Der realistische Romantiker Alberto Garuttis
Auftragsarbeit für die DB Collection Italy
Mit
seiner Kunst sucht er stets die Verbindung zum Leben. Dabei entpuppt sich
Alberto Garutti als Utopist. Viele seiner Arbeiten dienen ganz einfach der
Weltverbesserung. Für die DB Collection Italy hat er ein neues Kunstwerk
geschaffen – neun Bänke, die jetzt den Angestellten im italienischen
Hauptsitz der Deutschen Bank in Mailand als Ruhezonen dienen. Aber Garutti
wäre nicht Garutti, wenn er nicht noch eine Überraschung eingebaut hätte…
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Alberto Garutti, Foto copyright:
Fondazione Spinola Banna per l'Arte
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Ganz ehrlich: Alberto
Garutti hat den Charme eines Marcello
Mastroianni. Dunkle Augen, leicht ergraute Schläfen. Seine knapp
sechzig Lebensjahre sieht man ihm nicht an. Vor allem aber schafft es der
italienische Künstler, die Menschen zum Reden zu bringen. Neulich war er
im Hauptsitz der Deutschen
Bank in Mailand zu Gast. Es dauerte keine Viertelstunde, da hatte ihm
die Dame, die an der Bar im Untergeschoss des Bankgebäudes den Kaffee
ausschenkt, schon ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. Ja, dieser Mann ist
ein Kommunikationsgenie. Er selbst formuliert es bescheidener: "Die Kunst
muss wieder ihre Verbindung zur Realität des Lebens finden." Ein Leitsatz,
den er auch bei seiner neuesten Arbeit befolgt hat, die er im Auftrag der
Deutschen Bank anfertigte und die jetzt zur DB
Collection Italy gehört. Das Kunstwerk besteht aus neun Sitzbänken.
Realer geht's wohl kaum.
 Che
cosa succede nelle stanze quando gli
uomini se ne vanno?" (Was
passiert in den Räumen, wenn die Menschen sie
verlassen haben?), Deutsche Bank
Mailand, 2006 Sammlung Deutsche
Bank Foto: Roberto Marossi
Alberto
Garutti mag das blühende Leben. Kunstmuseen mag er ausdrücklich nicht.
Museen sind für ihn "wie blinde Wände", die die spontane Begegnung des
Betrachters mit der Kunst verhindern. Im japanischen Kanazawa montierte er
2002 eine Reihe von Lampen an die Fassade eines Wohnhauses, die durch
Bewegungsmelder im Inneren gesteuert wurden. Die Lichtorgel der banalen
Alltagsabläufe konnte nur von einem einzigen leeren Grundstück
wahrgenommen werden, auf dem später ein Museum für zeitgenössische Kunst
errichtet werden sollte. Als die Mauern des Kunsttempels in die Höhe
wuchsen, verschwand das Werk aus den Augen der Zuschauer. Soviel zum Thema
Garutti und Museen.
 Per
gli abitanti delle case (Dedicated
to the inhabitants of the houses), 2002, Kanazawa,
Giappone Public Art, © Alberto Garutti
Stattdessen
zieht es den Italiener, der 1948 in Galbiate bei Como geboren wurde, mit
seiner Kunst dorthin, wo Menschen viel Zeit miteinander verbringen. Auf
die Piazza. In den Park. An den Arbeitsplatz. Seit gut zehn Jahren
produziert Garutti Kunst nicht mehr im Studio, sondern realisiert seine
Projekte lieber "site specific", also in direkter Auseinandersetzung mit
dem ihm angebotenen Raum. Seine Arbeit als Dozent an der Mailänder
Kunstakademie Accademia
di Brera und an der Fakultät für Architektur von Venedig IUAV
garantiert ihm die nötige Unabhängigkeit vom kräftezehrenden Hamsterrad
des Kunstmarkts. Der Künstler braucht schon lange keine echte
Galerievertretung mehr, weil es nichts gibt, was er in einer Galerie
verkaufen könnte. Seine neueren Werke sind Auftragsarbeiten und dienen der
Weltverbesserung.
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Ai nati oggi (To those born today) 2000 Over
the Edges, Stedelijk Museum voor Actuele Kunst, Gent, © Alberto Garutti
So
wie die Arbeit Corale Vincenzo Bellini, ein Projekt, das er 2000 im
Rahmen des toskanischen Arte
all' Arte realisierte. Garutti sollte im kleinen Örtchen Colle di Val
d'Elsa arbeiten. Beim Bummeln durch die Gassen entdeckte er zufällig ein
Haus in dem ein Chor von Laiensängern probte. Die Musik klang lieblich,
doch vom Gebäude bröckelte der Putz in dicken Platten. So wie bei allen
anderen Häusern in der Straße. Also beschloss der Künstler sein
Projektbudget an Ort und Stelle einzusetzen: Er schenkte dem Chor eine
Renovierung seines Probengebäudes. Jetzt trällern die Sänger hinter schön
verputzter Fassade, während der Rest der Straße weiterhin so marode bleibt
wie zuvor.
 Corale
Vincenzo Bellini (This artwork
is dedicated to them and to all those who walking by
will hear a music coming from this house), 2000, Colle
Val d'Elsa, © Alberto Garutti
Ist
Kunst, sieht aber nicht aus wie Kunst – dieses Phänomen kann man bei
Garuttis Arbeiten auch an anderen Stellen beobachten. Die Werke des
Italieners fallen dem Betrachter sofort auf, ihre volle Tragweite
erschließt sich jedoch erst, wenn man die Hintergründe der Arbeiten kennt.
1998 hat der Künstler beim Piazza-Dante-Projekt in Bergamo eine
Straßenlaterne auf einem zentralen Platz modifiziert. Passanten konnten
beim Vorbeigehen lediglich beobachten, dass die Lampe in bestimmten
Momenten etwas heller leuchtete als gewöhnlich. Der Grund: Die Laterne war
per Standleitung mit der örtlichen Klinik verbunden, wo frischgebackene
Eltern direkt nach der Entbindung einen Knopf drücken konnten. Das helle
Leuchten zeigte also die Geburt eines neuen Menschen an.
Kitschig?
Vielleicht, aber dafür hat der Künstler mit seinem Piazza-Dante-Projekt
auch das soziale Gefüge wieder zum Leben erweckt, das eigentlich
untrennbar zur Vorstellung des öffentlichen Raumes gehört. "Garuttis
Kunstwerk feiert den Gedanken der Stadt durch die Geburt ihrer Bürger",
schrieb später der Kurator Carlos
Basualdo in einem Essay. Das Projekt wurde nach Bergamo auch noch in
Rom, Gent und Istanbul realisiert.
 L'opera
è dedicata a lui e ai nati oggi in questa città (The
artwork is dedicated to him and to those born in this city), 1998/2000
Light, Piazza Dante, Bergamo, ©
Alberto Garutti
Die sozialen Verbindungen
zwischen den Menschen interessieren Garutti auch, wenn er in privaten
Räumen interveniert. In seiner Auftragsarbeit für den Hauptsitz
der Deutschen Bank in Mailand hat er neun Bänke an verschiedenen
Stellen im Bürogebäude verteilt. Die Form der Sitzmöbel – der Künstler
will nicht, dass man von Design spricht – hat er an einem Nachmittag im
Café skizziert. Das Resultat ist ein Kunstwerk, das in doppelter Hinsicht
erfolgreich funktioniert: Die Bänke bieten einerseits Ruhezonen für die
Mitarbeiter und fügen sich harmonisch ins Arbeitsumfeld ein. Andererseits
irritieren sie aber auch durch ihre grünlich-weiße Farbgebung und ihre
aseptische Oberfläche, die an Objekte von Matthew Barney erinnert. So
rufen sie dem Betrachter ihre unbedingte Künstlichkeit ins Bewusstsein.
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