Space Invader Pipilotti Rists erste Soloschau in Japan
In
Europa gehört Pipilotti Rist längst zu den wichtigsten Vertreterinnen der
Gegenwartskunst. Doch erst jetzt eröffnete ihre erste Soloschau in Japan.
"Karakara", ihre große Retrospektive im Tokioer Hara Museum, wird von der
Deutschen Bank gefördert. C. Mark Smith fragt sich: Sind die
Japaner bereit für Rists eigenwilligen Digital-Kosmos?
Gleich
vor der Eingangshalle des Hara
Museum of Contemporary Art in Tokio, eine palastartige Villa, in der
früher die Großeltern des Museumsdirektors wohnten, stößt man auf eine
kleine Gruppe wartender Besucher. In der großen Halle ist A la
belle etoile (Under The Sky) zu sehen, eine der beiden jüngsten
Arbeiten von Pipilotti
Rist, die in Karakara zu sehen sind. Die Gruppe scheint vorm
Betreten des Raums zu zögern, bedeutet es doch zugleich die Arbeit zu
betreten, die direkt auf den Boden projiziert wird. Erst nachdem sich ein
paar Mutige unter den aufmunternden Worten des Museumswärters vorwagen,
strömen auch die Übrigen hinein und beginnen mit Rists Film-Installation
zu interagieren, die sich völlig dem Spiel mit der Schwerkraft hingibt.
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Pipilotti Rist, A la belle etoile
(Under The Sky), (2007), Installationsansicht Hara Museum of
Contemporary Art, Tokio Foto
Hirotaka Yonekura, Courtesy Hara Museum of Contemporary Art
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"Im Normalfall sind wir es gewohnt, elektronische Medien
aus der vertikalen Perspektive wahrzunehmen, doch A la belle etoile
setzt die Begriffe "Oben" und "Unten" außer Kraft. Ich mag es, mit der
physischen Situation der Museumsbesucher zu spielen", erklärt die
Schweizer Künstlerin. "Dieser Raum erschien mir ideal, um sich mit der
Decke oder dem Boden zu beschäftigen. Die Vorhalle des Hara Museums
erinnert mich an eine Kirche. Die Höhe des Raums suggeriert, dass der
Geist wichtiger ist als der sündige Körper – die ganze
christlich-jüdisch-muslimische Vorstellung der Trennung von Körper und
Geist. An dieser Arbeit interessiert mich, dass sich die Bilder zwar an
den Beinen fortsetzt, sich in dem Raum aber nichts wirklich verändert. Man
betritt einfach etwas, das bereits da ist."
Die Vorhalle des
Hara Museums bietet aber noch eine andere Perspektive, um A la belle
etoile zu betrachten. Vom Balkon im zweiten Stock erschließen sich die
bunt flirrenden Images wesentlich besser: Auf den sich langsam drehenden
Bildern sind Menschen zu erkennen, die in einem Park spielen, aber auch
Wolkenkratzer und abstrakte Darstellungen von Alltagsgegenständen.
 Pipilotti
Rist, Gina´s mobile, (2007), Installationsansicht
Hara Museum of Contemporary Art, Tokio Foto
Hirotaka Yonekura, Courtesy Hara Museum of Contemporary Art
Eine
ganz andere von Rists Abstraktionen alltäglicher Dinge findet sich in Gina’s
mobile (2007), eine Installation, die im Hara Museum über einem
Treppenabsatz schwebt. Die Arbeit ist eher klein, dass man sie zwischen
all den großen Installationen fast übersehen könnte. Sie besteht aus einem
Stab, dessen Enden mit einer goldene Kugel und mit einem Bildschirm
versehen sind: "Er zeigt fünf verschiedene Clips einer Vulva."
Doch
das faszinierende rosarot der Farbe lässt den Gegenstand des Films fast
unwirklich erscheinen. Fast wirkt es, als hätte ein Special Effects-Studio
den Film produziert. Manche Besucher betrachten die Arbeit eindringlich
und schlendern kommentarlos weiter. Ein anderes Paar nähert sich
interessiert dem kleinen Mobile, um sich dann abrupt abzuwenden, als es
realisiert, was hier zu sehen ist. Selbst die Beschreibung der Arbeit
durch das Museum beschränkt sich absichtsvoll auf Andeutungen: "In einer
Welt voller Tabus lenkt diese Arbeit die Aufmerksamkeit auf alle Tabus,
die mit Haut in Verbindung gebracht werden."
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Pipilotti Rist, Deine Raumkapsel
(Your Space-Capsule), 2006, Audio-Video-Installation,
Foto by Barbara Gerny Courtesy
the artist and Hauser & Wirth Zürich London
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"Seit langem interessiere ich mich dafür, warum wir die
verschiedenen Teile des Körpers so unterschiedlich bewerten. Und bei der
Vulva geht es ja um eine sehr heikle Körperregion, die emotional stark
besetzt und tabuisiert ist. Psychologisch kommen wir damit noch immer
nicht klar. Ich betrachte diesen Körperteil, als ob es sich um eine andere
Spezies handeln würde. Es gibt wahrscheinlich viele Gründe, warum es eine
so große Bedeutung besitzt. Wenn wir uns aus einer ganz nahen Perspektive
betrachten, erkennen wir auch unsere Vergänglichkeit. Man kann die ganze
Angelegenheit natürlich auch ganz kühl aus einem rein medizinischen
Blickwinkel betrachten. Aber aus kultureller Sicht denkt man einfach nur
Uuuuh!"
 Pipilotti
Rist, Ever Is Over All (1997), Installationsansicht
Courtesy Hara Museum of Contemporary Art, Tokio Foto
Hirotaka Yonekura, Courtesy Hara Museum of Contemporary Art
Rists
ganzes Mobile erinnert an das weibliche Geschlecht mit einer goldenen
Kugel als Lustzentrum. "Auf Japanisch nennt man die Hoden kintama,
‚goldene Kugeln’. Deshalb dachten hier viele, ich würde darauf anspielen.
Die Art, mit der wir etwas anschauen, ist also ganz eng mit unserer Kultur
verbunden. Es ist für mich sehr interessant, in Japan auszustellen, aber
ich bin mir auch bewusst, dass hier vieles eine andere Bedeutung hat. Das
gilt natürlich auch für andere Länder, aber der Sprung nach Japan – oder
Fernost – war bisher der größte für mich. Ich habe in Japan, Korea und
Shanghai ausgestellt. Dabei musste ich mich mit großen Unterschieden
auseinandersetzten. Man kann es aber auch so sehen, dass die Arbeiten ganz
einfach durch jeden Betrachter eine neue Bedeutung erhalten. Als Ever
Is Over All erstmals in Venedig zu sehen war, fragte mich eine
Japanerin: ’Möchten Sie wirklich, dass jeder anfängt, Autos zu
zertrümmern?’ Ich weiß nicht, ob ihre Sorge persönlicher oder kultureller
Natur war."
 Pipilotti
Rist, Das Zimmer (The Room) (1994/2007), Installationsansicht
Hara Museum of Contemporary Art, Tokio Foto
Hirotaka Yonekura, Courtesy Hara Museum of Contemporary Art
Ever
Is Over All (1997) and Das Zimmer (The Room)
(1994/2007) wecken bei den Besuchern im Hara Museum das größte Interesse.
In einem Raum am Ende des V-förmigen Gebäudes betrachten die Besucher
gebannt Rists Bilder tropischer Blüten oder einer sorglosen jungen Frau,
die mit einer Blume Autoscheiben zertrümmert. Obwohl eigentlich kein
Zuschauer um seine Sicherheit fürchten muss, halten doch viele respektvoll
Abstand und bleiben lieber dicht an der Wand stehen. Vielleicht haben sie
Angst, weiter in die "heilige Halle" der Kunst vorzudringen.
 Pipilotti
Rist, Closet Circuit, 2000, Installationsansicht
Hara Museum of Contemporary Art, Tokio Foto
Hirotaka Yonekura, Courtesy Hara Museum of Contemporary Art
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