In dieser Ausgabe:
>> Made in Italy
>> Am Meer: Massimo Vitali
>> Reale Romantik: Alberto Garutti
>> Interview Angelika Stepken

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Massimo Vitali, Taotec, 1997,
Courtesy Brancolini Grimaldi/©Massimo Vitali

Der Anlass, sich so dezidiert mit den Freizeitritualen der schweigenden Mehrheit auseinanderzusetzen, war ein ganz konkreter. "Es geschah am 2. August 1994, als Berlusconi gewählt wurde. Das hat mich sehr schockiert. Wie konnte so etwas passieren? Ich machte damals Strandurlaub in Marina Pietrasanta in der Toskana und ganz plötzlich beschloss ich, einen genaueren Blick auf meine Landsleute zu werfen." Anders als sein deutscher Kollege Andreas Gursky, der die Protagonisten seiner Großformate häufig auch an ihren Arbeitsplätzen zeigt, zieht es Vitali ausschließlich zu den Stätten des kollektiven Vergnügens. An die überfüllten Sandstrände italienischer Ferienorte wie Riccione oder Rimini, in Einkaufzentren oder Discotheken, wo sich die Massen auf den Tanzflächen drängen. Niemand ist auf seinen Bildern je allein, immer ist man Teil einer Menge.



Massimo Vitali, Rosignano Diptych, 2004,
Courtesy Brancolini Grimaldi/©Massimo Vitali

Vitalis Strandbilder sind alles andere als idyllische Postkartenansichten. Der distanzierte Blickwinkel, ihre strahlende Helligkeit und die enorme Tiefenschärfe lassen die Kompositionen auf seltsame Weise irreal erscheinen, obwohl sie der Fotograf nicht am Computer nachbearbeitet. Auf seinem Riccione Diptychon ziehen sich endlose Reihen roter und blauer Liegestühle bis zum Horizont, daneben ragen kantige Appartmenthäuser und Hotelkästen in die Höhe. Die Sonne scheint, weiß schimmert der Sand, blau strahlen Himmel und Meer. Trotzdem würde man dieses Tableau des Massentourismus nie als Poster in einem Reisebüro entdecken.


Rosignano Night, Rosignano, Italy, 2004,
Courtesy&©Massimo Vitali

Rosignano Night zeigt einen überfüllten nächtlichen Strand. Hier sind Jugendliche unter sich: In kleinen Grüppchen hängen die Teenager herum, liegen im Sand, trinken und tanzen, während im Hintergrund die Kühltürme einer riesigen, in fahles gelbliches Licht getauchten Chemiefabrik ihren Dampf verströmen. Eine fast apokalyptische Szenerie – Arkadien ist anderswo.



Massimo Vitali, Amadores, 2004,
Courtesy Brancolini Grimaldi/©Massimo Vitali

Dabei möchte Vitali in seinen Arbeiten aber nicht allein die Verhaltensweisen einer Gesellschaft festhalten, die in ihrer Freizeit auf massenhaften Konsum ausgerichtet ist und die Natur zur reinen Kulisse degradiert. Dazu ist der formale und ästhetische Reiz seiner Kompositionen viel zu groß. Es geht ihm auch darum, einen Kosmos von menschlichem Verhalten und Situationen zu zeigen – eine "Comédie humaine" der Freizeitgesellschaft. Dabei versteht sich Vitali als neutraler Beobachter, der nicht urteilen will. "Alles was ich mache, ist festzuhalten, was vor mir passiert." In einem Interview mit dem Online-Magazin Lensculture beschreibt er seine Absicht so: "Ich stelle mir vor, dass meine Bilder in fünfzig Jahren Soziologen dazu dienen, das zu verstehen, was heute passiert."

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