Ein Geschäft wie jedes andere Julia Schmidts
diskursive Malerei
In der Ausstellung Freisteller, die
im Deutsche Guggenheim die diesjährigen Preisträger der Villa Romana
vorstellt, sind auch Julia Schmidts Gemälde zu sehen. Die junge
Leipzigerin gehört zu den vielversprechendsten deutschen Malerinnen -
gerade weil ihre Arbeiten auch hinterfragen, wie Malerei produziert,
verwertet und vermarktet wird. Oliver Koerner von Gustorf hat sich
mit ihr unterhalten.
 Julia
Schmidt, Untitled (atelier) I, II , 2007 Courtesy
Casey Kaplan Gallery © Julia
Schmidt
Ein Geflecht aus Schweineborsten,
die Fassade einer Wellblechhütte, der verschwommene Bezug eines barocken
Versace-Stuhls, auf dem sich der Schatten eines Schoßes eingebrannt hat:
Die Dinge und Details auf Julia
Schmidts Gemälden erscheinen unscharf, ausgeblichen, befleckt,
fragmentarisiert. Sie wirken wie visuelles Strandgut - angespült aus den
Tiefen eines endlosen Produktions- und Reproduktionsprozesses, der Bilder
und Waren mit derselben Geschwindigkeit verschleißt, wie er sie generiert.
Während junge Kunst häufig dazu dient, den Lifestyle einer globalen
Kunstgemeinde zu veredeln, widmet sich Schmidt bereits dem Recycling
dieser Luxuskultur.
 Julia
Schmidt, Villa Romana 2008 Foto:
Gregor Hohenberg © Gregor
Hohenberg
"Es gibt diese große Leichtigkeit,
mit der Malerei vom Markt aufgesaugt wird. Ich will Störungen,
Hindernisse, Brüche in meine Bilder einbauen, dieser einfachen
Konsumierbarkeit etwas entgegensetzten", sagt sie und blinzelt in die
Sonne. Wir sitzen auf der Dachterrasse ihres Studios in der Villa
Romana, von der man über Zypressen hinweg auf Florenz blickt. Schmidt
bereitet sich gerade auf die Ausstellung Freisteller
vor, die im Deutsche
Guggenheim die diesjährigen Preisträger des Künstlerhauses in Berlin
vorgestellt. Neben dem Filmemacher Clemens
von Wedemeyer, der 2007 an den skulptur
projekten münster teilnahm, ist sie wohl die bekannteste der
Stipendiaten. 2006 erhielt die 32-Jährige den Kunstpreis
der Sachsen LB, der gemeinsam mit dem Museum
der bildenden Künste Leipzig vergeben wird, wo sie ihre
Einzelausstellung Tourism and Painting zeigte. Seit 2004 wird sie
von der renommierten Casey
Kaplan Gallery in New York vertreten. So mancher hätte angesichts
solch einer rasanten Karriere sicher eine gewisse Attitüde. Schmidt
allerdings wirkt erstaunlich geerdet. Wenn sie erläutert, dass sie auf
MDF-Platten male, "weil es ein neutraler Träger ist, der sich nicht in den
Vordergrund drängt", oder betont, das Einzelbild sei ihr nicht so wichtig,
sondern die Konstellation innerhalb von Gruppen von Bildern", klingt das
betont zurückgenommen. Ganz so, als wolle sie ihre Arbeit als Malerin
relativieren - nicht aus falscher Bescheidenheit, sondern in analytischer
Selbstreflexion.
 Julia
Schmidt, Untitled (production) , 2007 Courtesy
Casey Kaplan Gallery ©Julia
Schmidt
Vielleicht könnte man sie sich als
Ökonomin vorstellen, als eine Person, die sich mit der Ökonomie der
Bildproduktion beschäftigt, mit der Art und Weise, wie Bilder zu Kunst
werden, wie sie konsumiert werden. "Es geht in meiner Arbeit um
Produktionsprozesse", erläutert Schmidt. "Das interessiert mich auch bei
meinen eigenen Sachen. Was passiert vorher, was danach, auch mit meinen
eigenen Gemälden? Wie werden Sachen verschlungen? Das ist ja so eine
Kette. Es ist für mich nicht selbstverständlich, ein Bild zu machen. Es
geht vielmehr darum, was ein Bild ist, für wen das Bild ist, darum, wo die
Sachen gezeigt werden. Es gibt in meinem Werk schon eine Referenz zum
Betriebssystem Kunst. Aber die ist natürlich abstrahiert." Doch was hat
nun eine Wellblechhütte in der Dritten Welt, die Schmidt auf dem 2008
entstandenen Untitled (Stackr) zeigt, mit dem Werbemotiv für Versace
zu tun, das sie auf Untitled (Crotch), (2007) aufgreift?
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Julia Schmidt, Untitled (Stackr), 2008 Courtesy
Casey Kaplan Gallery ©Julia
Schmidt
"Stackr" - das ist die verkürzte
Form von "Stacker", was im Englischen soviel heißt, wie "Ablage" oder
"Stapelsystem". Und so hängt auch in Schmidts Florentiner Studio ein
ausgerissenes Zeitungsbild, das ihr als Vorlage für das gleichnamige
Gemälde dient: Eine schwarz-weiße Szene aus einem Ghetto in einem
Entwicklungsland. Auf den Dächern der Hütten stapeln sich die Kartons der
Früchte, die unten auf der Straße verkauft werden - hochgeworfen von den
Händlern, die ihre Ware so schnell wie möglich an den Mann bringen wollen.
Doch während man diese Mischung aus Bude, Kiosk und Lager durchaus als
metaphorisch für den sich unendlich wiederholenden alltäglichen
Warenkreislauf deuten könnte, bleiben auf dem eigentlichen Gemälde nur
noch Spuren der einstigen Vorlage zurück. Ganze Teile des Bildes sind
ausgeblendet, die Hütte freigestellt, der Hintergrund weiß übermalt. Äste,
Steine, hingeworfene Latten verschwimmen zu abstrakten Stillleben, die
Kisten auf dem Dach zu einer beinahe minimalistischen Boxen-Struktur.
 Julia
Schmidt: Untitled (crotch), 2007 Private
Collection, © VG Bild-Kunst
Bonn, 2008
Das gleiche passiert auch mit
dem von Starfotograf Steven
Meisel abgelichteten Versace-Motiv, das er in Hugh
Hefners Playboy-Mansion
aufnahm. Es repräsentiert einen diametral entgegengesetzten Aspekt der
Produktionskette - das Luxussitzmöbel, das für Kampagnen aufwendig
fotografiert und erotisch in Szene gesetzt wird. "Ich habe damals sehr
viele Bildquellen verwendet, die mit dem 'Fetisch Macht' zu tun hatten.",
merkt Schmidt dazu im Gespräch mit dem Kritiker Clemens Krümmel an, das im
Katalog zur Freisteller-Ausstellung im Deutsche Guggenheim
veröffentlicht wird. "Ich habe versucht, eine Beziehung zwischen 'high end
advertising' und Malerei herzustellen. Die Art und Weise, wie Meisel da ab
einem bestimmten Zeitpunkt einen subtilen Rassismus aus der
Mode-Bildstrecken-Ästhetik hervorholt - der mexikanische Gärtner, der
zwischen den in Versace gekleideten Models die Fliegen aus dem
Swimmingpool fischt, das Dienstmädchen aus Sri Lanka an der Haustür - das
hat auf sehr direkte Weise das Verhältnis der Modefotografie zu Macht und
Hierarchie betont." Die gespreizten Beine eines männlichen Models, der auf
dem Versace-Stuhl ausgestreckte Unterkörper werden von Schmidt zu einer
flachen Farbsilhouette transformiert, aus der jede Tiefe und Struktur
durch zig-fache Übermalungen getilgt wurde. Das Geschlechtsteil, das
vermeintliche Zentrum des Körpers, wird bei Schmidt gleichzeitig zum
Zentrum des Bildes und zur Leerstelle. In einer Art umgedrehten Sexismus
löscht sie jede Körperlichkeit aus, "entmannt" ihr Motiv.
 Julia
Schmidt, Untitled (bristles), 2008, Courtesy
Casey Kaplan Gallery ©Julia
Schmidt
"Das Übermalen an sich ist eine
absurde Geste", sagt sie, "eine Verschwendung, die überhaupt nicht
ökonomisch ist. Es ist völlig unrentabel, wenn ich bestimmte Stellen im
Bild übermale. Während jeder Handschlag mit Geld bemessen wird und wie man
sagt, 'Zeit Geld ist', übermale ich die Bilder bis zu dreißig Mal, das ist
ja eigentlich absurd. Doch genau diese Qualität interessiert mich." Der
Effekt, den sie dabei erzielt, ist auf gewisse Weise paradox, denn das
Abgebildete wird dabei nicht herausgearbeitet, sondern geht in seiner
Ganzheit mit jeder aufgetragenen Farbschicht mehr und mehr verloren.
Schmidt betont, dass sie versuche, ihre Motive zu "begreifen", indem sie
sie übermale: "Der malerische Prozess spiegelt nur mein Denken wieder.
Klar ist es auch eine Arbeit an der Form, aber eigentlich brauche ich bis
zu vier Monaten für ein Gemälde, weil ich über das Motiv nachdenke, seine
Bedeutung."
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