Reise ins Licht: Dan Flavins nüchterne Ikonen
Vor sieben Jahren brachte die Ausstellung Dan Flavin: Architektur des
Lichts das
Deutsche Guggenheim zum Leuchten. Die Schau präsentierte
Schlüsselwerke des amerikanischen Minimalisten aus der Sammlung der New
Yorker Guggenheim Foundation. Jetzt ist die bislang umfangreichste
Retrospektive des vor 10 Jahren verstorbenen Künstlers in der Münchner
Pinakothek der Moderne zu sehen. Achim Drucks hat die Schau besucht.

"Dan Flavin: Architektur des Lichts",
Ausstellungsansicht Deutsche Guggenheim 1999,
Foto: Mathias Schorman, Courtesy Deutsche Guggenheim
Etwas billig blinken die roten Glühbirnen an den vier Ecken der gelb bemalten
Holzbox. Ihr Flackern erweckt Assoziationen an Kirmesbuden oder die
defekten Reklamen zwielichtiger Bars in alten
Technicolor-Filmen. Wie eine Ikone wirkt dieses Objekt auf den ersten
Blick jedenfalls nicht. Dabei handelt es sich hier tatsächlich um eine
Ikone, genauer um
Dan Flavins icon VIII (the dead niggers icon) (to Blind Lemon Jefferson)
, die 1963entstand. "dead nigger", das klingt bitter.

icon VIII (the dead niggers icon)
(to Blind Lemon Jefferson), 1963, Privatsammlung
Foto: Bill Jacobson. Courtesy Dia Art Foundaion
Und tatsächlich verdichtet sich in Flavins reduzierter Konstruktion nicht
nur die Hommage an
Blind Lemon Jefferson, den schwarzen Sänger und Gitarristen der zwanziger
Jahre, sondern an das Lebensgefühl des Blues, den Rassismus der
Südstaaten. Häufig erfüllte Jeffersons emotionaler Gesang Flavins New
Yorker Studio, während der Künstler an seinen icons
arbeitete. Der Musiker starb 1929 völlig verarmt unter nie ganz geklärten
Umständen. Geblieben ist der Klang des Wortes "Lemon", Flavins nüchterne,
zitronengelbe Box mit den abgeflachten Ecken und den nackten Glühbirnen,
die auch in einem
Vaudeville-Theater installiert sein könnten.
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Dan Flavin in der Dwan Gallery, New York,
1967, Courtesy Stephen Flavin
"Sie sind dumm – anonym, ohne jede Verherrlichung. Sie sind so stumm und
durchschnittlich wie unsere Architektur", schrieb Flavin 1962 über seine
Objekte: "Meine Ikonen ehren nicht den Erlöser in prunkvollen Kathedralen,
sie sind verdichtete Konstrukte, die sterile, leere Räume feiern. Die
Erleuchtung, die sie spenden, ist begrenzt." Wer die komplette Serie
dieser Wandobjekte jetzt erstmals in der grandiosen Dan
Flavin-Retrospektive in der Münchner
Pinakothek der Moderne erlebt, mag Flavins Äußerungen als pures
Understatement empfinden. Denn gerade in ihrer Reduktion und Faktizität
vermitteln die Arbeiten des 1996 verstorbenen US-Künstlers ein
überraschendes Gefühl von Erhabenheit.

icon VII (via crucis), 19664, Dia Art Foundation,
Foto: Bill Jacobson, Courtesy Dia Art Foundation
Rein und weiß strahlt das Licht aus der Leuchtstoffröhre, die Flavin an
der oberen Seite einer mit weißem
Formica überzogenen Box angebracht hat – einer weiteren säkularen Ikone,
die er unter dem Titel the pure land seinem Zwillingsbruder David
John Flavin gewidmet hat. David starb an Kinderlähmung während Dan an
diesem Werk arbeitete. Das reine Land ist ohne Emotion, ein
quadratischer Kasten, der an
Malewitschs 1919 entstandenes Weißes Quadrat auf weißen Grund
erinnert – eine "ungerahmte Ikone" der russischen Avantgarde, Wahrzeichen für
den Aufbruch der Moderne. Weiß ist die buddhistische Farbe der Trauer, das
reine Land eine Station auf der spirituellen Reise ins
Nirwana. Weiß wie frisch gefallener Schnee, ist die Ikone für Flavins
toten Zwilling zugleich banal wie eine Konstruktion aus dem Baumarkt.
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