Seifenblasen und Apokalypse Max Beckmanns farbige
Papierarbeiten in der Frankfurter Schirn
Erstmals zeigt eine Ausstellung ausschließlich die Aquarelle und Pastelle von
Max Beckmann - Porträts und Strandszenen, aber auch Blätter mit privaten
oder mythologischen Motiven. Obwohl Beckmann zu den wichtigsten Künstlern
im 20. Jahrhundert zählt, waren viele dieser Arbeiten noch nie öffentlich
ausgestellt. Die Schau, die noch bis Ende Mai in der Schirn Kunsthalle
Frankfurt zu sehen ist, wird von der Deutsche Bank Stiftung gefördert. Ein
Rundgang von Achim Drucks.
Eine mysteriöse Szene vor
nachtschwarzen Grund: Kopfüber hängt die junge Frau von der Decke, und das
heruntergerutschte Kleid gibt den Blick auf ihren Rücken und die nackten
Schenkelfrei. Links neben ihr steht ein Mann im Smoking, von rechts greift
eine Hand. Fenster, Stuhl und Lampe werden mit wenigen Strichen angedeutet
und signalisieren, dass sich diese unergründliche Begegnung in der
Nacht in einem Innenraum, wohl einem Bordell, abspielt. Auffällig an
dem hochformatigen Pastell von 1928 ist der Gegensatz zwischen der
skizzenhaften Darstellung des Mannes und der plastischen Präsenz des
Objekts seiner Begierden. Ihn hat
Max Beckmann mit wenigen weißen Kreidestrichen auf dem schwarz
aquarellierten Hintergrund umrissen, während er den nackten Körper der
Frau sorgfältig herausarbeitet und so zum Zentrum des Bildes macht. Farbig
akzentuiert hat er nur wenige Details.

Max Beckmann, Raub der Europa, 1933
©VG Bild-Kunst, Bonn 2006
Das
großformatige Blatt beschwört diese erotisch aufgeladene Situation mit
einem absolut ökonomischen Einsatz der künstlerischen Mittel und ist einer
der Höhepunkte der Ausstellung
Max Beckmann - Die Aquarelle und Pastelle. Die
Schirn gibt in dieser umfassenden Schau erstmals die Gelegenheit,
Beckmanns farbige Papierarbeiten miteinander zu vergleichen. Dazu wurden
über hundert Blätter, die teilweise noch nie öffentlich zu sehen waren, in
der Frankfurter Ausstellungshalle versammelt. Die
Deutsche Bank Stiftung hat die Ausstellung gefördert, denn die Bank ist
dem Künstler auf besondere Weise verbunden: Beckmann war einer der ersten
Träger des Preises der
Villa Romana, die seit langem von der Deutschen Bank unterstützt wird, und
er ist mit 25 Arbeiten in ihrer
Sammlung vertreten.
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Max Beckmann, Selbstbildnis mit
Seifenblasen, um 1900, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006
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Max Beckmann, Selbstportrait, aus
"Tag und Traum", 1946, Sammlung Deutsche Bank
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Beckmann privat: Der Prolog zur Ausstellung präsentiert in
kurzen Filmschnipseln den Künstler von seiner sportlichen Seite: beim
Baden, auf dem Tennisplatz oder mit seiner zweiten Frau
Quappi beim Skifahren. Ein idealer Einstieg für eine Ausstellung, die
nicht nur der ernsten Seite des "Mythenmalers" gewidmet ist. Dessen
Malerei auf Papier - vor allem bei den Stillleben und Landschaften -
spontaner, weicher und entspannter wirkt als die seiner repräsentativen
Leinwände. Die chronologisch gehängte Schau beginnt mit einem frühen, um
1900 entstandenen Selbstporträt: Der 16-Jährige sitzt auf einer Bank,
lässt Seifenblasen in die Luft steigen und schiebt dabei selbstbewusst
sein markantes Kinn nach vorn. Beckmanns erste künstlerische Versuche
schwanken noch zwischen Impressionismus und Symbolismus, den psychischen
Zusammenbruch als Freiwilliger im ersten Weltkrieg verarbeitet er in
expressiven Zeichnungen und Grafiken.
In den
zwanziger Jahren etabliert er sich in Frankfurt als Künstler und Professor
an der Städelschule. Jetzt
beginnt er, sich verstärkt mit Aquarell und Pastell auseinanderzusetzen -
Porträts, Stillleben und Akte lösen die düsteren Darstellungen des Krieges
ab. Unbeschwert ist sein Stilleben mit Maiglöckchen (1925),
eine lockere Komposition aus frühlingshaften Farben, sinnlich seine
Liegende, elegant und verletzlich die junge Fänn Schniewind auf ihrem
Porträt.
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Max Beckmann, Liegende, 1932,
©VG Bild-Kunst, Bonn 2006
1933 wird der
Maler von den Nazis als Professor an der Städelschule entlassen. Im selben
Jahr entstehen großformatige Aquarelle mit existentieller Thematik, die in
ihrer Wirkung nicht hinter den für Beckmann charakteristischen Gemälden
zurückbleiben. Melancholisch sitzt ein Holzfäller
zwischen drei Baumstümpfen, nur sein Hund leistet ihm Gesellschaft.
Mord schildert den Einbruch des Chaos' in die bürgerliche Welt: Im
Durcheinander eines total verwüsteten Zimmers ragt ein Paar nackter Füße
unter einem blutigen Laken hervor.
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Max Beckmann, Odysseus und Sirene,
1933, ©VG Bild-Kunst, Bonn
2006
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Das Spannungsverhältnis zwischen den Geschlechtern
thematisieren Blätter wie Geschwister und Odysseus und die
Sirene, das den Mann als potentielles Opfer zeigt - willenlos dem
Gesang eines unheimlichen Mischwesens aus Frau und Raubvogel ausgeliefert,
dem er sofort folgen würde, wäre er nicht an den Mast seines Schiffes
gefesselt. Was es bedeutet, der Versuchung nachzugeben, signalisieren die
Trümmer gestrandeter Schiffe, die die Sirene umgeben.
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Max Beckmann, Strandszene mit
Sonnenschirm, 1936, ©VG
Bild-Kunst, Bonn 2006
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Die dreißiger Jahre sind für Beckmann eine rastlose Zeit,
erst ist er mit seiner Frau häufig auf Reisen, dann auf der Flucht vor den
Nazis. Vermehrt entstehen in dieser Zeit farbige Papierarbeiten. Im
Gegensatz zur Ölmalerei ist das Aquarell das ideale "Medium für
unterwegs", mit dem schon
Dürer seine Reiseeindrücke festhielt. In Oberbayern entstehen
zahlreiche Landschaftsdarstellungen, an der holländischen Küste das
Portrait von Quappi in einem Café oder unbeschwerte Strandszenen, die
nichts von der angespannten Situation des Künstlers vor seiner Emigration
1937 ahnen lassen. Die letzten Arbeiten, die in Frankfurt zu sehen sind,
vollendet er im Exil in den Vereinigten Staaten. Beckmanns Kosmos hat sich
verdüstert. Davon zeugen verstörende Szenen wie Die Hunde
werden größer , in der Hunde eine schreiende Frau bedrohen,
oder Frühe Menschen , ein Blatt, an dem er über Jahre
gearbeitet hat. In einer Urlandschaft schlüpfen monströse Wesen aus
gigantischen Eiern, während am Himmel riesige Fische schweben. Surreal und
rätselhaft geht die Szenerie dieser Komposition über die Bilderfindungen
seiner Gemälde hinaus. Am Schluss der Ausstellung nimmt einen wieder der
dunkle Beckmann mit seinen apokalyptischen Visionen gefangen. Die
Büchse der Pandora steht offen, und grauer Rauch steigt in die
Höhe: Das Unheil nimmt seinen Lauf.
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