter Künstlern. Wenn zum Beispiel Gary Hume ein besonders gutes Bild malte, begriffen das seine Mitstudenten als Herausforderung, so dass die Ansprüche und auch die Erwartungen an sich selbst bei jedem einzelnen allmählich anstiegen. Ich glaube, das war ein Grund dafür, warum so viele aus dieser Gruppe später einen solchen Erfolg hatten." Eine der wichtigsten Aufgaben eines Kunstprofessors ist das Erkennen künstlerischen Potentials. "Jeder hat kreatives Potential. Ich fand heraus, dass es am besten war, die Studenten so deutlich wie möglich als Künstler zu behandeln. Wenn man an einer Kunsthochschule studiert, sind die meisten Facetten deiner Persönlichkeit und deiner künstlerischen Fähigkeit schon vorhanden. Was die Studenten noch entdecken müssen, ist eine Sprache, mit der sie das zum Ausdruck bringen können – eine eigene Sprache, die für sie selbst funktioniert. Als Lehrer hat man die Aufgabe, dieses Potential herauszukitzeln, das die Studenten mitbringen. Ich habe versucht sie zu fördern. Man kann allerdings nichts erzwingen, es gibt keine Formel für künstlerische Arbeit."

Künstler zu unterrichten und Künstler zu sein, das erscheint oft wie zwei Seiten derselben Medaille. Wenn man mit Craig-Martin über die Förderung des kreativen Potentials seiner Studenten spricht, muss man an Joseph Beuys' Ausspruch denken, dass die Arbeit als Lehrer sein größtes Kunstwerk darstelle. Aber hemmt das Unterrichten nicht auch die eigene künstlerische Produktion? Obwohl Craig-Martin zugibt, bei seiner eigenen Arbeit einen gewissen Preis für seine Tätigkeit als Professor gezahlt zu haben, ist es kein Zufall, dass sich sein später Stil erst einige Jahre nach seiner Ankunft am Goldsmiths College entwickelt hat. "Es gibt keinen Zweifel, dass es eine gute Idee ist, beim Unterrichten auf sich selbst zu hören. Was man seinen Studenten sagt, ist oft genau das, was man selbst einmal gern gesagt bekommen hätte. Meine Lehre hatte große Auswirkungen auf meine Arbeit. 1978 habe ich damit begonnen, individuelle Objekte zu zeichnen. Ich habe eines nach dem anderen gezeichnet und wollte, dass die Zeichnungen denselben unpersönlichen Charakter haben wie die Objekte. Ich wollte Zeichnungen, die keinen Stil besitzen, aber ironischerweise ist es genau das, was seitdem als mein Stil betrachtet wird." Er bevorzugte die alltäglichen Dinge – Schuhe, Tische, Stühle und Sonnenbrillen – Dinge, die durch den Radar des Wichtigen fallen. In einer Anspielung auf Andy Warhol erklärt Craig-Martin: "Ich wollte etwas noch Universaleres darstellen als Marilyn Monroe!"

Die Verbindungen zwischen Warhol, Craig-Martin und Hirst sind auffällig, aber Craig-Martin besteht darauf, dass er niemals wollte, dass sich seine Schüler an seinen Arbeiten orientieren. "Das wäre eine schreckliche Beleidigung und ein Eingeständnis, dass du gescheitert bist. Es ist wichtig, dass die Studenten ihren eigenen Weg finden." Er ist fasziniert von der Entwicklung seines Ex-Studenten Hirst. "Warhol hat sein Studio 'Factory' genannt, um ironisch und provokativ zu sein. Damiens Studios sind tatsächlich Fabriken und er hat die mechanische Produktion zu einem zentralen Teil seiner Arbeit gemacht." Hier seien die Prozesse des Produzierens und Vermarktens selbst wichtiger Bestandteil der Bedeutung des Werks geworden.

Craig-Martin freut sich über Hirsts Erfolg. Er ist der Meinung, dass Künstler immer "nach einem jungfräulichen Territorium" suchen. "Ich hatte einfach Lust dazu, eine bestimmte Art von Zeichnungen zu produzieren. Ich wollte das so machen. Niemand hat mich dazu gezwungen. Aber, um immer am Ball zu bleiben, muss man neue Gebiete für sich erschließen." Wie der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan herausgestellt hat, ist der Tod der Zwillingsbruder der Lust. Es ist der verdrängte Kern jedes exzessiven Akts, sein Endergebnis und die Fantasie des Lust suchenden Subjekts. Eines der vorherrschenden Themen in Damien Hirsts Arbeit ist der Tod. Hirst selbst führt diese Auseinandersetzung auf Francis Bacon zurück, der bekanntermaßen einmal behauptet hat, jedes Mal, wenn er aufwache, an seinen Tod zu denken. Es ist jedoch wenig überraschend, dass Hirst in Michael with Diamond Skull zuzugeben scheint, dass sein unverhohlenes Bestreben, den Tod zu konfrontieren, auch von seinem Professor am Goldsmiths College angeregt wurde – seinem Lehrer, der auf das Lustprinzip setzt.

Arbeiten von Michael Craig-Martin und Damien Hirst aus der Sammlung Deutsche Bank sind Teil einer kleinen Ausstellung in der VIP Lounge der Deutschen Bank auf der Frieze Art Fair in London, welche die Beziehung zwischen Künstlern und ihren Lehrern zum Thema hat. Beide Künstler haben zudem Arbeiten für eine Auktion zugunsten des Teenage Cancer Trust (TCT) gestiftet, die am Freitag, den 17. Oktober um 17:00 in der VIP Lounge stattfindet.






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