In dieser Ausgabe:
>> Gespräch: Laura Owens
>> Interview: Markus Schinwald
>> Kinderbildnisse in der Sammlung Deutsche Bank
>> Kindliche Strategien in der Kunst

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Ihre Diaprojektion "Diarios (to you)" erzählt ja auch eine zunächst undurchschaubare Geschichte, die beziehungslose Elemente wie Cowboys und expressionistische Architektur zusammen bringt.

Die Arbeit entstand für eine Ausstellung über das Lokale, im Gegensatz zur Globalisierung. Dafür habe ich versucht, in Wien Orte zu finden, die aussehen als wären sie ganz woanders, wie diese expressionistische Kirche von Wotruba, von der kein Mensch annehmen würde, dass sie eine ist. Es geht mir hierbei nicht um die Kirche, sondern um ein Klischee. Dann gibt es den Cowboy, der mit Wien auch ganz wenig zu tun hat, und das Krematorium von Holzmeister, das auch eine marokkanische Zahnklinik sein könnte. Also, ich habe viele Klischees auf Wien übertragen. Mein Film funktioniert dabei eher wie ein Poem, und ein Gedicht braucht keine Handlung. Alle meine Filme liegen näher am Gedicht als am Roman.



Markus Schinwald, 1st part conditional, 2004,
Film Still, Courtesy Galerie Georg Kargl, Wien

Und dem Tanz. Die offene, poetische Form schlägt sich auch in bestimmten Choreografien nieder. Sie arbeiten häufig mit Tänzern oder beziehen die Besucher Ihrer Installationen mit ein, wie bei Ihrer jüngsten Ausstellung "Korridor der Unsicherheiten", die derzeit in Münster zu sehen ist. Der Pressetext droht damit, dass der Besucher der Installation zum Spielball einer "unsichtbaren Gewalt" wird. Worauf zielt diese Verunsicherung des Betrachters?

Ich finde die Installation gar nicht so "unsicher". In Münster gab es mehrere Koordinaten, als ich die Ausstellung plante. Die eine war der Film 1st Part Conditional, in dem eine Tänzerin kollabiert. Daraus ist die Idee für den Boden in der Ausstellung entstanden, der aus 15 cm Schaumstoff besteht, über dem ein Teppich liegt. Der Untergrund ist zwar unsicher, die Arbeit hat dadurch aber auch den Charakter einer Höhle oder Hüpfburg für Kinder. Man sinkt bei jedem Schritt ein. Wenn dann mehrere Leute unterschiedlichen Alters gleichzeitig darüber gehen, dann macht die ältere Dame in hochhackigen Schuhen kleinere, der junge Sportler größere Schritte und daraus ergibt sich eine Art Choreografie. Viele Elemente der Installation bewegen sich zwischen Slapstick und etwas sehr Unangenehmen. Einmal stolpern kann blöd oder tragisch sein und auch wehtun, aber wenn man das am Stück zwanzigmal macht, dann wird es zu Slapstick. Das Spielerische taucht bei mir immer wieder auf. Die Arbeit ist nicht als Horrorkabinett angelegt.



Markus Schinwald, Korridor der Unsicherheiten, 2005,
Ausstellungsansicht, Courtesy Galerie Georg Kargl, Wien

Und erinnert dennoch ein wenig an eine Geisterbahn. In das riesige Wandbild, das einen märchenhaft anmutenden Wald zeigt, sind Nischen mit lebensgroßen Marionetten eingelassen, die auf Schaukeln sitzen. Immer wieder taucht in der Literatur der Romantik und Aufklärung das Motiv der Marionette oder des Automaten als unheimlicher oder seelenloser Doppelgänger auf, in dem sich das gesellschaftliche Dasein spiegelt. Sehen sie sich in der Tradition der Romantik?

Ich beziehe mich nicht nur auf die Romantik, sondern eher auf die ganze Kulturgeschichte. In Münster mag das so erscheinen mit der Marionette auf der Schaukel in dieser Landschaft, aber eigentlich geht die Arbeit von einem Rokoko-Gemälde aus: Fragonards Schaukel. Unter Romantik wird nicht immer das verstanden, was die Romantik wirklich war.


Zugleich wirken Ihre Inszenierungen wie die Bühne für ein imaginäres Theater. Sie sind bereits als Fünfjähriger als Statist in Mozarts "Zauberflöte" aufgetreten. Was waren Ihre ersten Erfahrungen mit Theater und Kostümierungen?

Wenn ich an die Zeit zurück denke, dann sehe ich mich selbst im schwarzen Catsuit. Ich musste das Kostüm über viele Jahre tragen – natürlich immer wieder in verschiedenen Größen. Für mich ist das so überhaupt nicht sexuell besetzt, wie für viele andere, die in einem schwarzen, engen Anzug etwas ganz Besonderes sehen. Ich habe mich ganz auf meine Rolle als "Schlangenschwanz" konzentriert (lacht). Diese Erfahrung mit Kostümen spiegelt sich aber in keiner Weise in meiner Arbeit wieder. Dafür kenne ich die Oper mittlerweile in und auswendig. Ich könnte sofort das Libretto schreiben.



Markus Schinwald, Anna, 2003 und Otto, 2003, Courtesy Galerie Georg Kargl, Wien

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