In dieser Ausgabe:
>> Gespräch: Laura Owens
>> Interview: Markus Schinwald
>> Kinderbildnisse in der Sammlung Deutsche Bank
>> Kindliche Strategien in der Kunst

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Freundliche Platzhalter
Ein Gespräch mit Laura Owens


Den märchenhaft fantastischen Gemälden von Laura Owens haftet auf den ersten Blick oft etwas kindlich Verspieltes an. Hinter dem scheinbar Naiven verbirgt sich allerdings eine tiefgründige Reflexion des Mediums. Die Bilder der in Los Angeles lebenden Malerin sind komplexe Farbkompositionen, die in einem Dialog mit der Geschichte der Malerei und der Tradition der Moderne entstehen. Die vermeintlichen Fabelwelten zeugen der Suche nach einem klar durchdachten Bildaufbau und dem Aufbegehren gegen malerische Klischees. Cheryl Kaplan hat sich mit Owens über freundliche Tiere, Ritter, und nächtliche Streifzüge durch berühmte Sammlungen unterhalten.



Laura Owens, Untitled, 2004
Courtesy of Gavin Brown's enterprise, New York

Auf den ersten Blick vermitteln die Gemälde und Zeichnungen von Laura Owens den Eindruck einer fröhlichen, fantastischen Welt. Anders als etwa der Outsider Artist Henry Darger, dessen Werk sehr viel naiver und gleichzeitig düsterer erscheint, zieht Owens raffiniert gewebtes Universum den Betrachter in eine Welt voller Unsicherheiten. Vielleicht erspäht man einen ein Fuchs oder ein Hund, die auf einen Ast gekauert Wache halten. Doch man sollte schon zweimal hinschauen, denn zugleich fungieren diese Figuren als Lockvögel, die den Weg in Owens Gemälde weisen.


Beide: Laura Owens, Untitled, 2004 (Details)
Courtesy of Gavin Brown's enterprise, New York

Owens erweckt ihre Leinwände mit einem präzisen und intuitiven Geschick zum Leben und bringt alles, was ruhig und organisiert erscheint, aus dem Gleichgewicht. Ihre Arbeiten - immer ohne Titel - erinnern an klassische japanische Drucke, die Gemälde von Florine Stettheimer, einer in den Neunzigern wiederentdeckten Pionierin der amerikanischen Moderne, oder an Matisse, die Color Field Maler und die abstrakten Arbeiten von Mary Heilman. Und doch sind sie völlig eigenständig und eigenwillig. Manchmal arbeitet sie in ihre Gemälde und Zeichnungen Strukturen von Stoffen ein - flüchtige Eindrücke komplexer Designs, wie man sie im etwa Londoner Victoria and Albert Museum sehen kann. Ihre intimen Porträts von Paaren, die sich umarmen oder auch nur zusammen auf einem Bett liegen, vermitteln eine beständige Spannung, die in Owens Werk sonst nur selten zu finden ist.

Zusammen mit den befreundeten Künstlern Peter Doig und Chris Ofili konzipierte Owens 2002 im Santa Monica Museum of Art die Ausstellung Cavepainting, die den kreativen Austausch der drei Maler thematisierte. Sie nahm an der Whitney Biennial teil und stellt regelmäßig in New York bei Gavin Brown und in wichtigen amerikanischen und internationalen Museen aus. Laura Owens lebt und arbeitet in Los Angeles. Gerade ist sie Mutter eines Sohnes geworden. Im Gegensatz zu ihren unbetitelten Gemälden hat ihm einen Namen gegeben.



Laura Owens, Untitled, 2004
Courtesy of Gavin Brown's enterprise, New York

Cheryl Kaplan: Auf ihrer Gemäldeserie Ohne Titel von 2004 ist eine Menagerie von Tieren des Waldes versammelt, die mit jedem Märchenbuch oder auch Disneys Bambi alle Ehre machen würde. Ist Ihre Arbeit durch Zeichentrickfilme beeinflusst? Die Art, wie Sie etwa einen Baum, einen Hund oder eine Eule betrachten, erscheint mir sehr spielerisch.

Laura Owens: Mir geht es vor allem um den Raum: Vorder-, Mittel- und Hintergrund und die Tiefe des Raums. Die Tiere sind Platzhalter, durch die man in das Bild eintritt. Ich beschäftige mich mit diesen Fabeltieren, weil man sich in sie einfühlen kann.


Laura Owens, Untitled, 2004 (Detail)
Courtesy of Gavin Brown's enterprise, New York


Laura Owens, Untitled, 2004
Courtesy of Gavin Brown's enterprise, New York


Sie sind freundlich, aber unbestimmt. Der Raum, den sie bevölkern, scheint mir verwandt mit den Gärten aus der Zeit der höfischen Liebe - eine Welt geradezu erschaffen für geheimen Liebschaften und Romanzen. Ihre Gemälde wirken sehr verspielt.

Ich kann verstehen, wenn man diese Welt in meinen Bildern entdeckt. Die Gemälde sind aber mathematisch konzipiert, damit der Blick des Betrachters ständig in Bewegung bleiben muss und sich nicht auszuruhen kann. Keines der Tiere dominiert das Bild oder wird zum Protagonisten einer Geschichte. Sie halten sich gegenseitig im Gleichgewicht.

Sie sprechen von einer Welt ohne Hierarchien wie in klassischen japanischen Farbholzschnitten. Wo sind Sie den Hokusai zum ersten Mal begegnet?

Ich habe mir ein Buch zu diesem Thema gekauft. Wahrscheinlich hat mich meine Beschäftigung mit impressionistischer Kunst darauf gebracht. Künstler wie van Gogh oder auch die Post-Impressionisten haben sich ja auch mit japanischer Druckgrafik auseinandergesetzt. Ich interessiere mich für Henri de Toulouse-Lautrec und die Matisse-Gemälde in der Barnes Collection. Dort gibt es ein Triptychon von drei Frauen - drei mal drei Frauen.


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