Aber denkt man an die übergroßen Hamburger von
Claes Oldenburg oder die Kitschobjekte von
Jeff Koons, dann zeigt sich, dass schon vorhandene Objekte und Figuren die
Pop Art und die Kunst der Postmoderne durchaus wieder interessierten. Da
muss es doch eine Entscheidung von Ihrer Seite gegeben haben?
Auf jeden Fall. Die Sprache des real existierenden Objekts zu übernehmen und
sie nur zu modifizieren, ist einfach nicht mein Thema. Bei Claes Oldenburg
handelt es sich um einen Künstler, der zu einer Zeit gearbeitet hat, in
der das Industrieprodukt, das kommerzielle Konsumprodukt noch nicht in den
Bereich der Kunst eingedrungen war. Als die Vertreter der Pop Art populäre
Produkte wie den Hamburger aus ihrem kommerziellen Kontext herausnahmen,
haben sie das assoziative Umfeld des Industrieprodukts bearbeitet. Es war
eine völlig legitime Entscheidung am physischen Objekt, zum Beispiel an
der Suppendose, zu zeigen, dass auch dieses Objekt seine eigene Erotik hat
und als Metapher zum Stand der Dinge taugt. Darüber hinaus gibt es immer
Gründe wieder zur Figuration zurückzukehren. Wobei sich dieser Schritt gar
nicht nur von der Figur ableitet, sondern von dem Kontext, in dem die
Figur erscheint, wenn es dem Künstler zum Beispiel um ein
sozial-politisches Anliegen geht. Dass man, aus ganz unterschiedlichen
Gründen, in seiner eigenen Zeit die Figur noch einmal aufsucht, ist
eigentlich selbstverständlich.

Point of View, 2005 Foto: Niels
Schabrod, © Tony Cragg
Ihre
aus der Achse gedrehten Skulpturen wie Line of
Thought (2002), The Fanatics (2006) oder Point of View
(2005) erinnern an die barocke Kunst der katholischen Gegenreformation.
Ist die Assoziation an
Berninis
Papstaltar im
Petersdom mit seinen absonderlich gedrehten, ganz und gar
unklassischen Säulen falsch?
So habe ich das nie gesehen.
Dieser Altar ist ja zunächst einmal eine unheimlich starke physische
Erfindung. Damals gab es ja entweder die Architektur oder die Bildhauerei
mit der Figur. Berninis Versuch eine strukturelle, auf geometrischer Basis
entwickelte Form zu schaffen, die weder nur Architektur noch Figur ist,
finde ich für diese Zeit eine wahnsinnige Sache, die mich auch sehr
interessiert. Aber ich könnte nicht sagen, dass ich davon in meiner Arbeit
beeinflusst worden wäre. Es geht mir darum, den Formenreichtum wieder zu
entdecken. Ich finde, dass die Bildhauerei dafür eine absolut gute Methode
darstellt.

The Fanatics, 2006 Foto: Dave
Morgan, © Tony Cragg
Ein
Bereich, in dem Formenreichtum noch einen Wert in sich darstellt, in dem
es um dreidimensionale Formen geht, die nicht nützlich zu machen sind, ist
die Haute Couture.
Die Kleider werden hier nicht primär auf Tragbarkeit hin entworfen,
sondern es geht um die raffinierte, auffällige und ungewöhnliche
Behandlung des Schnitts und des Materials ...
Nun ja, Sie werden wenig Künstler finden, die den Vergleich mit der Mode
schätzen. Für mich sind die Themen, die meine Arbeit bestimmen, die
Beziehung zwischen Mensch und Natur. Wie wir die Natur nutzen. Wie weit
wir noch Natur sind. Und wenn man die Natur betrachtet, dann ist die
Palette der Formen noch immer sagenhaft, unendlich groß und wir können
hier noch immer sehr viele Formen übernehmen. Die Qualität der von uns
hergestellten Materialien ist ein weiteres Thema. Und ich finde, ein
wichtiges Thema ist die immer größer werdende Informationsmenge, mit der
wir es zu tun haben und die keine wahrnehmbare Realität mehr hat. Wir
kennen nun Viren, Moleküle, Quarks usw. Wie entwickeln wir eine
Bildsprache dafür? Wie muss ich mir einen Virus vorstellen? Wie sehen
Gesellschaftsstrukturen aus? Dafür Formen zu entdecken, betrachte ich als
radikale, politische und gesellschaftliche Haltung. Wenn man etwas nicht
mag, kann man es zu ändern versuchen, eine Alternative vorschlagen.
Politische Agitation allerdings interessiert mich nicht. Trotzdem kann man
die Frage, welche Form die Zukunft hat, nicht nur den Geschäftsleuten und
Politikern überlassen. - Da muss man dann doch agitieren.
Vielleicht mit einer Skulptur, wie sie sich in der
Sammlung der Deutschen
Bank in
London befindet? Was ist das Besondere an
Secretion?
Einige Zeit bevor ich die Arbeit gemacht habe,
sah ich die Würfel in einem Spielwarenladen. Es handelte sich um eine
große Tüte mit vielleicht 20 bis 30 Würfeln, die mich als Material
plötzlich reizten. Das sah wie eine sehr interessante Masse aus. Das
Material war künstlich hergestellt, Thermoplastik, im Fall der Würfel ein
Ersatz für das natürliche Material Elfenbein. Ich bin ein Materialist.
Material ist alles. Meine Intelligenz, meine Emotionen sind Phänomene des
Materials, so begreife ich das. Das Material kann so wundervoll und
komplex und erhaben sein, dass es keinen Grund gibt, einen solchen
Materialismus abzuwerten. Ich möchte Verantwortung übernehmen, moralisch
handeln, nicht aus Angst vor einem höheren Wesen, sondern aufgrund der
Wertigkeit des Materials. Ich fand, die Würfel boten eine interessante
Möglichkeit, der Oberfläche eine besondere Wertigkeit zu geben.
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Secretion, 1998
Sammlung Deutsche Bank ©Tony Cragg
Betrachtet man die hochpolierten, sehr attraktiven Oberflächen einiger Ihrer
Skulpturen, heißt das dann, dieser Stahl verlangt nach Glanz?
Von allen Materialien ist er derjenige mit dem Glamoureffekt. Am Hochglanz ist
aber eigentlich nur interessant, dass er die Umwelt, seinen Kontext
reflektiert. Steht er im Wald, wird er grün. Die Haut einer
Edelstahlskulptur ist selbsttragend. Man kann Formen schaffen, die man in
einem anderen Material auch nicht hin bekommt. In Bronze bedürfte das
einer Innenkonstruktion. Das gehört zu den Materialnotwenigkeiten der
Bildhauerei.

I´m alive, 2005
Installationsansicht SICHT WEISEN - Kunst auf der Talachse, Wuppertal 2007
Foto: © Medienzentrum Wuppertal, Antje Zeis-Loi
Sie planen, einen Skulpturenpark in Wuppertal zu schaffen. Ist ein Garten oder
ein Park nicht auch eine Art Skulptur?
Nein. Ein Park ist Natur, die der Mensch ein bisschen manipuliert hat. Das
mag skulpturale Qualitäten haben. Aber unter mein Verständnis von Skulptur
fällt der Park nicht.
Was meinen Sie damit?
Die
Skulptur hat sich in den letzten Jahren wahnsinnig entwickelt. Im
Gegensatz zu ihrem Image, das Skulptur als statisch und tot beschreibt,
hat sie eine unglaubliche Dynamik gewonnen. Wenn Menschen eine Skulptur
betrachten, wird sie sowieso dynamisch. Sie steht zwar still. Aber wir
sind nicht still. Wir gehen um die Skulptur herum und erleben wie sich die
Konturen, die Oberflächen und Volumen ändern. Und bei jeder Änderung
registrieren wir andere Emotionen und andere Ideen. Diesen Umgang möchte
ich relativ kontextfrei haben. Ich will keine Arbeit für eine alte Kirche
in Nordengland oder für eine Ausstellung machen. Ich will die Dinge hier
im Atelier machen. Wenn sie dann aus der Tür gehen, sind sie mehr oder
weniger vollkommen. Das Ding existiert, es geht aus der Tür und muss sich
seinen Platz in der Welt erstreiten. Es ist nicht für eine besondere
Situation entwickelt worden.

Early Forms, 1997 Foto: Achim Drucks
Aber das Haus, das Sie in Wuppertal gekauft haben, böte die Chance, einen
Kontext für Ihre Skulpturen zu entwerfen. Und das obwohl Sie Ihre
Skulpturen ja gerade nicht für einen Kontext schaffen.
Ein wenig, ja. Aber der Hintergrund ist der Folgende. Ich finde die Landschaft
hier sehr schön, das
Bergische Land. Und wenn Sie aus meinem Atelier schauen, sehen Sie sehr
schöne Wiesen. Und ich habe lange gedacht, auf diese Wiese hier würde ich
gerne eine Skulptur stellen. Und dann vielleicht ein paar hundert Meter
weiter, auf die nächste Wiese eine weitere Skulptur. Wie man es kennt vom
West Yorkshire Sculpture Garden in Nordengland. Diese Idee entpuppte sich
als eine ziemlich komplizierte Angelegenheit, bei der man sich mit den
ganzen Leuten und Ämtern arrangieren muss. So kam ich zu der Auffassung,
ich sollte mir selbst ein Areal kaufen. Als ich einen Freund fragte, ob er
nicht danach Ausschau halten könnte, habe ich gar nicht daran gedacht,
dass es ein so spezielles und wunderschönes Anwesen sein würde.

Wirbelsäule - The Articulated Column, 1996
Foto: Achim Drucks
Es gehörte dem
Lackfabrikanten
Herberts, der während der Nazizeit
Willi Baumeister und Oskar
Schlemmer in seinem Unternehmen beschäftigte und schützte.
Ja, Waldfrieden, so heißt das Anwesen, hat eine Geschichte, die auch eine
gewisse Verantwortung mit sich bringt. Ich sehe es nicht als ein Museum.
Und daher sehe ich auch keine Situation, die eine große Eröffnung
verlangt. Ich hoffe, dass wir in einem Jahr, im April 2008 leise die Türen
aufmachen können, und dann wird es sich schon lohnen, vorbeizuschauen. Ich
mache das als Privatmensch, mit Hilfe einer Stiftung getrieben, die ich
mit meiner Frau gegründet habe. Ich möchte das über viele Jahre hin
entwickeln. Und wenn es in einem Jahr schon etwas zu sehen gibt, freue ich
mich natürlich darüber.
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