Und tatsächlich nimmt der Film in solch einem Moment eine
völlig unerwartete Wendung. Anstatt das Politische satirisch als
Medientheater zu zeigen, verzichtet von Wedemeyer auf allzu absehbaren
Zynismus. Da ist plötzlich dieser Blick, den sich der zukünftige
Präsident, gespielt vom grandiosen Bernhard Schütz, und sein
Redenschreiber zuwerfen. Gerade sind sie zusammen die Ansprache
durchgegangen, der Redenschreiber hat sie dem frisch gewählten Kandidaten
etwas zweifelnd vorgetragen. In seiner Rede bedankt sich der Politiker für
die überwältigende Mehrheit der Stimmen. Er spricht von Aufgaben,
Herausforderungen. Er bedient sich des Klischees des Tatmenschen, der die
Last der Verantwortung auf sich nimmt. Doch dann schlägt sein
Redenschreiber Sätze vor, die mehr sind als Rhetorik: "Meine Worte waren
nur Mittel zum Zweck", heißt es da. Er, der Kandidat, habe im Wahlkampf
"verführt und taktiert", um sein Ziel zu erreichen. Und jetzt könne er,
der Präsident, seine Versprechen nicht halten, denn die Bürokratie, das
Recht, die Strukturen lassen Reformen nicht zu.
 Clemens
von Wedemeyer, Die Probe (Videostill), 2008, ©
Clemens von Wedemeyer courtesy
Galerie Jocelyn Wolff, Paris
Das
designierte Staatsoberhaupt nickt. Findet es gut so. Die beiden
Verbündeten lachen nicht über diesen vermeintlichen Witz – stell dir vor,
wir würden den Leuten da draußen mal tatsächlich die Wahrheit sagen. Nein,
ihre Körpersprache drückt Einverständnis und Entschlossenheit aus. Kein
Schenkelklopfen, kein Losprusten.
Hinter den
Kulissen, wo noch Pakete mit Wahlkampfmaterial liegen, sauber verschnürte
Affirmation, geht der Präsident die wichtigsten Sätze durch. Die Rede, die
er gleich halten wird, ist eine Verzichtserklärung aufs angetragene Amt.
"Man muss sich verweigern", sagt er. Das Glitzerkonfetti in seinem Haar,
das vom eben vergangenen Moment des Sieges zeugt, sieht nun aus wie
Angstschweiß. "Habe ich mich entschlossen, die Macht, die vor mir liegt,
nicht anzunehmen!" Da geht der Renegat hinaus und man hört den ihn
begrüßenden Jubel. Der Zuschauer bleibt allein auf der menschenleeren
Hinterbühne zurück. Die Rede nimmt er nur als dumpfes Grollen wahr. Dankt
der erfolgreiche Kandidat wirklich ab?
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Clemens von Wedemeyer, Die Probe
(Videostill), 2008, © Clemens
von Wedemeyer
Wie als Antwort kommen nach
einer Weile der Tross von Kameraleuten, Wahlkampfhelfern, Fans und der
Präsidentschaftskandidat herein. Der Film ist als Loop angelegt: Der
Präsidentschaftskandidat gewinnt wieder und wieder, und bereitet sich
immer neu auf seine Abdankung vor. Aus dieser Tretmühle entkommt man nur
in kurzen Augenblicken. "Durch den Loop wird eine Ungewissheit verstärkt",
sagt Clemens von Wedemeyer, "nämlich ob die Rede wirklich gesprochen wird
und ob die Rede dann vielleicht sogar zu einer Machtsteigerung führt –
also die Verweigerung als Ausnahme zu einer noch größeren Souveränität des
Präsidenten führt."
 Clemens
von Wedemeyer, Die Probe (Videostill), 2008, ©
Clemens von Wedemeyer
Nach dieser Deutung
erinnert der Präsident an einen neuen Typus des Politikers, wie ihn etwa Silvio
Berlusconi oder Nicolas Sarkozy
verkörpern: Geschickt verbinden sie Spektakel und Staatsführung. Eine gut
gemachte Inszenierung und sonnengebräunte, machistische Entschlossenheit
ist vielen Wählern lieber als mühsame Konsensfindung und Realpolitik. Und
zum Glamour kann durchaus auch gehören, dass man ganz mondän Erwartungen
unterläuft. So wäre auch diese Szene geradezu filmreif: Auf einer Yacht im
Mittelmeer flüstert der französische Staatspräsident seiner First Lady
beim Fototermin von Wedemeyers Worte ins Ohr: "Man muss sich verweigern,
man muss sich verweigern."
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