Freeway Balconies Collier Schorrs Ausstellungsprojekt
im Deutsche Guggenheim
Mit
"Freeway Balconies" gibt Collier Schorr im Deutsche Guggenheim einen
subjektiven Einblick in eine aktuelle US-Szene, die wie sie selbst mit
performativen Mitteln oder Strategien der Appropriation arbeitet. Neben
Referenzkünstlern wie Richard Prince oder Bruce Nauman tritt ihr Werk mit
den Arbeiten von Newcomern in Dialog. "Freeway Balconies" zeigt ein ebenso
verführerisches wie verstörendes Bild amerikanischer Realität und entwirft
zugleich ein assoziatives Selbstporträt einer der herausforderndsten
Künstlerinnen der Gegenwart. Tim Ackermann stellt die Ausstellung vor.
 Ryan
Trecartin, I-Be Area (Videostill), 2007 ©
Ryan Trecartin
Das Jahr 1969 ist den USA
abseits der notorischen Woodstock-Schlammschlacht
noch in zweifacher Hinsicht in Erinnerung geblieben: Die
Vietnamkriegs-Gegner machten ihren Protest in einem Marsch auf Washington
eindrucksvoll deutlich. Und in einer New Yorker Straße namens Christopher
Street setzten sich erstmals Drag Queens und Homosexuelle gegen die
ständige Diskriminierung durch die Polizei zur Wehr – und zwar so
erfolgreich, dass sie die Ordnungshüter vom Ort des Geschehens vertrieben.
Von beiden politischen Ereignissen geht Symbolkraft aus: 1969 war das
Jahr, in dem das politisierte junge Amerika die Straße eroberte. Auch um
für die eigene selbstbestimmte Identität abseits des Mainstream zu kämpfen.
 Collier
Schorr, US Soldier, 2004 Courtesy
303 Gallery, New York
Die von der New
Yorker Künstlerin Collier
Schorr kuratierte Ausstellung Freeway Balconies im Deutsche
Guggenheim verdankt ihren Titel einer Gedichtzeile des Beatpoeten Allen
Ginsberg: Sie wirkt wie ein Road Trip in diese amerikanische
Gegenkultur. Die von Ginsberg besungenen Balkone am Freeway – der
innerstädtischen amerikanischen Autobahn – sind die Wegmarken einer
Zeitreise ins rebellische Lebensgefühl der späten Sechziger. In der
Berliner Ausstellungshalle findet das allerdings in einem Straßenkreuzer
voll zeitgenössischer Künstler statt. Die Heraufbeschwörung der urbanen
Protestbewegungen der Sechziger und Siebziger verbindet sich dabei häufig
mit der Frage, ob und wie heute politischer, künstlerischer Widerstand
möglich ist. Freeway Balconies führt auch in eine
kommerzialisierte Gesellschaft, in der radikale Gesten und subkulturelle
Codes in Lichtgeschwindigkeit im Internet recycelt werden und längst zum
Bestandteil einer gigantischen Unterhaltungsindustrie gehören.
 Matt
Saunders, Couples (Joe and Holly), 2004 ©
Matt Saunders
Collier Schorr setzt sich
in ihren Arbeiten nicht nur mit ihrer eigenen jüdischen Identität und der
deutschen Vergangenheit auseinander, sondern auch mit der Möglichkeit, in
andere Rollen zu schlüpfen, fremde Kultur zu absorbieren. Seit einigen
Jahren fotografiert die Künstlerin aus Brooklyn regelmäßig Jugendliche in
einer süddeutschen Kleinstadt. Ihre Bilder bewegen sich zwischen
historischer Recherche, Inszenierung und Performance-Aktion. Schorr
stattet die Teenager mit alten Uniformen der Polizei, der Wehrmacht oder
der US-Army aus und lässt sie vor der Kamera posieren. Oft bricht sie das
Motiv, indem sie den jungen Männern eher feminine Accessoires in die Hand
drückt, einen Stahlhelm voller Äpfel oder eine Federboa, die sich um den
Hals schlängelt. Schorrs Fotos, die in der Ausstellung zu sehen sind,
zeigen die Diskrepanz zwischen Bild und Selbstbild. Mehr als Porträts sind
es Dokumente von Jugendlichen auf der zaghaften Suche nach der eigenen
Identität.
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Adam Pendleton, Black Liberation Front,
2007 © Adam Pendleton; courtesy
of Rhona Hoffman Gallery, Chicago and
Yvon Lambert, New York/Paris
Einen der jungen
Uniformträger, Dominik, porträtiert die Künstlerin mit schwarz
geschminktem Gesicht. Das Foto wirkt auf den ersten Blick wie der Aufguss
einer rassistischen Black
Minstrel Show im Amerika des 19. Jahrhunderts, meint allerdings genau
das Gegenteil. Dominik ist ein obsessiver Hip-Hop Fan. Die feministische
Philosophin Judith Butler
hat bereits 1990 aufgezeigt, dass Geschlecht und Sexualität durch eine
ständige Performance des Menschen konstruiert werden. Dieser Charakter
eines Konstrukts überträgt sich logisch folgend auch auf alle anderen
Identitätsparameter – Dominik ist schwarz, weil er schwarz denkt und
handelt.
 Sharon
Hayes, In the Near Future, 6 November 2005 Once
a day, from 1 November to 9 November 2005, the
artist stood on the street with a sign at nine different locations
throughout New York City. Courtesy
the artist
Der Mensch konstituiert sich heute
durch seine Rollen. Freeway Balconies widmet sich vor allem
subversiven Rollenspielen, die geschlechtliche und soziale Normen
hinterfragen und dabei auch Kunstgeschichte zitieren: Referenzpunkte für
Schorrs schwarzen Dominik sind Bruce
Naumans Film Art Make-up (1967-68), in dem sich der Künstler
vor laufender Kamera nacheinander weiß, pink, grün und schwarz schminkt,
sowie Arbeiten der Performancekünstlerin Adrian
Piper – die sich Anfang der siebziger Jahre in ihrer Mythic
Being Series als männlicher Afroamerikaner verkleidete und Stereotype
"schwarzer" Verhaltensweisen im öffentlichen Raum nachspielte. Pipers Ziel
war es, den New Yorkern ihren Alltagsrassismus vorzuführen. Eine Reihe von
Fotos zeigt, wie sich die Künstlerin allmählich in das Klischee eines
gefürchteten Ghettobewohners mit Afro-Haarschnitt, Schnauzbart und
Pilotenbrille verwandelt. Ein ähnlich verwirrendes Spiel spielt Sharon
Hayes, die sich auf einer New Yorker Straße mit einem Schild
fotografieren lässt, auf dem in Großbuchstaben der Satz "I am a Man"
steht. Wer hier über Hayes performatives Geschlecht zu grübeln beginnt,
ist auf einen Trick der Künstlerin reingefallen: Die Künstlerin hat für
ihre Ein-Frau-Demonstration nämlich den Slogan der schwarzen Müllfahrer
von Memphis während ihres Streiks 1968 geklaut.
 Sara
Gilbert, Mexico City #9, 1995 Courtesy
the artist
Womit man auch beim zweiten
Schwerpunkt der Ausstellung wäre: der Appropriation. Denn Teil einer
erfolgreichen Selbstinszenierung ist immer auch der Rückgriff auf berühmte
Rollenvorbilder. "Ich glaube jeder Mensch ist eine Appropriation, und
daher sind auch unsere Handlungen Appropriationen", sagt der Künstler Adam
Pendleton, der Poster der Black Liberation Front, Album-Cover von The
Jam oder Fotos von Patti Smith
in schwarzem Acryl abmalt. Die globale Pop-Kultur, die durch die Medien
weitere Verbreitung findet, bildet den Fundus, aus dem Fans die
gewünschten Verhaltensweisen und Versatzstücke ihrer noch zu
perfektionierenden Persönlichkeit auswählen. Es ist auch der Ort, in dem
viele Künstler von Freeway Balconies ihr Material finden.
Einige der gezeigten Arbeiten spiegeln den Glamour, den Körperkult und den
Jugendwahn der Pop-Kultur, indem sie ihn noch einmal in ebenso glamouröser
Aufmachung nachinszenieren: Sara
Gilbert etwa zeigt in ihrer Fotoserie Mexico City von 1995
ihren Freund Leonardo DiCaprio
am Filmset, kurz bevor er endgültig den Durchbruch zum Superstar schaffte.
Ihre Hochglanzbilder scheinen das Image des charismatischen Schauspielers
besser zu bedienen als jedes autorisierte Pressefoto. Gleichzeitig scheint
in DiCaprios Lächeln – oder auch in den Fotos, die Collier Schorr von der
Teenie-Band Tokio
Hotel macht – noch einmal das Machtpotential der Jugendkultur
aufzuleuchten, auf das im Titel der Ausstellung implizit verwiesen wird.
Weil die Stars jung sind, steht ihnen die Welt offen und sie haben nach
wie vor die Chance, sie nach ihren Vorstellungen zu verändern. Allerdings
haben sich die Vorstellungen gegenüber den rebellischen Sechzigern spürbar
verändert.
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