Geschichte und Verkleidung Ellen Gallagher im
Gespräch mit Cheryl Kaplan
In
ihren Arbeiten überblenden sich formale Strenge, die Aufarbeitung
afroamerikanischer Geschichte und subversiver Witz. Seit über einem
Jahrzehnt sorgt die Amerikanerin Ellen Gallagher mit ihren Zeichnungen und
Gemälden für internationales Aufsehen. Cheryl Kaplan hat
sich mit ihr über Kinderspiele, einbeinige Komiker und unheimliche
Krankenschwestern unterhalten.
 Ellen
Gallagher, aus der Serie "DeLuxe", 2005, Sammlung
Deutsche Bank, © Ellen Gallagher, Courtesy the artist and Hauser & Wirth
Zürich London
Fast ihr ganzes Leben hat Ellen
Gallagher in der Nähe von Häfen verbracht. Zurzeit pendelt sie
zwischen Rotterdam und New York hin und her, wo sie seit 1998 regelmäßig
in der Gagosian Gallery ausstellt.
1995 verhalf ihr die Teilnahme an der Whitney
Biennale zum Durchbruch. Ihre bekanntesten Arbeiten, Serien wie Preserve
oder DeLuxe oder ihre großformatigen Gemälde, basieren auf
Archivmaterial aus Magazinen wie Ebony,
einer erfolgreichen Lifestyle-Zeitschrift, die 1945 eigens für den
afroamerikanischen Markt entwickelt wurde. Ebony betrat kulturelles
Neuland, weil es schwarze Models zeigte, die sich an Autos schmiegten,
spezielle Haarprodukte verwendeten oder Softdrinks schlürften.
Gallaghers
Gemälde und Zeichnungen sind von listigen Eingriffen gekennzeichnet, wie
zum Beispiel den Kulleraugen und Perücken aus Knetgummi, mit denen sie die
Anzeigenvorlagen nachträglich ausstattet. Ihre visuellen Kommentare
hinterfragen die Vergangenheit und unterwandern die Sprache und die
Verhaltensmuster, die die Anzeigen propagieren. In Mr. Terrific
stattet Gallagher zum Beispiel den Helden einer Pomadenwerbung mit einer
wilden gelben Perücke aus, die zugleich als Maske fungiert. Es geht um Johnson’s
Ultra Wave, das "Sie wirklich stolz auf Ihr Haar machen wird". In
diesem Fall ist der Hersteller allerdings nicht die berühmte Firma Johnson
& Johnson, sondern die Firma George
E. Johnson - die 1971 als erstes schwarzes Unternehmen an die
Börse ging. Indem sie als Vorlagen sowohl authentisches als auch
erfundenes historisches Material verwendet, entlarvt Gallagher kulturelle
"Wahrheiten" als Versprechungen der Werbung und zwingt den Betrachter,
sich mit manipulierten Informationen auseinander zu setzen.
 Ellen
Gallagher, eXelento, 2004 (Ausschnitt), Courtesy
Gagosian Gallery
In Gallaghers Arbeit geht es
um amerikanische Identität; darum wie diese Identität zunächst angepasst
und dann geglättet wird, wobei die Konflikte bestehen bleiben. Ihre Werke
führen zurück zur Middle
Passage, den berüchtigten Routen der Sklavenschiffe von Afrika
über den Atlantik nach Amerika, auf denen Millionen von Sklaven unter den
menschenunwürdigsten Bedingungen umkamen.
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Ellen Gallagher, aus der Serie "DeLuxe",
2005, Sammlung Deutsche Bank, ©
Ellen Gallagher, Courtesy the artist and Hauser & Wirth Zürich London
Die
Spannung in Gallaghers Arbeit beruht auch auf dem subtilen und zugleich
harten Wechselspiel zwischen dem Formalismus minimalistischer Kunst und
dem historisch aufgeladenen Archivmaterial: "Wenn ich Techno höre, oder
Hip Hop, fällt mir Jazz ein. Wie auch im Jazz geht es hier um Minimalismus,
um eine bestimmte Kargheit und Härte. Wenn man an Donald
Judd denkt, kann man auch an Miles
Davis denken." Während es beim Minimalismus um das Verhältnis der
einzelnen Materialien zueinander, um den Raum und den Betrachter geht,
sorgt Gallaghers Bezugnahme auf Jazz und Minimal-Art für völlig neuartige
visuelle Entladungen. Die zarten Gitterstrukturen in Ihren Arbeiten lassen
an die Linienführung der Minimal-Künstlerin Agnes
Martin und deren strenge Reduktion denken. Doch zugleich spielt
Gallagher mit der Oberfläche ihrer Bilder, nutzt Hinzufügungen und
Auslassungen, um formale Festlegungen zu untergraben und Informationen
aufzuspüren und zu verändern. Sie erschafft Charaktere, die historisch
oder bis zur Unkenntlichkeit verändert sein können. Ihr Arsenal von
Figuren unterstützt die Künstlerin darin, Widersprüchlichkeiten und Brüche
im menschlichen Verhalten aufzudecken.
Cheryl Kaplan: Ihre Zeichnungen der Serie
"Preserve" haben Sie mit Formen aus Knetgummi ergänzt. Diese Ergänzungen
erinnern mich an Colorforms,
ein Kinderspielzeug aus bunten, abziehbaren Plastikfolien, die man auf
vorgefertigte Motive in Alben kleben konnte. Es gab sie in allen möglichen
Varianten, etwa als Kleid, das man auf ein Bild von Barbie
pappen konnte. Als Kind habe ich es geliebt, diese bunten Formen
aufeinander zu kleben – bis zu 50 Stück.
Ellen
Gallagher: Ich habe mit einer Freundin Puppenkleider aus ganz vielen
Lagen Papier gemacht. Unsere Puppen sahen danach aus wie Boli-Figuren.
Diese Skulpturen werden in Afrika bei Ritualen benutzt und ihnen werden
dabei immer neue Schichten hinzugefügt.
 Ellen
Gallagher, "DeLuxe", 2005, Sammlung
Deutsche Bank, © Ellen Gallagher, Courtesy the artist and Hauser & Wirth
Zürich London
Mit Ihren
Knet-Perücken verändern Sie vorgefertigte Motive, wobei Sie deren
Gestaltung manchmal respektieren, aber manchmal auch sabotieren.
Auch
wenn die Arbeiten so aussehen wie Seiten aus einem alten Magazin, habe ich
sie immer verändert. Zuerst lege ich ein Archiv an. Das erste Mal, dass
ich mit einem Archiv gearbeitet habe, war bei den Zeichnungen der Serie Preserve,
das hat sich dann in dem Gemälde Falls and Flips (2001)
weiterentwickelt. Ich konstruiere meine Gemälde mit Hilfe eines Gitters.
Im Gegensatz zu den selbstreferenziellen Gitterstrukturen des
Minimalismus, die sich auf "Nichts" beziehen, verweist dieses Gitter bei
mir ganz bewusst auf die Welt außerhalb des Bildes. Wie das Gitternetz bei
einer Landkarte oder bei Navigationshilfen aktiviert dieses Gitter den
Raum in meinen Arbeiten. Ich vergrößere ein Detail oder beschneide es bis
es passt, entwerfe eine gefälschte Werbeanzeige oder verwende eine echte
und scanne sie dann. Am Ende kann man dann nicht sagen, was authentisch
oder was von mir bearbeitet worden ist. Der Eindruck der Originaltreue der
einzelnen Blätter war mir bei den ersten Preserve-Zeichnungen
sehr wichtig. Bei diesen Operationen geht es darum, wie man in das
Material eingreift und es abstrahiert.
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